Der Knochensammler

Francisco Etxeberria unterrichtet forensische Anthropologie an der Universität des Baskenlandes. In seiner Freizeit obduziert der Arzt Opfer von Gewaltverbrechen und hebt Massengräber aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs aus.

Foto: Annett Bourquin

brand eins 06/2013 · Francisco Etxeberria schöpft mit einem Eimer Wasser. Er trägt eine schwarze Kappe mit Ohrenklappen und eine Outdoorjacke. Den Saum seiner Trekkinghose hat er in die Strümpfe gesteckt. “Nehmt Eimer und bildet eine Kette, das Wasser muss weg, sonst können wir nicht anfangen”, ruft der Gerichtsmediziner den Umstehenden zu, die noch ein bisschen verschlafen wirken. Es ist Samstagmorgen neun Uhr, die Sonne wirft ihr Licht auf die gelbgrünen Bäume von Navarra im Norden Spaniens.

Es hat viel geregnet in den vergangenen zwei Wochen. Eine große weiße Plastikplane bedeckt ein Stück Wiese am Bach. Neben ihr wurde schwere lehmige Erde zu zwei Haufen aufgeschichtet. Ein paar Männer haben hier das Erdreich einen Meter tief quadratisch abgetragen. Genau an der Stelle, wo “Ende Juli oder am 3. oder 4. August 1936″ sechs Männer aus der Gegend von ihren Nachbarn erschossen wurden. Das berichtet Josetxu Arbizu, Mitglied eines örtlichen Vereins zur Aufklärung der Verbrechen, die in den Jahren 1936 bis 1939 während des Spanischen Bürgerkriegs begangen wurden. Er hat mit Augenzeugen gesprochen, darunter mit einem heute 89-jährigen Mann, der damals als Junge mithelfen musste, die gefesselten Männer paarweise einzugraben. Josetxu Arbizu rief daraufhin Etxeberria an: “Wir haben ein Massengrab, könnt ihr es heben?”

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