Kirche soll Steuern zahlen

Deutschlandfunk, 9.1.2017 · Leere Kassen wegen der Kirche? Elf Milliarden Euro hat der spanische Staat 2015 der Kirche geschenkt, mit Subventionen und durch Steuerbefreiung, sagen Laizisten. Vor allem linke Politiker wollen die Privilegien der Kirche jetzt abschaffen – eine Rache für die Rolle der Kirche in der Franco-Diktatur?

Catedral Valencia
Die Kathedrale von Valencia.

Valencia, Spaniens drittgrößte Stadt. Seit den Kommunalwahlen im Mai 2015 weht ein neuer Wind: 24 Jahre lang hat die konservative PP-Partei in Valencia regiert. Nun ist eine Linkskoalition ins Rathaus eingezogen. Sie will vieles ändern – zum Beispiel das althergebrachte Verhältnis von Kirche und Politik.

Die katholische Kirche bezahlt keine Grundsteuer, weder für Kathedralen, Kirchen, Klöster, noch für Priesterwohnungen, Schulen, Internate – und auch nicht für Garagenplätze, Geschäftsräume, Hotels oder Wohnungen, die sie verpachtet oder vermietet hat.

In Valencia besitzt die Erzdiözese laut Grundstücksregister über 1.200 Gebäude, von denen sie nur rund 150 religiös nutzt. Rund drei Millionen Euro gehen Valencia jedes Jahr verloren, weil die Kirche keine Grundsteuer zahlen muss. Ramon Vilar ist Stadtrat für Finanzen. Er spricht von “mittelalterlichen Privilegien”:

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Quer durch die Reispfanne

Wer den Paella-Zutaten beim Wachsen zusehen will, kann das im Umland von Valencia tun. Seit tausend Jahren werden dort Gemüse und Reis angebaut.

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Zeit online, 13.4.2014 · Ein Fliesenbild, darauf Frauen in Brokatkleidern mit Flechtfrisuren, Männer in Dreiviertelhosen und kurzen Westen. Ihre Gesichter: stolz und zufrieden. Auf dem Holztisch stehen braune Keramikteller neben einem gläsernen Krug mit Sangría, im Hintergrund ein mit Früchten behängter Orangenbaum. Die Szene zeigt eine wohlhabende Familie aus Valencia. Ihren Sonntag verbringt sie auf dem Land, genauer gesagt: ihrem Stück Land. Ein Haus mit spitzem Satteldach ist zu sehen, das typische Haus der Bauern, die unter der Woche das erwirtschafteten, was am Sonntag die Eigentümer zufrieden stimmte. Das Bild prangt im Restaurant Ca Pepico von der hellen Wand des Speisesaals. In Meliana, einem Dorf bei Valencia, wo sich solche Szenen noch vor ein paar Jahrzehnten abspielten. Meliana liegt in der Horta de València, dem grünen Umland der Stadt, im fruchtbaren Mündungsdelta des Flusses Turia an der Mittelmeerküste. Viele Städte hier sind von Feldern umgeben, auf denen Gemüsebauern das pflanzen, was die Städter essen. Aber nur wenige haben eine tausendjährige Tradition wie Valencia. Der Frucht- und Gemüsehandel blühte bis ins 20. Jahrhundert hinein. Er brachte der Stadt Wohlstand. Die hiesigen Orangen eroberten Mitteleuropa, Valencia wird bis heute mit Süden und Sonne assoziiert.

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Problematische Wahrzeichen

Die hochverschuldete Stadt Valencia trägt wegen der Krise schwer an ihren Prachtsbauten der Boomjahre. Dabei gäbe es rings um die Millionenstadt ein 900 Jahre altes, einmaliges Erbe zu schützen.

NZZ, 10.9.2013 · Fast zwei Millionen Menschen leben im Grossraum Valencia. Die drittgrösste Stadt Spaniens liegt an der Ostküste der Iberischen Halbinsel. Der Hafen und das fruchtbare Land der Region verliehen ihr schon zu Zeiten der Mauren Bedeutung. Bis heute exportiert sie europaweit Obst und Gemüse. Bekannt waren früh schon die Orangen aus Valencia. Die süssen Symbole des Südens wecken noch immer positive Assoziationen. Ganz anders verhält es sich mit Valencias neuen Wahrzeichen: Es sind Bauten, von denen viele leer stehen und ihren Glanz verlieren. In der Hafenstadt war die Immobilienblase besonders gross. Rund zehn Jahre lang – zwischen 1997 und 2007 – wuchs Valencia unaufhaltsam. In ewiger Konkurrenz mit der schillernden Mittelmeermetropole Barcelona und mit Sevilla, der viertgrössten Stadt Spaniens, wollte Valencia sein Profil schärfen. Neue Symbole wurden gesucht. Wer wollte sich in den 1990er Jahren noch mit Orangen identifizieren, nachdem Barcelona die Olympischen Spiele und Sevilla die Expo veranstaltet hatte? Also wurde Santiago Calatrava von seiner Heimatstadt mit dem Grossprojekt der Ciutat de les Arts i de les Ciències (CAC) betraut. Continue reading

Die Mechanismen des Betriebssystems

NZZ, 26.6.2013 · Rafael Chirbes, geboren 1949 in der Nähe von Valencia, beschreibt, was um ihn herum geschieht. «Krematorium» thematisierte den Boom, im neuen Roman geht es um die Krise. Ein Interview.

Foto: uimp.es

In Ihrem vorletzten Roman «Krematorium», erschienen 2007, zeigten Sie das Spanien des Booms, der Korruption und Geldgier. Im neuen Buch zeigen Sie, was übrig geblieben ist: Spanien in Trümmern. Warum legen Sie wieder die Finger in die Wunde?

Weil ich immer noch unter demselben Unbehagen leide. Mein Antrieb zum Schreiben sind mein eigener innerer Widerspruch – ich bin Marxist und Materialist – und die Spannung zwischen mir und der Gesellschaft. Bei der Introspektion betrachte ich auch meine Umwelt und blicke zugleich in die Vergangenheit. Nur so kann ich mich selbst verstehen. Meine Seele ist ja ein Teil der Seele der Gesellschaft, in der ich lebe. Jede Zeit hat ihr eigenes Psychogramm. Ich suche nach den Mechanismen des gesellschaftlichen Betriebssystems.

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