Das Leben ist kein Hundert-Meter-Sprint

David Truebas Roman zu Spaniens Krise gewinnt den Kritikerpreis

NZZ, 6.5.2009 · Die Weltwirtschaftskrise hat Spanien in besonderer Art erwischt: Jüngere Leute kannten bisher nur den stetigen Boom. David Truebas neues Buch hilft ihnen nun, auch das Verlieren zu lernen.

Spanien steckt in der Krise. Dabei ist das Land nicht allein. Doch in Spanien ist die Krise nicht nur wirtschaftlich (knapp 18 Prozent Arbeitslose, mehr als vier Millionen Menschen, Ende April), sie ist auch psychologisch. Das Selbstbewusstsein sinkt parallel zu den Statistiken. Jüngeren Spaniern – den ab 1975 geborenen, dem Jahr, in dem Francos Diktatur endete – muss man erst erklären, dass alles, was sie bisher gelernt haben, keine Gültigkeit mehr hat. Dass das Geld nicht einfach so aus dem Automaten kommt; dass man sich ohne Eigenkapital kein Haus leisten und den gesamten Haushalt nicht auf Raten kaufen sollte. Die Ära des grenzenlosen Konsums ist zu Ende.

Continue reading

“Der Mensch ist so schlecht, wie man ihn sein lässt”

Denker, Publizist, Aktivist. Der 1947 im baskischen San Sebastián geborene Fernando Savater wird in seinem Heimatland als Unbequemer angeschaut – und angefeindet. In Madrid traf ihn Brigitte Kramer.

Foto: Gonzalo Merat

NZZ, 14.4. 2014 · In Ihrem jüngsten Buch «Meine Einbildungen» versammeln Sie Zeitungskolumnen der vergangenen Monate. Ein wichtiges Thema für Sie ist Spaniens Bildungspolitik. Was passiert gerade im Land?

Die europaweite Tendenz geht zu rein funktionsorientierten Bildungsprogrammen. Anstatt Bürger und Menschen zu formen, schafft man Angestellte, Leute, die mehr oder weniger tüchtig arbeiten. Weiterführende Perspektiven gibt es nicht mehr. Natürlich müssen Schüler und Studenten auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, aber es ist noch wichtiger, sie zu mündigen Bürgern zu erziehen. Martha Nussbaum nannte das «cultivating humanity». Das geht verloren. Als Maturfach hält sich Philosophie meines Wissens nur noch in Frankreich und Italien. Auch in Spanien herrscht diese Tendenz: immer mehr kurze, praxisorientierte Studiengänge. Es gibt zum Beispiel kaum mehr Lehrveranstaltungen zu europäischer Literaturgeschichte, immer weniger Studenten kennen Klassiker wie Shakespeare, Goethe, Cervantes, Dante.

Sie haben sich jahrzehntelang um die Kultivierung der Menschlichkeit bemüht, als Ethik-Professor und als Autor von Handbüchern zur Philosophie. Laut einer Umfrage des britischen Magazins «Prospect» unter 1000 Teilnehmern in hundert Ländern gehörten Sie 2013 zu den 100 einflussreichsten Denkern weltweit. Hört man auf Sie?

Als Lehrer habe ich Talent, glaube ich, weil ich selbst ein Ignorant bin. Ich verstehe andere in ihrem Unwissen ganz gut. Als Autor und Kolumnist habe ich mein Publikum, keine Frage, vor allem in Lateinamerika, wo ich oft Vorträge halte. Aber grosse Illusionen mache ich mir nicht, der Einfluss der Philosophie ist begrenzt. Vor einiger Zeit sind innerhalb von drei Tagen drei wichtige Spanier gestorben, der Dichter Félix Grande, der Philosoph Carlos París und der Fussballtrainer Luis Aragonés. Sie können sich vorstellen, wer von ihnen auf allen Titelblättern war.

Continue reading

Madrid macht sich frei von Depressionen

Blick von der Dachterrasse des Círculo de Bellas Artes

Sechs Jahre lang lief für Spaniens Hauptstadt alles schief. Doch jetzt erlebt die Stadt neues Selbstbewusstsein und eine Lebendigkeit, die nicht von oben verordnet ist.

zeit online 23.3.2014 · Madrid wird überleben, trotz allem. Trotz all des Stickstoffdioxids, all der Schulden, all der Arbeitslosen, all der geplatzten Träume. Die Propheten heißen Carlos Lahoz und Manuel Leira. Sie haben vor rund einem Jahr den Madrid Think Tank gegründet. Darin entwickeln sie gemeinsam mit anderen Ideen, um Spaniens Hauptstadt am Leben zu erhalten: Madrid, Metropole auf der Hochebene, wo Luft und Straßen schmutzig sind, wo niemand mehr investieren will, wo Touristen wegbleiben und Schulden in den Himmel wachsen. Uff. “Als Bürger fühlen wir uns verpflichtet”, sagen die Architekten, “der Stadt ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben”.

Continue reading

Rafael Chirbes – Chronist der spanischen Krise

Bayerischen Rundfunk, Radio Wissen, 21.1.2014 · Rafael Chirbes hat in seinem vielbeachteten Roman “Am Ufer” Spanien in der Krise porträtiert. Dort, wo andere Urlaub machen, zeigt der bekannte Autor ein Szenario aus Bauruinen, Korruption und Kriminalität.

RafaelChirbes_Foto

 

 

 

 

 

 

 

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/rafael-chirbes-krise-100.html

Lesen stiftet Gemeinschaft

Das Buch sei die einzig wahre Verlängerung des menschlichen Geistes, schrieb einst der argentinische Romancier Jorge Luis Borges. Es verdiene deshalb eine Sonderstellung unter den menschlichen Erfindungen, denn alle anderen dienten dem Körper. Zu dieser Einsicht gelangen spanienweit immer mehr Bürger. Je weniger Geld in das Kulturbudget der Gemeinden fliesst, desto mehr Zuspruch erfahren die Bibliotheken.

NZZ, 6.8.2013 · Spanier, die zu Hause Fixkosten reduzieren müssen, nutzen dort kostenlosen Zugang zum Internet und lesen Zeitungen. In den Bibliotheksräumen treffen sich Arbeitslose auf Jobsuche, Studenten, die sich auf ein Examen vorbereiten oder Nachhilfeunterricht geben, und Familien mit Kindern, die daheim so beengt leben, dass sie keine Ruhe zum Lesen finden. In Andalusien ist die Zahl der Nutzer öffentlicher Bibliotheken in den letzten vier Jahren um mehr als fünfzig Prozent gestiegen. Immer mehr Spanier nehmen ihre Bibliothek als kostenloses, nicht konsumorientiertes Informations-, Bildungs- und Freizeitzentrum wahr.

Continue reading

Die Mechanismen des Betriebssystems

NZZ, 26.6.2013 · Rafael Chirbes, geboren 1949 in der Nähe von Valencia, beschreibt, was um ihn herum geschieht. «Krematorium» thematisierte den Boom, im neuen Roman geht es um die Krise. Ein Interview.

Foto: uimp.es

In Ihrem vorletzten Roman «Krematorium», erschienen 2007, zeigten Sie das Spanien des Booms, der Korruption und Geldgier. Im neuen Buch zeigen Sie, was übrig geblieben ist: Spanien in Trümmern. Warum legen Sie wieder die Finger in die Wunde?

Weil ich immer noch unter demselben Unbehagen leide. Mein Antrieb zum Schreiben sind mein eigener innerer Widerspruch – ich bin Marxist und Materialist – und die Spannung zwischen mir und der Gesellschaft. Bei der Introspektion betrachte ich auch meine Umwelt und blicke zugleich in die Vergangenheit. Nur so kann ich mich selbst verstehen. Meine Seele ist ja ein Teil der Seele der Gesellschaft, in der ich lebe. Jede Zeit hat ihr eigenes Psychogramm. Ich suche nach den Mechanismen des gesellschaftlichen Betriebssystems.

Continue reading

Kleinvieh als Krisenhelfer

Schafe und Ziegen sollen Maurern, Kellnern oder Akademikern aus der Krise helfen, das andalusische Hinterland aufwerten und Wissenstransfer ermöglichen. Dabei wollen sie nur in Ruhe grasen.

NZZ, 26.3.2013 · Gebimmel und Gemecker prägen neuerdings die Geräuschkulisse von Grazalema. Das andalusische Bergdorf liegt in Spaniens erstem Naturpark und gibt ihm den Namen: Parque Natural Sierra de Grazalema. Er erstreckt sich über 53 000 Hektaren und liegt rund 150 Kilometer von der Provinzhauptstadt Cádiz entfernt. Seit dem Jahr 1977 ist das weitläufige Bergmassiv so streng geschützt, dass nicht einmal extensive Viehwirtschaft erlaubt war. «Die Schäfer mussten ihre Herden aufgeben und nach Deutschland auswandern», erinnert sich Antonio Lara.

Continue reading