Lesen stiftet Gemeinschaft

Das Buch sei die einzig wahre Verlängerung des menschlichen Geistes, schrieb einst der argentinische Romancier Jorge Luis Borges. Es verdiene deshalb eine Sonderstellung unter den menschlichen Erfindungen, denn alle anderen dienten dem Körper. Zu dieser Einsicht gelangen spanienweit immer mehr Bürger. Je weniger Geld in das Kulturbudget der Gemeinden fliesst, desto mehr Zuspruch erfahren die Bibliotheken.

NZZ, 6.8.2013 · Spanier, die zu Hause Fixkosten reduzieren müssen, nutzen dort kostenlosen Zugang zum Internet und lesen Zeitungen. In den Bibliotheksräumen treffen sich Arbeitslose auf Jobsuche, Studenten, die sich auf ein Examen vorbereiten oder Nachhilfeunterricht geben, und Familien mit Kindern, die daheim so beengt leben, dass sie keine Ruhe zum Lesen finden. In Andalusien ist die Zahl der Nutzer öffentlicher Bibliotheken in den letzten vier Jahren um mehr als fünfzig Prozent gestiegen. Immer mehr Spanier nehmen ihre Bibliothek als kostenloses, nicht konsumorientiertes Informations-, Bildungs- und Freizeitzentrum wahr.

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Es werde dunkel!

Fuerteventura will Starlight Destination werden. Die kanarische Insel hofft auf ein Unesco-Zertifikat, das ihr die Hintertür zum nachhaltigen Tourismus öffnet.

Die Zeit online 1.8.2013 · Wenn Asunción Alonso morgens um halb fünf zur Arbeit geht, blickt sie manchmal nach oben. “So schön wie hier ist der Himmel nirgendwo”, sagt die 45-jährige Käserin aus Villaverde. Das weite Firmament, die klare Luft und der dunkle Himmel sind es, die Alonso seit ihrer Kindheit mit ihrer Heimat verbindet.

Fuerteventura, die flachste und älteste Insel der Kanaren, ist einer der weltbesten Orte zum Sternegucken. Das findet nicht nur Alonso, sondern auch die Internationale Astronomische Union (IAU), die Starlight Finder Foundation der Unesco und etwa 30 Hobby-Astronomen auf der Insel. Sie wollen Fuerteventura zum Sternenhimmel-Reservat machen. Mit dieser Auszeichnung könnte die Insel Starlight Destination werden, eine neue Spielart des Naturtourismus.

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Die Wolkenwasser der Bimbachen

Im Bergland der Kanareninsel El Hierro regnet es unter den Bäumen. Es ist das Kondensat des Passatnebels an ihren Blättern. Die Ureinwohner wussten das klug zu nutzen

Der Garoé-Baum in einer Radierung aus dem Jahr 1683.
Der Garoé-Baum in einer Radierung aus dem Jahr 1683.

Mare Juni/Juli 2013 · BIS ZUR ENTDECKUNG AMERIKAS endete die Welt kurz hinter El Hierro. Alte Reiseberichte von der kanarischen Insel sind gespickt mit Beschreibungen fantastischer Riten, vollführt von dunkelhäutigen Menschen im Lendenschurz. Die Steinzeit endete auf der abgelegenen, kleinen Insel tatsächlich erst an jenem Tag des Jahres 1405, an dem der französische Eroberer Jean de Béthencourt im Auftrag Kastiliens das Eiland betrat. „Und auf den höchsten Ebenen wachsen Bäume, von denen ununterbrochen gutes und sauberes Wasser tropft, das in Gruben neben ihnen fließt, das beste Trinkwasser, das sich finden lässt. Und es ist so gesund, dass, wenn man bis zur Sattheit gegessen hat und man dieses Wasser trinkt, in weniger als einer Stunde alle Speisen vollständig verdaut sind und man genau denselben Appetit hat wie vor dem Trinken.“

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Vater wegen Doppelmordes an seinen Kindern verurteilt

Ein ehemaliger Berufssoldat soll im Oktober 2011 seine beiden Kinder ermordet haben, um sich an seiner Ex-Frau zu rächen. Ihm drohen 40 Jahre Haft.

NZZ, 13.7.2013 · In Spanien ist am Freitag der Gerichtsprozess zu einem der spektakulärsten Mordfälle zu Ende gegangen. Ein Geschworenengericht befand einen angeklagten Vater einstimmig für schuldig, im Oktober 2011 seine damals sechs und zwei Jahre alten Kinder «mit Hinterlist» ermordet und auf einem Anwesen am Stadtrand von Córdoba verbrannt zu haben. Ein Richter muss nun das Urteil bestätigen und die Strafe festlegen. Staatsanwalt und Kläger fordern 40 Jahre Haft. Als Motiv gilt Rache an seiner Ex-Ehefrau, die sich drei Wochen zuvor von ihrem Mann getrennt hatte. Der Vater meldete am 8. Oktober 2011 die Kinder als vermisst. Er gab an, sie auf einem Spielplatz verloren zu haben.

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Ich werde Dich Südsee nennen

Vasco Núñez de Balboa hat vor 500 Jahren als erster Europäer den Pazifik gesehen. Sein Geburtsort Jerez de los Caballeros versucht nun, das Beste daraus zu machen.

Keramik in der Kirche San Bartolomé

Die Zeit online · 5.6.2013 Einige Missgeschicke und ein Glücksfall brachten Vasco Núñez de Balboa (1475-1517) in kurzer Zeit auf das Podest der Glorreichen. Grob gerechnet brauchte er zwölf Jahre, um vom verarmten Provinzadeligen zum Entdecker eines Weltmeers zu werden. Genau gerechnet legte er den Weg zum Ruhm in gut drei Wochen zurück. Er gab einem Meer seinen Namen, Mar del Sur. Sein Leben ist in den Chroniken der Neuen Welt aus dem 16. Jahrhundert festgehalten, bei Bartolomé de las Casas oder Gonzalo Fernández de Oviedo. Sie belegen: Balboa kam 1501 aus Jérez de los Caballeros, sah 1513 als erster Europäer den Pazifik und siegte damit über ein Schicksal, das ihn zum Leben als Schildknappe in der spanischen Provinz verurteilt hätte.

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Sodom und Gomorra in Alcorcón

Vor den Toren Madrids wollen amerikanische Investoren eine der grössten Glücksspielstädte der Welt errichten. Kritiker haben einen schweren Stand.

Computergraphik der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands zu Eurovegas
Rendering der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands zu Eurovegas

NZZ, 26.4.2013 · Die mehr als 500 000 Arbeitslosen der Region Madrid schöpfen derzeit Hoffnung. Nach den Plänen des Regionalpräsidenten Ignacio González und der Betreiberfirma Las Vegas Sands wird es in der Stadt Alcorcón, 13 Kilometer südwestlich von Madrid, bald Beschäftigung genug geben. Ab Ende 2013 soll dort eine der grössen Glücksspielstädte der Welt und die erste Europas entstehen.

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Wo der Manzanares rauscht

Die Parklandschaft an den Ufern des Manzanares in Madrid zeigt, wohin sich die neue Architektur in der Hauptstadt entwickelt. Das Gemeinschaftsprojekt steht für Bescheidenheit und Sensibilität.

Virtuelle Darstellung der Flusslandschaft Madrid Río, Höhe Arganzuela. FOTO: MRío
Virtuelle Darstellung der Flusslandschaft Madrid Río, Höhe Arganzuela. FOTO: MRío

NZZ, 4.5.2013 · «Madrid, Madrid, Madrid.» So schlicht ist der Refrain eines der bekanntesten Lieder über Spaniens Hauptstadt. Komponiert hat es der Mexikaner Agustín Lara in den 1930er Jahren, als Ausdruck des Heimwehs spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Die dreifache Wiederholung kann heute sinnbildlich gedeutet werden für eine Stadt, die seit Jahrzehnten wächst, denn die kastilische Hochebene setzt Madrid kaum geografische Grenzen. Mittlerweile leben 6,5 Millionen Menschen in der Metropolregion. Sie wohnen auch in erst jüngst zu Grossstädten herangewachsenen Vororten wie Getafe oder Leganés. Das gesamte Areal ist durch ein U-Bahn-Netz erschlossen, das mit seinen 316 Stationen zu den grössten Europas zählt. Durch dieses Szenario der Superlativen fliesst ein kleiner Fluss von Nord nach Süd. Er ist 92 Kilometer lang und heisst Manzanares. Bis vor kurzem ignorierten die Madrilenen die einstige Lebensader. Die Stadt entstand an einem Wehr; und alle historischen Zentren der Macht liegen am Manzanares: die Kathedrale, der Königspalast und der Wohn- und Regierungssitz von Franco, aber auch der heutigen Ministerpräsidenten. Dennoch spielt der Fluss keine Rolle, vor allem wegen seiner geringen Tiefe: Nie war er schiffbar, nie hatte Madrid einen Hafen.

Alte Fehler eliminieren

Auch wenn aufgrund seiner Wasserqualität noch immer nicht ans Baden zu denken ist, zeigt sich nun der Fluss in neuem Kleid, umhüllt doch ein heller Grünstreifen beidseitig sein dunkel glitzerndes Band. Der elf Kilometer lange Teppich, den der ehemalige Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón in nur vier Jahren ausrollen liess, nennt sich Madrid Río. Das Werk soll alte Fehler mit einem Streich ausmerzen. Setzte Madrid bis zur Jahrtausendwende beim Ausbau des Metro-Netzes und der grossen Ringautobahnen auf Beschleunigung, so will man nun die Lebensqualität fördern. Aber bevor die Madrilenen an den Ufern ihres Flusses flanieren, spielen oder Sport treiben konnten, musste die Stadtautobahn M-30 in den Boden verlegt werden, ein Vorhaben, das die radikale Kehrtwende verdeutlicht. Die Hälfte des 110 Hektaren grossen Parks breitet sich auf dem M-30-Tunnel aus, durch den täglich 200 000 Autos fahren.

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Kleinvieh als Krisenhelfer

Schafe und Ziegen sollen Maurern, Kellnern oder Akademikern aus der Krise helfen, das andalusische Hinterland aufwerten und Wissenstransfer ermöglichen. Dabei wollen sie nur in Ruhe grasen.

NZZ, 26.3.2013 · Gebimmel und Gemecker prägen neuerdings die Geräuschkulisse von Grazalema. Das andalusische Bergdorf liegt in Spaniens erstem Naturpark und gibt ihm den Namen: Parque Natural Sierra de Grazalema. Er erstreckt sich über 53 000 Hektaren und liegt rund 150 Kilometer von der Provinzhauptstadt Cádiz entfernt. Seit dem Jahr 1977 ist das weitläufige Bergmassiv so streng geschützt, dass nicht einmal extensive Viehwirtschaft erlaubt war. «Die Schäfer mussten ihre Herden aufgeben und nach Deutschland auswandern», erinnert sich Antonio Lara.

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Spanischer Priester exkommuniziert

NZZ, 29.3.2013 ·  Ein katholischer Pfarrer aus Mallorca ist wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger vom Dienst suspendiert und aus der Kirche ausgeschlossen worden. Das Kirchengericht des Bistums Mallorca hat den 60-jährigen Pere Barceló Rigo am 21. März für schuldig befunden, in den 1990er Jahren in seiner Gemeinde Can Picafort mindestens drei Mädchen im Alter von zehn und elf Jahren regelmässig missbraucht zu haben.

Damit ist erstmals in Spanien eine im Kirchenrecht begründete Strafe öffentlich verhängt worden. Im kirchlichen Gesetzeswerk wird der Verstoss gegen das Gebot der Keuschheit im Umgang mit Minderjährigen als schwere Straftat definiert. Bischof Javier Salinas verhängte die Höchststrafe. Er berief sich dabei auf die Anweisungen des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. beim Umgang mit Päderastie in der Kirche aus dem Jahr 2010.

Das Urteil muss in Rom bestätigt werden. Barceló Rigo will Berufung einlegen. Er leugnete die Taten und bekam Unterstützung von Pfarrern aus anderen Gemeinden der Insel. Sie forderten «Barmherzigkeit» vom Bischof und hielten die Strafe für «unverhältnismässig». Zudem stellten sie die Glaubwürdigkeit der Opfer infrage: «In Krisenzeiten handeln viele Menschen aus Geldnot» sagte einer; ein anderer sagte über eines der Opfer, das heute 24 Jahre alt ist: «Ich kenne sie und weiss, dass sie ein recht ungehemmtes Leben mit wechselnden Partnerschaften führt.» Auf den Verurteilten wartet nun ein ziviles Gerichtsverfahren mit einer Höchststrafe von 18 Jahren Haft.

http://www.nzz.ch/aktuell/panorama/spanischer-priester-exkommuniziert-1.18055599

Mallorcas Umweltschützer feiern Erfolge – und ein Jubiläum

Mallorcas Umweltschutzgruppe GOB feiert 40-jähriges Bestehen. Ihr langjähriger Leiter, Miguel Ángel March, erinnert sich an den Kampf gegen Raubbau und Zersiedelung auf der Ferieninsel. «Ohne uns sähe Mallorca jetzt anders aus», sagt er.

Miguel Angel March, führte 20 Jahre lang den Kampf gegen Raubbau und Zersiedelung auf Mallorca. Foto: Tom Gebhardt
Miguel Angel March, führte 20 Jahre lang den Kampf gegen Raubbau und Zersiedelung auf Mallorca. Foto: Tom Gebhardt

Palma de Mallorca (dpa) – Miguel Ángel March ist heute wieder ein Durchschnittsbürger auf der Ferieninsel Mallorca. Der 54-Jährige ist Lehrer für Geschichte und Geografie an einem Gymnasium in Palma de Mallorca. Bis 2007 war March eine herausragende Figur des öffentlichen Lebens. 20 Jahre lang führte er als Leiter der Umweltschutzgruppe  GOB  den Kampf gegen Raubbau und Zersiedelung.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1973 steht der Zusammenschluss für den Schutz von Mallorcas natürlichem Reichtum. Massentourismus, Bevölkerungszuwachs und Ansturm von Neubürgern aus dem Ausland: Mallorcas Erfolg als Urlaubsziel und sonniger Wohnsitz schien ins Unendliche zu wachsen. Als ein Gegenpol bildete sich die GOB, die erste und bis heute wichtigste Umweltschutzgruppe auf der Insel. Den größten Erfolg sieht March in einem generellen Bewusstseinswandel der Bevölkerung. «Anfang der 80er Jahre waren Demos mit 10 000 Menschen ein Bombenerfolg, heute mobilisieren wir bis zu 40 000», erinnert sich der frühere GOB-Chef.

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