Spanien geht das Wasser aus

Foto: Spanisches Umweltministerium
Foto: Spanisches Umweltministerium

Der Standard, 19.10.2017 · Brücken stehen auf dem Trockenen. Wanderer marschieren in sandigen Flussbetten und auf rissigen Lehmböden von Stauseen. Ruinen romanischer Kirchen und verfallene Dörfer tauchen auf, nachdem sie jahrzehntelang überflutet waren. Die Bilder der Trockenheit in Spanien schockieren deshalb, weil sie in der Nord- und Nordwesthälfte des Landes aufgenommen wurden: Die Regionen Asturien, Kantabrien sowie Kastilien und León sind eigentlich wasserreich. Das Wasser ihrer Flüsse wird gestaut oder in den Süden und Südosten Spaniens umgeleitet, wo von jeher chronische Wassernot herrscht. Und die nordwestspanische Provinz Galicien wird aktuell von Waldbränden verwüstet. Vier Menschen haben dort bislang ihr Leben verloren.

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Madrids Schikane hilft Separatisten

Mit allen Mitteln will Madrid das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien verhindern. Doch genau das gibt den Separatisten Auftrieb.

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NZZ am Sonntag, 17.9.2017 · Den meisten der 948 Gemeindepräsidenten Kataloniens flattert dieser Tage unangenehme Post ins Haus. 712 von ihnen müssen zum Polizeiverhör antreten. Denn sie wollen die Durchführung des Unabhängigkeitsreferendums der Region am 1.Oktober unterstützen, etwa indem sie Stimmlokale zur Verfügung stellen. Der Urnengang ist laut den obersten Richtern Spaniens allerdings illegal, sieht doch die Verfassung eine Abspaltung nicht vor. Und so droht die Justiz den Gemeindepräsidenten mit Verfahren wegen Ungehorsam, Rechtsbeugung und der Veruntreuung öffentlicher Gelder. Darauf stehen bis zu 8 Jahre Haft.

Nicht nur für katalanische Gemeindepräsidenten wird es derzeit ungemütlich. Mit allen Mitteln versucht die Zentralregierung in Madrid, das Referendum zu unterbinden. Mitarbeiter der staatlichen Post wurden aufgefordert, keine Sendungen für die Abstimmung zu transportieren. Eindringlich wies der Generalstaatsanwalt in Madrid zudem die Katalanen darauf hin, sich am Abstimmungstag nicht als Wahlhelfer zu engagieren – und drohte mit strafrechtlichen Konsequenzen. Zuvor hatte die Justiz bereits demonstriert, wie sie mit Bürgern umgeht, die unter Separatismusverdacht stehen: Der Besitzer einer Druckerei, welche die Stimmzettel gedruckt haben soll, musste eine stundenlange Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen. Die Beamten fanden nichts. Um sicherzugehen, dass kein Euro Steuergeld ins Referendum fliesst, drohte Madrid sogar damit, die Finanzkontrolle in Barcelona zu übernehmen – aus katalanischer Sicht eine Verletzung der Autonomie.

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Im Gegenwind

Vielerorts ist der Mönchsgeier ausgestorben. Ausgerechnet auf der Touristeninsel Mallorca hat er überlebt.

Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens
Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens

Süddeutsche Zeitung, 4.8.2016 · Immer, wenn Martí Solivellas den Geier über seinem Haus kreisen sieht, wird ihm warm ums Herz. “Sehen Sie?”, sagt Solivellas und deutet nach oben, “was für eine Spannweite!” Um den Bauern herum laufen seine zwei Collies, Solivellas aber hat nur Augen für den Mönchsgeier. “Der hat heute eine gute Thermik da oben.” Der Bauer kneift die Augen zusammen, sieht genauer hin. Nun klingt er etwas beunruhigt. “Normalerweise sind sie immer zu zweit unterwegs.” Heute ist der Geier allein.

Martí Solivellas und seine Frau Antònia Bibiloni leben denn auch wortwörtlich allein unter Geiern. Alle Nachbarn sind weggezogen, erzählt das Bauernehepaar. Der Hof steht in einem geschlossenen Hochtal im Norden Mallorcas, nur vier Kilometer vom Pilgerkloster Lluc entfernt. Rund herum ragen die höchsten Berge der Insel in den blauen Himmel. Und zwischen den Gipfeln, über Olivenplantagen, Gemüsebeeten und Obstbäumen, über einem Dreschplatz und unbebauten Feldern, über Schafen, Hühnern und Gänsen, über dem Blumengarten und dem alten Bauernhaus, wo das Paar seit fast 40 Jahren lebt, da kreist, mit einer Spannweite von fast drei Metern, entspannt ein Mönchsgeier.

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Ein Unruhestifter als Kulturbotschafter

Der Missionar aus Mallorca ist in den USA bekannt und umstritten.

WDR 5, 20.9.2015 · Am 23. September wird Papst Franziskus in Washington den spanischen Missionar Juniper Serrra heiligsprechen. Serra wurde 1713 auf Mallorca geboren und gilt als Gründer vieler kalifornischer Städte. Die Figur soll helfen, die Geschichte der USA neu zu deuten. Mit der Heiligsprechung bezieht der argentinische Papst auch Stellung im schwelenden Kulturkampf zwischen Nord- und Südamerika.

Sendung “Diesseits von Eden” vom 20.9.2015, ab Sendeminute 29’18

http://www.wdr5.de/sendungen/diesseitsvoneden/sendeterminseiten/sendeterminseite-834.html

Staatsverbrechen

Klarheit über den Mord an Federico García Lorca

NZZ, 11.5.2015 · Im Jahr 1965 stellte die französische Autorin Marcelle Auclair eine Anfrage an die spanische Botschaft in Paris. Sie wollte Genaueres über die letzten Tage und die Todesumstände des spanischen Dichters und Dramatikers Federico García Lorca (1898–1936) erfahren. Die Anfrage wurde nach Madrid weitergeleitet, von drei Ministern begutachtet und zur Bearbeitung an die Polizei nach Granada geschickt. Dort ist García Lorca wenige Wochen nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs erschossen worden. Der Bericht wurde im selben Jahr verfasst, doch eine Antwort erhielt Auclair nie.

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Europas neue Wildnis

Wildpferde im Reservat Faia Brava, Portugal. Foto: Annett Bourquin

Bayerischer Rundfunk, Radioreisen 10.1.2016 · Retour a la nature – weniger Kultur-, mehr Urlandschaft, das ist das Ziel der Initiative “Rewilding Europe”. Mein Beitrag über Europas neuer Wilder Westen,  im spanisch-portugiesischen Grenzgebiet.

http://br.de/s/21ZMvVL

http://br.de/s/1LvHDXt

 

Formentera – Ihre Insel

Die Balearen-Insel Formentera wird Touristen als letztes Paradies verkauft. Für Santiago und Miquel Costa, die seit 60 Jahren auf ihr leben, ist sie trotzdem eines.

Formentera: Ihre Insel
Miquel (li.) und Santiago Costa. Die Brüder sind auf Formentera geboren.

 

Zeit online, 23.7.2014 ·  Santiago Costa ist etwas knorrig, nicht besonders freundlich, eher geduldig. Geduldig mit Besuchern, die das andere Formentera entdecken wollen. Ein guter Ausgangsort dafür ist seine weinumrankte Veranda. Hier sitzt Costa im Schatten vor seinem Haus auf dem Hochplateau La Mola. Unten muss das Meer an die Felsen schlagen, aber hier oben hört man nichts, nur das Summen der Insekten. Es riecht nach trockener Erde und wildem Thymian. Salz und Feuchtigkeit legen sich auf Haut und Haare. Sie erinnern uns daran, dass wir auf einer Mittelmeerinsel sind.

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Herz und Hammer

In Andalusien haben sie den Flamenco erfunden, in Madrid wurde er berühmt. Hier trifft man Menschen, die wissen, worum es dabei wirklich geht.

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Die Tänzerin Blanca del Rey während eines Auftrittes beim Festival Suma Flamenca.

Süddeutsche Zeitung, 17./18. April 2014 · Draußen scheint die Sonne. Über Madrid spannt sich dieser strahlend blaue Himmel, auf den die Städter so stolz sind. Drinnen, zwischen weiß getünchten Wänden und schmiedeeisern vergitterten Fenstern, sitzt Carmelo mit schmerzverzerrtem Gesicht. Carmelo García, Verkäufer. Er tut gerade das, was er am liebsten tut: Flamencolieder singen. Seine Stimme geht langsam nach oben und nach unten, die Vokale ziehen sich in die Länge, die Faust ballt sich vor der Brust, die Augen schließen sich.Carmelo singt einen Martinete, einen jener alten, melancholischen Rhythmen, die Schmiede in Andalusien entwickelt haben, zum Klang des Eisenhammers. Pamm, pamm, pamm. Gefangene haben das Untergenre weiter entwickelt, in Cádiz, Sevilla oder Jerez. Vielleicht klopften sie dazu an einen Gitterstab und sahen in das Stückchen Himmel des Zellenfensters. So singt Carmelo: „Ich bin nicht mehr der, der ich war, und auch nicht der, der ich sein sollte. Ich bin ein kleines Möbel aus Traurigkeit, abgestellt an der Wand. Als Gefangener in Cádiz setzte ich mich auf meinen Seesack und begann zu grübeln, und fühlte nicht, was mit mir geschehen war, sondern das, was mir noch passieren würde.“

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Verschleppt, verkauft, gerettet

Chrismon  03.2014 · Ein Genforscher hilft, den Handel mit Kindern zu bekämpfen. Wie? Er identifiziert die wahren Eltern. Dafür braucht er eine Gendatenbank und Speichelproben von suchenden Eltern und Kindern in unklaren Verhältnissen. Schon 600 Kinder konnten mit Hilfe von José Antonio Lorente nach Hause gebracht werden.

Genforscher José Antonio Lorente in seinem Labor in Granada
José Antonio Lorente in seinem Labor in Granada

chrismon: Am Projekt DNA ProKids nehmen bislang 16 Länder teil. Mit Gentests wollen Sie nicht identifizierte Kinder und ihre Eltern wieder zusammenführen – und Kinderhandel und Missbrauch bekämpfen. Wie gehen Sie vor?
José Antonio Lorente:
Wir haben vor zehn Jahren in Guatemala begonnen. Dort gab es ein eklatantes Problem mit ille­galen Adoptionen in die USA. Ich hatte das selbst mitbekommen, in einem der internationalen Hotels, wo ich immer abstieg. Es war voller Adoptiveltern aus den USA und kleinen guatemaltekischen Kindern, die mit Hilfe einer Dolmetscherin in dem Hotel ihre erste Zeit miteinander verbrachten. Die allermeisten Kinder waren armen Familien gestohlen worden. Falsche Mütter gaben sie in staatlichen Heimen ab. Sie sagten, sie könnten ihr Kind nicht ernähren und bekamen dann, um die restlichen Kinder nicht auch zur Adoption freigeben zu müssen, eine Entschädigung, eine Familienhilfe von mehreren Tausend Dollar. Das hat dazu geführt, dass organisierte Banden Kinder stehlen, um dieses Geld einzukassieren. Würde man per Gentest direkt vor Ort feststellen, dass eine Frauen nicht ihr leibliches Kind abgibt, wäre der kriminelle Kreislauf unterbrochen. Kinder am Anfang der Kette zu identifizieren, ist wichtig, weil ein einmal adoptiertes Kind später nur noch schwer rückführbar ist. Stellen Sie sich einen Jugendlichen aus Seattle vor, der zu seinen Eltern in die Slums von Guatemala Stadt zurück soll!

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Burgos: Ticket zum Paläolithikum

In Nordspanien soll die Altsteinzeit erlebbar werden – durch die Ansiedelung urtümlicher Grasfresser

Rückzüchtungen des ausgestorbenen Konik-Pferdes auf einer Weide bei Burgos

Der Standard, 19.8.2013 · Die Legende vom Wilden Westen wollen drei Spanier neu beleben. Nicht in den USA, sondern in Europa. Dafür haben sie rund um den dritten westlichen Breitengrad Przewalski- und Konik-Pferde eingeführt. Seit ein paar Wochen grasen zwei kleine Herden auf einer nordspanischen Hochebene, bald sollen Auerochsen und Wisents, die europäischen Bisons, dazukommen. Das Projekt nennt sich “Lebendige Altsteinzeit”. “Wir wollen jene Fauna wiederherstellen, die der Atapuerca-Mensch gejagt hat”, sagt Umweltschützer Benigno Varillas, “denn die Besucher sollen die Tiere nicht nur als Fossilien, sondern auch in freier Wildbahn sehen.”

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