Predigen an wüsten Küsten

Erschienen in MARE Nr 90
Sie brachten Pockenviren, Gebetsbücher und Weinstöcke in die Neue Welt. Dazu hatten die spanischen Konquistadoren – und in ihrem Gefolge die Missionare – auch ein immaterielles Erbe im Gepäck. Sie hatten es ausgerechnet von jenen geerbt, die ihre Väter vertrieben hatten: den Arabern. Ihnen hatten die Spanier die Oasenkultur zu verdanken, die sie über den Atlantik weitertrugen. Ohne sie wäre die Eroberung Kaliforniens und Mexikos nicht so verlaufen, wie es in den „Libros de Misiones”, den Büchern der Missionen, geschrieben steht.
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Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner verbreiteten vom Ende des 17. Jahrhunderts an, im Halbschatten von Palmwedeln und beim Geplätscher der Bewässerungskanäle, den christlichen Glauben und einen Teil spanischer Kultur. Hätten sie nicht gewusst, wie man Wassergräben anlegt, deren Gefälle berechnet und Verlauf lenkt, wie man Setzlinge zieht und die Blätter ausgewachsener Palmen so zuschneidet, damit sie ausladend wachsen, Schatten spenden, verdunstendes Wasser abfangen und es in der Nacht auf Luzerne und Granatäpfel, auf Wein und Gemüse, auf Oliven, Baumwolle und Papaya tröpfeln lassen, vielleicht wären der Südwesten der Vereinigten Staaten und Mexiko dann heute nicht hispanisch.

Vielleicht wären die Missionare verdurstet, San Diego, San Francisco, Santa Barbara, Sacramento, Las Vegas und Los Angeles hießen heute anders, vielleicht wäre alles anders gekommen, und Spanisch wäre heute nicht die zweitgrößte Sprachgruppe der Welt, wenn die Spanier nicht ihrerseits von den Arabern erobert worden wären und von ihnen gelernt hätten, wie man eine ordentliche Oase anlegt und darin an jedem Ort des Wüstengürtels der Erde überleben kann, vorausgesetzt, es gibt einen Fluss oder man stößt auf Grundwasser. Denn Oasen sind überall dort lebenswichtig, wo mehr Wasser verdunstet, als vom Himmel fällt.

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