Öko-Kaugummi der Maya als nachhaltige Geschäftsidee

Der Standard, 4.4. 2017 · “Chicleros” in Mexiko zeigen, wie nachhaltiges Wirtschaften funktioniert: 1.500 Genossenschafter ernten in der Selva Maya den Milchsaft des Breiapfelbaums, aus dem der weltweit einzige kommerziell vertriebene Biokaugummi hergestellt wird.

Kaugummi_2cEr wird bis zu 30 Meter hoch, ist dichtbelaubt und immergrün. Unter seiner furchigen Rinde fließt ein Milchsaft, den schon die Maya schätzten: Er ist süßlich und bekömmlich, und man kann auf ihm, hat man ihn erst eingedickt, wunderbar kauen. Jetzt, 2.000 Jahre später, kauen Menschen in mehr als 30 Ländern auf dem Chicle genannten Milchsaft des Chicozapote (auch Breiapfelbaum oder Manilkara zapota). Das Revival ist vor allem Manuel Aldrete zu verdanken, einem 55-jährigen Mexikaner, der vor acht Jahren das Consorcio Chiclero gegründet hat. Heute sind in dem Kaugummikonsortium 40 Genossenschaften mit etwa 1.500 Mitgliedern organisiert. Gerodet wird nicht.

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Mexiko kämpft gegen das Image vom Narco-Staat

In Mexiko soll Schluss sein mit dem Monothema Gewalt. Eine internationale Literaturzeitschrift und ein dokumentarischer Musikfilm zeigen die Vielfalt eines Landes, das international nicht mehr nur wegen Drogenkrieg und Frauenmorden wahrgenommen werden will.

Szene aus dem Film «Hecho en México»

NZZ, 6.11.2012 · Die spanischsprachige Ausgabe des britischen Literaturmagazins «Granta», 1889 von Cambridge-Studenten gegründet und allgemein als Trendsetter bewertet, widmet sich in ihrer Ausgabe Nummer 13 der mexikanischen Nicht-Gewalt-Literatur. Das Heft wurde beim Hay Festival Anfang Oktober in der mexikanischen Stadt Xalapa vorgestellt. Es bietet unveröffentlichte Erzählungen und Romanfragmente von vierzehn mexikanischen Autoren. Dahinter stecke die Bemühung, das Land aus seinem «mentalen Gefängnis» zu holen, wie die 52-jährige Schriftstellerin Verónica Murguía sagt. «Es kann nicht sein, dass die Literatur eines Landes nur von einem Thema dominiert ist. Wer hier lebt, muss sich mit der herrschenden Gewalt auseinandersetzen, aber er muss nicht zwangsläufig darüber schreiben.»

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Predigen an wüsten Küsten

Erschienen in MARE Nr 90
Sie brachten Pockenviren, Gebetsbücher und Weinstöcke in die Neue Welt. Dazu hatten die spanischen Konquistadoren – und in ihrem Gefolge die Missionare – auch ein immaterielles Erbe im Gepäck. Sie hatten es ausgerechnet von jenen geerbt, die ihre Väter vertrieben hatten: den Arabern. Ihnen hatten die Spanier die Oasenkultur zu verdanken, die sie über den Atlantik weitertrugen. Ohne sie wäre die Eroberung Kaliforniens und Mexikos nicht so verlaufen, wie es in den „Libros de Misiones”, den Büchern der Missionen, geschrieben steht.
www.mexicodesconocido.com.mx
Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner verbreiteten vom Ende des 17. Jahrhunderts an, im Halbschatten von Palmwedeln und beim Geplätscher der Bewässerungskanäle, den christlichen Glauben und einen Teil spanischer Kultur. Hätten sie nicht gewusst, wie man Wassergräben anlegt, deren Gefälle berechnet und Verlauf lenkt, wie man Setzlinge zieht und die Blätter ausgewachsener Palmen so zuschneidet, damit sie ausladend wachsen, Schatten spenden, verdunstendes Wasser abfangen und es in der Nacht auf Luzerne und Granatäpfel, auf Wein und Gemüse, auf Oliven, Baumwolle und Papaya tröpfeln lassen, vielleicht wären der Südwesten der Vereinigten Staaten und Mexiko dann heute nicht hispanisch.

Vielleicht wären die Missionare verdurstet, San Diego, San Francisco, Santa Barbara, Sacramento, Las Vegas und Los Angeles hießen heute anders, vielleicht wäre alles anders gekommen, und Spanisch wäre heute nicht die zweitgrößte Sprachgruppe der Welt, wenn die Spanier nicht ihrerseits von den Arabern erobert worden wären und von ihnen gelernt hätten, wie man eine ordentliche Oase anlegt und darin an jedem Ort des Wüstengürtels der Erde überleben kann, vorausgesetzt, es gibt einen Fluss oder man stößt auf Grundwasser. Denn Oasen sind überall dort lebenswichtig, wo mehr Wasser verdunstet, als vom Himmel fällt.

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Frische Datteln, alte Botschaft

©Beatriz Navarro

Gelebte Kulturgeschichte – die Palmengärten der spanischen Stadt Elche

Europas einzige Palmenoase ist in Elche. Ein Kulturverein erforscht nun die Geschichte der spanischen Stadt, vernetzt sie mit dem Maghreb und Mexiko und will die Oasenwirtschaft wiederbeleben.

NZZ · Brigitte Kramer · erschienen am 10.9.2011

Eine spanische Wirtschaftszeitung hat Ende August ein Ranking der zehn schmackhaftesten Lebensmittel aus heimischem Anbau publiziert. Der Gourmet mit politischem Bewusstsein kauft demnach Salzflocken aus Andalusien, Algen aus Galicien oder frische Datteln aus Elche. Die Früchte bietet nur einer: der Biologe und Gärtner Santiago Orts. Rund 30 Euro kostet ein Kilo. Man isst sie als Beilage zu Fisch oder Fleisch und verzehrt nicht nur eine süsse Frucht, sondern tausendjährige Kulturgeschichte. Orts’ Datteln erzählen die Geschichte von Europas einziger Palmenoase. Deren Realität ist weit entfernt vom Klischee der Ruhe und des Genusses. Auch mit Exotik hat sie nichts zu tun, selbst wenn die im Wind rauschenden Wedel, der gleichmässig geworfene Halbschatten und die gurgelnden Wasserläufe Bilder von rastenden Kamelen und Nomadenzelten hervorrufen.

Klimaanlagen oder Mikroklima?

Der Lebensraum Oase ist heute weltweit bedroht. Sein Charakteristikum, die Isoliertheit, ist sein grösstes Problem: Die Bewohner leben abgeschieden und unterversorgt, Pflanzen- und Tiersorten können sich oft nur innerhalb des Vegetationsfleckens vermehren, die Industrialisierung hat der Oase ihre wirtschaftliche Bedeutung genommen: Transportwege verlaufen anderswo, Selbstversorger-Ackerbau ist unrentabel und das Leben in Abhängigkeit von der Natur unattraktiv. Dabei könnte die Oase heute mehr denn je als Inspiration dienen: Sie ist ein vom Menschen angelegtes, nachhaltiges System. Um das zu erkennen, müssten sich die Bewohner von Elche, Marrakesch oder Las Vegas an den oasischen Ursprung ihrer Städte erinnern. Wo heute Klimaanlagen brummen, da schufen früher Palmblätter ein angenehmes Mikroklima.

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Glücksmomente unter Wasser

Die Schriftstellerin Sabina Berman steht für den Aufbruch und das Selbstbewusstsein mexikanischer Frauen

Sabina Berman schildert in ihrem Roman «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» den Weg einer Autistin zu wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Dabei plädiert die mexikanische Schriftstellerin jüdischer Herkunft für Toleranz, Freiheit und Achtung vor der Natur.

Brigitte Kramer, NZZ

Dass ausgerechnet eine Frau wie Sabina Berman eine Autistin zur Romanheldin macht, das überrascht anfangs. Denn die 54-jährige Mexikanerin ist in ihrer Heimat eine der kommunikativsten und gesellschaftlich aktivsten Frauen überhaupt. Als Fernsehjournalistin interviewt sie Politiker und Wissenschafter, als Dramaturgin, Drehbuchautorin und Kolumnistin macht sie sich für die Rechte von Frauen und gleichgeschlechtlichen Paaren stark, als Dichterin und Romancier verarbeitet sie ihre eigene Identitätsfindung. Berman ist, das steht ausser Frage, eine freie und intelligente Frau.

Die Heldin von Bermans zweitem Roman «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» ist noch freier und intelligenter, wie die Autorin selber sagt. Karen Nieto ist Autistin. Die Krankheit zeigt sich bei Störungen im zwischenmenschlichen Handeln sowie bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Information. Sie existiert in verschiedenen Schweregraden und geht oft mit einseitigen, aussergewöhnlichen Begabungen einher. Continue reading