Zu früh für Euphorie

NZZ am Sonntag, 9.8.2015 · Die spanische Wirtschaft wächst wie schon lange nicht mehr, doch der Aufschwung ist vorab der guten Tourismussaison zu verdanken. Das Land kämpft weiterhin mit enormen Problemen. Nach den Wahlen im Herbst steigen die Chancen für dringend nötige Reformen.

Es ist wieder ein Rekordsommer für Spanien, die Hotels und Strände füllen sich. Und auch die Konjunktur nimmt Fahrt auf. Um beeindruckende 3 Prozent soll die Wirtschaft in diesem Jahr wachsen, vor zwei Sommern steckte sie noch tief in der Rezession. Immerhin haben fast 300 000 Spanier weniger keine Arbeit als zu Jahresanfang. Dank dem schwachen Euro gibt es 4 Prozent mehr Exporte zu vermelden als im Vorjahr, dank den tieferen Preisen wird auch wieder mehr konsumiert. Darf Spanien also bei der Überwindung der Krise als Beispiel für Länder wie Griechenland gelten?

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Akutes Überfüllungsgefühl

Süddeutsche Zeitung, 16.7.2015 · Auf Mallorca leben 880 000 Menschen, man muss sich diese Zahl vergegenwärtigen, wenn man versuchen will, mit den armen Mallorquinern mitzufühlen. Die nämlich werden jedes Jahr von Touristenmassen auch aus Deutschland überrollt, erst vor Kurzem sagte der neue Landesminister für Tourismus, Biel Barceló, es seien “zu viele”.

In Zahlen: Vergangenes Jahr besuchten 13,5 Millionen Menschen die Insel, in Worten: Dreizehnkommafünf Millionen. Und nun diskutieren sie auf der Insel über diese Frage: Wie viele Touristen hält Mallorca aus? Biel Barceló, der auch stellvertretender Ministerpräsident des linken Regionalbündnisses Més ist, das seit 2. Juli die Balearen regiert, will die Zahl der Touristen beschränken, “zumindest im Sommer”, und wenn das nicht von alleine geht, dann sei auch ein von der Regierung verordnetes Touristen-Limit “nicht ausgeschlossen”.

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Balearische Sturmtaucher fressen sich wieder satt

Die Insel Dragonera gehört zu einem der 39 neuen Schutzgebiete, die Spanien am Küstenraum eingerichtet hat. Damit kommen die Iberer den Anforderungen der EU-Vogelschutzrichtlinie nach. Probleme könnte es aber mit den schon genehmigten Erdölbohrungen in den Schutzgebieten geben.

Deutschlandradio, 24.12.2014 · Es ist vier Uhr morgens. Der spanisch-schottische Biologe Miguel McMinnist auf dem Weg zur Steilküste. Seit 20 Jahren erforscht er auf der Insel Dragonera, das Verhalten der Balearischen Sturmtaucher. McMinn hat seine Stirnlampe auf Rot gestellt. Er will die Vögel nicht erschrecken. In der Dunkelheit der Neumondnacht fühlen sie sich sicher. Jetzt kommen sie mit vollem Bauch vom Meer zurück, um ihre Küken zu füttern.

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Reger Greifvogelverkehr über Mallorca

Der Standard, 12.12.2014 · Insgesamt 14 Greifvogelarten leben wieder auf Mallorca. Manche haben sich mit dem Tourismus arrangiert, andere werden wieder eingeführt – eine brachte der Sturm.

Junger Habichtsadler über Mallorca.

Dílar ist seit Ende November Mallorquinerin. Der weibliche Habichtsadler ist gut ein Jahr alt und hat schon einiges hinter sich. In seiner Heimat Andalusien bekam der Vogel auf einem Strommast einen elektrischen Schlag und war danach flugunfähig. Dílar wurde gerettet, in einer Madrider Aufzuchtstation rehabilitiert – eine Zehe musste amputiert werden – und danach wieder auf das Leben in Freiheit vorbereitet. Diese Freiheit wartete auf Mallorca. Die Insel ist eine von drei Auswilderungsregionen des Projekts “Life Bonelli” (Habichtsadler heißen auf Spanisch Aguila Bonelli). In Spanien leben 65 Prozent aller europäischen Habichtsadler. Deren Lebensräume sollen nun ausgeweitet werden. Mallorca ist dabei einzigartig. Nur hier können erwachsene Tiere wie Dílar mit der Aussicht darauf freigelassen werden, dass sie auch bleiben.

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Alles ist wahr, falls es keine Lüge ist

Manacor hat dem Katalanisten Antoni Maria Alcover ein Museum gewidmet. Es zeigt, wie der große Forscher und Geistliche seine Sprache liebte – ohne sie zu politisieren.

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Mallorca Zeitung, 24.4.2014 · Ein Leben für drei hat Antoni Maria Alcover gelebt. Geboren wurde er 1862 auf einem Landgut bei Manacor – seine Eltern waren dort die Verwalter –, gestorben ist er 1932 in Palma. Mit 15 kam der aufgeweckte Sohn ins Priesterseminar. Nirgends sonst hätte er seine Wissbegier damals stillen können. Dann ging es steil bergauf, jeden Tag stand er um halb fünf Uhr auf, um zu forschen, zu arbeiten, zu denken. In der kirchlichen Hierarchie schaffte er es bis zum Amt des Obersten Vikars im Bistum von Palma, eine Stufe unter dem Bischof. Auf intellektuellem Gebiet betrat der Sprachforscher und Ethnologe Neuland. Er hinterließ das berühmte, erste und umfangreichste Wörterbuch der katalanischen Sprache, das zehnbändige „Diccionari Català-Valencià-Balear”. Bis heute wird es mit den Worten „Mal sehen, was der Alcover dazu sagt” konsultiert. Bei 160.000 Einträgen wird man wohl immer fündig.

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Triefende Langeweile in der Provinz

Der Familienroman «Das Puppenkabinett des Senyor Bearn» schildert den langsamen Niedergang des feudalen Mallorca. Der Schauplatz ist jetzt zu besichtigen. Das Landgut Raixa ist frisch renoviert und verführt zu träger Träumerei.

Bearn-Film
Szene aus der Verfilmung mit Fernando Rey und Ángela Molina

NZZ, 7.11. 2009 · Ein Roman wie ein langer Herbstabend, der Held ein dekadenter Landadliger, die Handlung nichtig, der Schauplatz abgelegen. Wer «Das Puppenkabinett des Senyor Bearn» zur Hand nimmt, der sollte alle Hektik des Alltags vergessen. Das Buch wurde von dem mallorquinischen Schriftsteller und Psychiater Llorenç Villalonga ganz im tröpfelnden Rhythmus der Epoche und des Ortes geschrieben, die es porträtiert. Erstmals im Jahr 1956 erschienen, erfüllt es in meisterlicher Weise die literarischen Regeln der Einheit von Form, Raum und Zeit. Wegen seiner einstrangigen, eleganten Erzählstruktur und der psychologischen Tiefe der Charaktere gilt es als Hauptwerk des Autors und bestes Beispiel der katalanischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

 

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Zwischen Amphoren und Bikinis

Mallorca Zeitung, 31.12.2013 · Ein großes Meer, wie die Juden das Mittelmeer nennen, hat ein großes Buch verdient. Der Autor ist Brite und damit eigentlich dem Atlantik verbunden. Doch David Abulafia, sein Name verrät es, hat mediterrane Vorfahren. Der 64-jährige Geschichtsprofessor in Cambridge stammt von Sepharden ab, von spanischen Juden. „A la memoria de mis antecesores”, meinen Vorfahren zum Gedenken, steht auf Spanisch als Widmung auf der ersten Seite des über 800 Seiten dicken Wälzers.

Im englischsprachigen Original heißt er „The Great Sea. A Human History of the Mediterranean”. Zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung ist es nun auf Deutsch erschienen, mit dem Titel „Das Mittelmeer. Eine Biographie”. Es ist ein großartiges Buch. Der Verfasser ist ein einflussreicher, mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftler. Eines seiner Fachgebiete ist das Mittelmeer. Mit der Sicherheit des Experten präsentiert er ein Werk, das vor Detailwissen strotzt und dennoch nicht ermüdet. Es ist dem interessierten Laien gewidmet. Abulafia hat es mit Anekdoten gespickt, die sich oft vor Jahrhunderten ereignet haben. Er hat es mit einfacher Sprache ausgestattet und durch eine klare Struktur sowie ein hervorragendes Glossar geordnet. Zudem hat er für Historiker typische Formulierungen wie wahrscheinlich, vielleicht oder vermutlich weggelassen und so den Lesefluss beschleunigt.

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Sterne gucken mit Jaime: Jetzt buchen?

Mitten in Spaniens Wirschaftskrise bringt der Sternekoch Ferran Adrià mit einer Website Mikrounternehmer und Individualtouristen zusammen.

Zeit online, 6.12.2013 ·  Ein paar Nachrichten auf dem Handy und die zwei Codewörter “grüner Anorak” und “blaues Familienauto” reichen, um an einem Nachmittag im Dezember Mallorcas dunkle Seite kennenzulernen. Der Weg verläuft 30 Kilometer entlang der Steilküste und dann hinunter zu einer der Buchten, wo früher Schmuggler ihre Ware löschten. Ich (grüner Anorak) fahre mit Jaime (blaues Familienauto) in der Dämmerung durch die Berglandschaft. Wir kennen uns nicht. In Palma herrscht Berufsverkehr, hier ist kein Auto weit und breit. Das Webportal Trip4Real hat uns zusammengebracht mit dem Versprechen, ein “echtes Erlebnis” zu bieten. In unserem Fall sind das Fotos bei Nacht an der Westküste, einem der wenigen Orte auf Mallorca, an dem die Sterne noch ungetrübt leuchten.

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Buchtenwandern in der Tramuntana

Foto: Tom Gebhardt

Banyalbufar (dpa) 17.9.2013 · Es riecht nach Kiefern und trockenen Gräsern, der Blick streift über das weite Blau des Mittelmeers. Während der Wind den Schweiß auf der Stirn trocknet, geht es das letzte Stück des Alten Postweges hinab. Die schmale Asphaltstraße ist hier sehr steil, fast scheint sie im blauen Nichts zu münden. Esel knabbern am Wegrand, unbeirrt von dem atemberaubenden Meerblick, Tomaten und Trauben reifen im Licht der untergehenden Sonne. Wer die letzten Meter hinter sich hat, taucht in der steinigen, geschützten Bucht von Banyalbufar ins Wasser.

Banyalbufar liegt an Mallorcas steiler Westküste. Die Landstraße Ma-10 durchzieht den gesamten, 90 Kilometer langen Tramuntana-Gebirgsrücken von Andratx bis Pollença. Die ersten Kilometer im Südwesten führen durch die verkohlten Reste des verheerenden Waldbrandes von Mitte August. Mehr als 2000 Hektar Fläche wurden damals zerstört. Fast tröstlich ist da der Blick auf das Meer, das auf der linken Seite beständig ruht.

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Die Geschichte und Karriere von Arenal

Was heute das millionenschwere Filetstück Arenal ist, war vor hundert Jahren noch wertloses Land, das man Taugenichtsen und Töchtern vererbte – die Geschichte von der Erfindung des Badeparadieses.

http://fotosantiguasdemallorca.blogspot.de/

Merian Heft 5/2009 · Das “Brünnchen des Kuhhirten” – so ein Name taugt nicht für Reisekataloge und Ansichtskarten. Als aber Francisco Berga Oliver um das Jahr 1915 sein Hotel “Términus” beim Pouet d’en Vaquer eröffnete, dachte der Fischer aus Palma auch noch nicht an Massentourismus und Charterflüge. Dennoch erahnte Berga Oliver das Potenzial des Grenzstreifens zwischen Wasser und Erde. Obwohl er zu nah am unberechenbaren Meer lag und zu sandig und salzig war, als dass er für die Grundbesitzer einen nennenswerten Nutzen gehabt hätte. Küstenland war auf Mallorca wertlos, also wurde es immer dem Jüngsten vererbt.

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