Sodom und Gomorra in Alcorcón

Vor den Toren Madrids wollen amerikanische Investoren eine der grössten Glücksspielstädte der Welt errichten. Kritiker haben einen schweren Stand.

Computergraphik der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands zu Eurovegas
Rendering der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands zu Eurovegas

NZZ, 26.4.2013 · Die mehr als 500 000 Arbeitslosen der Region Madrid schöpfen derzeit Hoffnung. Nach den Plänen des Regionalpräsidenten Ignacio González und der Betreiberfirma Las Vegas Sands wird es in der Stadt Alcorcón, 13 Kilometer südwestlich von Madrid, bald Beschäftigung genug geben. Ab Ende 2013 soll dort eine der grössen Glücksspielstädte der Welt und die erste Europas entstehen.

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Madrids neue grüne Schneise

Ein Moloch wurde grün: Wo früher eine Autobahn toste, zieht heute eine Parklandschaft den Manzanares entlang vom Zentrum bis in die Vorstädte.

Noch sind die Bäume kleiner als auf dieser Montage, aber ansonsten hat die Zukunft in Madrid Einzug gehalten.

Die Presse, Wien 13.10.2012 · 6,5 Millionen Menschen leben im Großraum Madrid, der nach London und Paris Europas dichtest besiedelten Hauptstadtregion. Scheinbar grenzenlos erstreckt sich die Stadt auf der kastilischen Hochebene. Besuchern bleibt das meist verborgen, sie verlassen die historische Altstadt nur selten. Seit dem Vorjahr muss sich aber niemand mehr die Schuhe breit treten oder den Abgastod sterben, um mehr von Madrid zu sehen: Neue Rad- und Fußgängerrouten führen 30 Kilometer die frisch begrünten Ufer des Manzanares entlang – ausschließlich und permanent durch Grünanlagen. Man kommt mit dem Rad schnell voran und steigt immer wieder ab, etwa um den Königspalast, die Kathedrale, das Fußballstadion des Klubs Atlético Madrid oder das gläserne Gewächshaus der städtischen Gärten zu besuchen.

„Madrid Rió“ heißt der neue Park, eine elf Kilometer lange grüne Schneise durch die monströse Stadt. Das Werk kommt dem eines Titanen gleich, der einen alten Fehler mit einem Streich ausmerzen will. Setzte Madrid noch bis zur Jahrtausendwende auf Beschleunigung, den Ausbau des Metronetzes und der großen Ringautobahnen, die sich wie Schlingen um den Hals der Stadt legten, so wurde nun ein Luftröhrenschnitt vorgenommen. Die Operation war ein international beispielloser Kraftakt: Bevor die Madrilenen an den Ufern ihres Flusses flanieren konnten, musste in einer radikalen Kehrtwende erst einmal die Stadtautobahn M-30 unter die Erde: Die Hälfte des 110 Hektar großen Parks liegt nun über dem M-30-Tunnel, in dem täglich 200.000 Autos verkehren.

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Künstler als virtuelle Städtebauer

Das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid zelebriert gemalte Architekturen

Eine Ausstellung im Museum Thyssen-Bornemisza Madrid richtet ihr Augenmerk auf Architekturdarstellungen in Altmeistergemälden. Perspektivische Strassenfluchten, Säulengänge und römische Ruinen faszinierten die Maler gleichermassen.

Francesco d´Antonio, La curación del niño endemoniado y traición de Judas, 1426

erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, 31.10.2011

Werden sie auf Leinwand gebannt, müssen Gebäude nicht nur ihr eigenes Gewicht tragen, sondern auch die Intention des Kün

stlers und die Aussage des Bildes stützen. 140 Bilder von unterschiedlicher Bedeutungsdichte sind derzeit in den Räumen des Museums Thyssen-Bornemisza und der Caja-Madrid-Stiftung zu sehen. Sie bilden die Schau «Arquitecturas Pintadas. Del Renacimiento al Siglo XVIII». Weil im Lauf der rund 350 Jahre, die die Ausstellung umfasst, der Architektur in der Malerei wechselnde Bedeutung zukam, ist der Rundgang zugleich thematisch geordnet. Kapitel wie «Die Architektur als Bühne», «Die historische Stadt: Erinnerung und Ruine», «Imaginäre und phantastische Architektur» oder «Die moderne Stadt als Metaph

er der Macht» klingen anregend und versprechen Vielfalt. Viele Exponate stammen aus der Sammlung des 2002 verstorbenen Barons Thyssen-Bornemisza, andere sind Leihgaben aus den grossen Gemäldegalerien von Berlin, Ottawa, Rom, St. Petersburg, Washington oder Wien.

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Im Sommer durcharbeiten

Auch in Spanien ist Nichts mehr so, wie es war. Die Städter verändern ihr Ferienverhalten. Anstatt einen Monat am Strand zu verbringen, machen sie Kurzferien oder arbeiten durch. Die Wirtschaftskrise, neues Konsumverhalten und die veränderte Rolle der Frau gelten als Gründe.

Erschienen in der Neue Zürcher Zeitung, 9.8.2011

Soll man den Praktikanten glauben, die im Sommer die Redaktionsstuben spanischer Tageszeitungen füllen und mit dem Enthusiasmus des Berufsanfängers Geschichten auf der Strasse suchen, dann vollzieht sich in Spaniens Städten gerade ein Mentalitätswandel.Bürolisten, Lieferanten und Hausangestellte gehen auch im August über den heissen Asphalt. In der Metro herrscht das gleiche Gedränge vor wie immer. Barcelona und Madrid bleiben auch im August geöffnet. Der klassische Ferienmonat verliert seine Identität.

Die Zeiten, als man in Madrid im Sommer über die Gran Vía spazieren konnte, sind vorbei. Fazit: Nichts ist mehr so, wie es war. So klagt beispielsweise «El Periódico de Catalunya»: kaum «cerrado por vacaciones»-Schilder, kaum leerstehende Wohnungen. Die Klimatisierung von Büroräumen, die Wirtschaftskrise, Individualismus – welche Gründe auch immer für das Phänomen angeführt werden, die Zeitungen reihen es in die Liste soziokultureller Verluste eines Volkes ein. Manche machen europäische Gleichmacherei dafür verantwortlich, andere sehen darin eine Befreiung von franquistischer Verhaltensdiktatur. Noch bis Mitte der 1990er Jahre zogen die meisten Städter am 1. August an die Küste oder ins Dorf der Grosseltern. Dort langweilten sich die heute erwachsenen Kinder dann einen Monat lang – unter ihnen Schriftsteller, Kolumnisten, Talkshow-Gäste. Diese beschwören immer wieder diese sogenannten «blauen Sommer» herauf: endlose Wochen des Nichtstuns und der ersten Lieben.

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