World-Pride-Parade: Madrid unter dem Regenbogen

Die World-Pride-Parade findet dieses Jahr in Madrid statt. Damit in diesen Tagen drei Millionen Schwule und Lesben feiern können, musste vor 40 Jahren der Kampf für Gleichberechtigung beginnen.

Der Standard, 19.5.2017 · “Visit Chueca” steht auf einem bunten Faltblatt, das derzeit in vielen Bars und Restaurants in Madrid ausliegt. Fotos von Männern mit Waschbrettbauch und gestählten Brustmuskeln, in Tangas oder Lederhosen, dazwischen Kleinanzeigen für dies und das, Sexshops, Fetischbars, Gleitmittel. Im Stadtteil Chueca scheint die Sünde zu leben. Benannt ist er nach einem Platz, der den Namen des Komponisten Federico Chueca trägt. Der Musiker lebte im 19. Jahrhundert, heute kennt ihn kaum mehr jemand.

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Madrids buntestes Metrostation Chueca, im gleichnamigen Schwulenviertel

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Gutes vom Grund

Was den Deutschen das Fondue ist, sind den Spaniern zum Jahreswechsel Muscheln: Die besten kommen aus Galicien, gegessen werden sie vor allem in Madrid

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Muschel suchen in Galicien vor allem Frauen. Die Arbeit lässt Zeit für andere Dinge, zum Beispiel um das Mittagessen für die Kinder zu kochen. Foto: Brigitte Kramer

Süddeutsche Zeitung, 29.12.2016 · Madrid ist der größteMeerhafen des Landes, sagen die Spanier. Dabei gibt es hier weit und breit kein Meer. Aber in Madrid haben die Leute das Geld, um sich Steinbutt,Meeraal, Brassen und Seeteufel zu kaufen. Oder Entenmuscheln, Schwertmuscheln, Kaisergranat, Samtkrabben, Seespinnenundviele andere Delikatessen, für die es im Deutschen keine Namen gibt. Deshalb werden die besten Fische und Meeresfrüchte seit jeher in die Hauptstadt geschickt. Für María Alfonso ist das ein großes Glück. Die 48-Jährige ist Hausfrau. Und einen Teil des Jahres zudem Mariscadora, Muschelsammlerin. Und als solche staunt sie immer wieder, wie teuer das verkauft wird,was sie mitdemRechen ausdemsandigen Meeresboden kratzt. „20 Euro das Kilo“, sagt sie, „das ist eine Handvoll Muscheln. Wer kann sich das leisten?“

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Flamenco: Ein besonderes Lebensgefühl

Bayerischer Rundfunk, Radio Wissen, 27.10.2015 · Entstanden ist der Flamenco vor rund 200 Jahren in Andalusien, bei Landarbeitern, Gitanos und Seeleuten. Zu hohem Ruhm gelangte er dann in Madrid: Dort wurde er spanisches Exportgut und Unesco-Welterbe.

http://www.br.de/radio/bayern2/wissen/radiowissen/flamenco-lebensgefuehl-spanien-100.html

Zu früh für Euphorie

NZZ am Sonntag, 9.8.2015 · Die spanische Wirtschaft wächst wie schon lange nicht mehr, doch der Aufschwung ist vorab der guten Tourismussaison zu verdanken. Das Land kämpft weiterhin mit enormen Problemen. Nach den Wahlen im Herbst steigen die Chancen für dringend nötige Reformen.

Es ist wieder ein Rekordsommer für Spanien, die Hotels und Strände füllen sich. Und auch die Konjunktur nimmt Fahrt auf. Um beeindruckende 3 Prozent soll die Wirtschaft in diesem Jahr wachsen, vor zwei Sommern steckte sie noch tief in der Rezession. Immerhin haben fast 300 000 Spanier weniger keine Arbeit als zu Jahresanfang. Dank dem schwachen Euro gibt es 4 Prozent mehr Exporte zu vermelden als im Vorjahr, dank den tieferen Preisen wird auch wieder mehr konsumiert. Darf Spanien also bei der Überwindung der Krise als Beispiel für Länder wie Griechenland gelten?

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Francos umstrittenes Grabmal – Das Valle de los Caídos wird 75

Deutschlandfunk 23.6.2015 · Bis heute lastet auf der Kirche in Spanien eine schwere Hypothek. Warum? In der Zeit der Diktatur machte sie mit Franco gemeinsame Sache. Der Diktator stattete die katholische Kirch mit viel Macht aus. Im Gegenzug dazu ließ er ich von ihr zum Beispiel als Herrscher von Gottes Gnaden anerkennen. Eine unheilige Allianz. Zehntausende wurden unter Franco verschleppt und ermordet. Doch die katholische Kirche in Spanien leistet Franco auch nach seinem Tod noch treue Dienste. Sie verwaltet sein imposantes Grabmal in der Nähe von Madrid und liest dort jeden Tag eine Messe. Vor genau 75 Jahren wurde die Gedenkstätte erbaut. Sie ist bis heute sehr umstritten.

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Eine Cruzada, ein Kreuzzug, war für den spanischen Diktator Francisco Franco der Bürgerkrieg in den Jahren 1936 bis 1939. Den im Kampf Gefallenen widmete er eine Gedenkstätte in den Bergen von Madrid, und ließ sich nach seinem Tod 1975 selbst dort begraben, im Valle de los Caídos. 1940, vor 75 Jahren, ordnete Franco den Bau an.

Der Bürgerkrieg war gerade mit dem Sieg der Faschisten zu Ende gegangen. 20.000 politische Häftlinge und Zwangsarbeiter sprengten auf dem 23.000 Quadratmeter großen Gelände eine 260 Meter lange Basilika in den Fels, errichteten ein 150 Meter auf dem Bergkamm darüber hohes Kreuz, legten eine riesige Esplanade an, mit überlebensgroßen Heiligenfiguren in einem Säulengang. Viele Zwangsarbeiter verloren beim Bau ihr Leben. Im Inneren der Kirche wurden mehr als 30.000 Grabnischen eingerichtet, zunächst nur für die Opfer unter Francos Kämpfern. Das Ehrenmal sollte offiziell …

„… dem Gedenken an unseren glorreichen Kreuzzug dienen. (…) Die heldenhaften Opfer, die der Sieg mit sich bringt, die Bedeutung dieses Epos’ für die Zukunft Spaniens, all das kann nicht mit einer jener gewöhnlichen Gedenkstätte verewigt werden, wie sie in Städten und Gemeinden an die herausragende Ereignisse unsere Geschichte und die ruhmreichenTaten unserer Söhne erinnern.“

Eine halbe Stunde dauert die Fahrt von Madrid dorthin. Hat man die Stadt in Richtung Berge verlassen, taucht am Horizont bald das Kreuz auf, klein, schnell wird es größer. Es steht in 1.400 Metern Höhe in der Guadarrama Kette (sprich: Guadarráma), in einer dramatischen Landschaft. Schwarzkiefern, Lärchen, Fichten bilden dichte, dunkle Nadelwälder. Im Herbst und Winter verfangen sich Nebelschwaden in den grauen Felsen. 400.000 Touristen besuchen den Ort jährlich, weil sie Franco-Anhänger sind oder weil sie an Spaniens Geschichte interessiert sind. Und in der Nacht vor Francos Todestag pilgern Francotreue von Madrid aus dorthin. Bis heute ist die faschistische Gedenkstätte ein Symbol für Spaniens nicht aufgearbeitete Vergangenheit.

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Fehlende Zähne

Miguel de Cervantes

Nach dem Fund der Dichterknochen hofft Madrid auf den Cervantes-Effekt

NZZ, 28.3.2015 · Noch dauert es bis zu den Feierlichkeiten, mit denen im April 2016 der 400. Todestag des Miguel de Cervantes voraussichtlich begangen wird. Doch wenn jetzt ein Team von 36 Forschern in Madrid seine sterblichen Überreste gefunden haben will, ist das fürs Marketing ein Coup. Dass der Autor des «Don Quijote» in einem Kloster im Zentrum der Stadt begraben wurde, weiss man seit dem Jahr 1870. Nachforschungen in Archiven hatten damals ergaben, dass die Leiche trotz späteren Umbauten und Umbettungen immer in der Klosterkirche geblieben ist. In Cervantes’ Todesurkunde steht vermerkt, er «soll bei den Trinitarierinnen begraben werden». Das Kloster war 1616 gerade erst errichtet worden, Cervantes wohnte in der Nähe, und seine Tochter war dort Ordensfrau.

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Das Leben ist kein Hundert-Meter-Sprint

David Truebas Roman zu Spaniens Krise gewinnt den Kritikerpreis

NZZ, 6.5.2009 · Die Weltwirtschaftskrise hat Spanien in besonderer Art erwischt: Jüngere Leute kannten bisher nur den stetigen Boom. David Truebas neues Buch hilft ihnen nun, auch das Verlieren zu lernen.

Spanien steckt in der Krise. Dabei ist das Land nicht allein. Doch in Spanien ist die Krise nicht nur wirtschaftlich (knapp 18 Prozent Arbeitslose, mehr als vier Millionen Menschen, Ende April), sie ist auch psychologisch. Das Selbstbewusstsein sinkt parallel zu den Statistiken. Jüngeren Spaniern – den ab 1975 geborenen, dem Jahr, in dem Francos Diktatur endete – muss man erst erklären, dass alles, was sie bisher gelernt haben, keine Gültigkeit mehr hat. Dass das Geld nicht einfach so aus dem Automaten kommt; dass man sich ohne Eigenkapital kein Haus leisten und den gesamten Haushalt nicht auf Raten kaufen sollte. Die Ära des grenzenlosen Konsums ist zu Ende.

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Mehr als Olé und bunte Rüschen

Deutschlandradio, 30.12.2014 · Andalusien sei die Mutter, Madrid die Hebamme, die Ausgeburt ist der Flamenco – ein 200 Jahre alter Tanz. Entstanden ist der Flamenco in den Armenhütten Andalusiens, galt als “unmodern”, erlebt aber inzwischen in Madrid eine Renaissance.

Die Tänzerin Blanca del Rey beim Festival Suma Flamenca. Foto: www.madrid.org/sumaflamenca
Die Tänzerin Blanca del Rey beim Festival Suma Flamenca. Foto: www.madrid.org/sumaflamenca

http://www.deutschlandradiokultur.de/flamenco-mehr-als-ole-und-bunte-rueschen.979.de.html?dram:article_id=307464

Herz und Hammer

In Andalusien haben sie den Flamenco erfunden, in Madrid wurde er berühmt. Hier trifft man Menschen, die wissen, worum es dabei wirklich geht.

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Die Tänzerin Blanca del Rey während eines Auftrittes beim Festival Suma Flamenca.

Süddeutsche Zeitung, 17./18. April 2014 · Draußen scheint die Sonne. Über Madrid spannt sich dieser strahlend blaue Himmel, auf den die Städter so stolz sind. Drinnen, zwischen weiß getünchten Wänden und schmiedeeisern vergitterten Fenstern, sitzt Carmelo mit schmerzverzerrtem Gesicht. Carmelo García, Verkäufer. Er tut gerade das, was er am liebsten tut: Flamencolieder singen. Seine Stimme geht langsam nach oben und nach unten, die Vokale ziehen sich in die Länge, die Faust ballt sich vor der Brust, die Augen schließen sich.Carmelo singt einen Martinete, einen jener alten, melancholischen Rhythmen, die Schmiede in Andalusien entwickelt haben, zum Klang des Eisenhammers. Pamm, pamm, pamm. Gefangene haben das Untergenre weiter entwickelt, in Cádiz, Sevilla oder Jerez. Vielleicht klopften sie dazu an einen Gitterstab und sahen in das Stückchen Himmel des Zellenfensters. So singt Carmelo: „Ich bin nicht mehr der, der ich war, und auch nicht der, der ich sein sollte. Ich bin ein kleines Möbel aus Traurigkeit, abgestellt an der Wand. Als Gefangener in Cádiz setzte ich mich auf meinen Seesack und begann zu grübeln, und fühlte nicht, was mit mir geschehen war, sondern das, was mir noch passieren würde.“

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Madrid macht sich frei von Depressionen

Blick von der Dachterrasse des Círculo de Bellas Artes

Sechs Jahre lang lief für Spaniens Hauptstadt alles schief. Doch jetzt erlebt die Stadt neues Selbstbewusstsein und eine Lebendigkeit, die nicht von oben verordnet ist.

zeit online 23.3.2014 · Madrid wird überleben, trotz allem. Trotz all des Stickstoffdioxids, all der Schulden, all der Arbeitslosen, all der geplatzten Träume. Die Propheten heißen Carlos Lahoz und Manuel Leira. Sie haben vor rund einem Jahr den Madrid Think Tank gegründet. Darin entwickeln sie gemeinsam mit anderen Ideen, um Spaniens Hauptstadt am Leben zu erhalten: Madrid, Metropole auf der Hochebene, wo Luft und Straßen schmutzig sind, wo niemand mehr investieren will, wo Touristen wegbleiben und Schulden in den Himmel wachsen. Uff. “Als Bürger fühlen wir uns verpflichtet”, sagen die Architekten, “der Stadt ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben”.

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