Don Quijote und die Giganten

Amazon will den gesamten spanischsprachigen Buchmarkt zwischen Europa und Lateinamerika vernetzen

NZZ·Brigitte Kramer·7.9.2011 ⋅ Dreieinhalbtausend Jahre lang haben Gelehrte und Schriftsteller der Menschheit ihr Wissen auf Tafeln, Rollen oder Seiten hinterlassen. Zugang hatten früher nur einige wenige und bis heute nicht alle. Neuerdings verbreiten sich Gedanken auf Smartphones und Tablets. Das könnte Lesern Vorteile bringen – Lesern wie Iván Thays. Der Peruaner ist Schriftsteller und lebt in Lima. Viele seiner Kollegen sind nach Spanien gezogen, in das Mekka der Verlage. Wer Erfolg haben will, zieht nach Europa. Vielleicht ändert sich das bald. Denn Amazon kommt. Die spanischsprachige Version der grössten Online-Buchhandlung der Welt wird noch vor Jahresende spanische, argentinische oder chilenische Leser und Autoren vernetzen: 500 Millionen potenzielle Nutzer warten, sie gehören zur drittgrössten Sprachgruppe der Welt. Zeitgleich ziehen Konkurrenten wie GoogleBooks und Apple mit digitalem Inhalt auf Spanisch und Lesegeräten nach. «Die Ankunft der Online-Buchgeschäfte ist eine gute Nachricht. Ich hoffe, sie bieten Neuerscheinungen und Bücher, die im Internet empfohlen werden», sagt Iván Thays. Bis anhin lässt er sich Bücher von Freunden aus Spanien mitbringen. Auch Verleger wie Luis Solano vom Verlag Libros del Asteroide in Barcelona hoffen, dass Amazon Distanzen verkürzen und Hindernisse überwinden wird. «Derzeit ist es logistisch und vom Preis her sehr schwierig, in Lateinamerika Kunden zu erreichen», sagt er. Was Kulturminister nicht geschafft haben, das könnte nun amerikanischen Verkaufsplattformen gelingen: das kulturelle Gefälle in der spanischsprachigen Welt zu ebnen.

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Glücksmomente unter Wasser

Die Schriftstellerin Sabina Berman steht für den Aufbruch und das Selbstbewusstsein mexikanischer Frauen

Sabina Berman schildert in ihrem Roman «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» den Weg einer Autistin zu wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Dabei plädiert die mexikanische Schriftstellerin jüdischer Herkunft für Toleranz, Freiheit und Achtung vor der Natur.

Brigitte Kramer, NZZ

Dass ausgerechnet eine Frau wie Sabina Berman eine Autistin zur Romanheldin macht, das überrascht anfangs. Denn die 54-jährige Mexikanerin ist in ihrer Heimat eine der kommunikativsten und gesellschaftlich aktivsten Frauen überhaupt. Als Fernsehjournalistin interviewt sie Politiker und Wissenschafter, als Dramaturgin, Drehbuchautorin und Kolumnistin macht sie sich für die Rechte von Frauen und gleichgeschlechtlichen Paaren stark, als Dichterin und Romancier verarbeitet sie ihre eigene Identitätsfindung. Berman ist, das steht ausser Frage, eine freie und intelligente Frau.

Die Heldin von Bermans zweitem Roman «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» ist noch freier und intelligenter, wie die Autorin selber sagt. Karen Nieto ist Autistin. Die Krankheit zeigt sich bei Störungen im zwischenmenschlichen Handeln sowie bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Information. Sie existiert in verschiedenen Schweregraden und geht oft mit einseitigen, aussergewöhnlichen Begabungen einher. Sigue leyendo