Ende des Freiflugs in Spanien

Früher galt Korruption auf der Iberischen Halbinsel als Kavaliersdelikt, doch das Ansehen der Betrüger schwindet. Nun steht eine wahre Prozesswelle bevor

Schwarzgeld, Briefumschläge, falsche Verträge: Spanien will dieses Jahr rund 2000 Politiker und Unternehmer wegen Korruptionsfällen verurteilen. 

NZZ am Sonntag, 1.2.2015 · Das neue Jahr hat in Spanien mit hohen Erwartungen begonnen. Es ist nicht nur das Jahr der Parlamentswahlen. Es ist auch das Jahr der grossen Korruptionsprozesse. Was Ermittlungsrichter und Staatsanwälte zusammengetragen haben, soll nun der Rechtsprechung dienen. Angeklagt sind nach Berechnungen der Agentur Europa Press mehr als 2000 Politiker aller Ebenen und Regionen sowie Unternehmer. Sie sollen bei rund 150 Gerichtsverfahren wegen Bestechung, Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder Veruntreuung öffentlicher Gelder verurteilt werden.

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Ein Kulturzentrum als Problemfall

Eine 49-jährige Gymnasiallehrerin muss derzeit den Ruf ihrer Region sanieren. Ana González ist zum ersten Mal Mitglied der Regierung von Asturien und dort für Kultur zuständig. Und sie ist Vorsitzende der öffentlichen Stiftung, die das Prestigeobjekt Centro Cultural Internacional Oscar Niemeyer betreibt. Es hat eine kurze, aber bewegte Geschichte – und sorgt seit Beginn für Kopfschmerzen und politische Kämpfe.

Niemeyer

Das Kulturzentrum wurde unter der sozialdemokratischen Regionalregierung für 43 Millionen Euro gebaut und im März 2011 eröffnet. Neun Montag später schloss es die folgende, konservative Regierung. Nun, da die Sozialdemokraten nach vorgezogenen Wahlen 2012 zurückgekehrt sind, ist es wieder offen. Das weisse, vierteilige Gebäude steht in der ehemaligen Industriestadt Avilés. Der Entwurf dazu war ein Geschenk des kürzlich verstorbenen brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer, als Dank für den Prinz-von-Asturien-Preis. Die Stadt erhofft sich von dem Zentrum einen ähnlich positiven Effekt, wie ihn Bilbao dank dem Guggenheim-Museum spürt.

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Urdangarin muss weg

War einmal: Urdangarin steht im Madrider Wachsfigurenkabinett nicht mehr neben seiner Frau Cristina de Borbón. Foto: Cristóbal Manuel/El País

Der Schwiegersohn des spanischen Königs hat mehr als 16 Millionen Euro veruntreut. Der Skandal um Iñaki Urdangarin weitet sich nun aus: Eine Anklage steht bevor und seine Frau, die Infantin Cristina, wird sich entscheiden müssen. Das Königshaus distanziert sich von dem Fall. Zu spät, sagen Beobachter: Der Schaden für die spanische Monarchie sei  «äußerst schwerwiegend».

 Als König Juan Carlos jüngst mit einem Veilchen in der Öffentlichkeit auftrat, hatte das Symbolcharakter. Der Monarch sei im Palast gegen eine offene Tür gelaufen, hieß es. Doch nicht nur der häusliche Unfall bereitet dem fast 74-Jährigen Schmerzen. Seit rund vier Wochen gelangen Fakten zu illegalen Geschäfte seines Schwiegersohnes Iñaki Urdangarin ans Licht. Der Ehemann der jüngsten Königstochter Cristina de Borbón ist der Veruntreuung öffentlicher Gelder, Vorteilsbeschaffung, Bestechung und Dokumentenfälschung verdächtigt, Delikte, die in Spanien mit mindestens 15 Jahren Haft bestraft werden. Anfang kommenden Jahres soll der ehemalige Handballprofi angeklagt werden und den Verbleib von rund 16 Millionen Euro aufklären, die er und sein Geschäftspartner zwischen 2004 und 2007 von mehr als 100 Auftraggebern kassiert haben.

Die beiden boten über ihre gemeinnützige Stiftung Noos – auch im Namen ihrer Königlichen Hoheit, der Infantin Cristina, sowie eines Angestellten des Königshauses , Consulting-Dienste und Kontaktvermittlungen an, die überproportioniert bezahlt wurden. Urdangarin zog dabei Nutzen aus seiner angeheirateten Position. Das Geld brachten sie in Steuerparadiese oder legten es in Immobilien an. Zu den Kunden gehören auch Rathäuser und Regionalregierungen, die die Dienste mit Steuergeldern bezahlten.

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