Madrids Schikane hilft Separatisten

Mit allen Mitteln will Madrid das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien verhindern. Doch genau das gibt den Separatisten Auftrieb.

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NZZ am Sonntag, 17.9.2017 · Den meisten der 948 Gemeindepräsidenten Kataloniens flattert dieser Tage unangenehme Post ins Haus. 712 von ihnen müssen zum Polizeiverhör antreten. Denn sie wollen die Durchführung des Unabhängigkeitsreferendums der Region am 1.Oktober unterstützen, etwa indem sie Stimmlokale zur Verfügung stellen. Der Urnengang ist laut den obersten Richtern Spaniens allerdings illegal, sieht doch die Verfassung eine Abspaltung nicht vor. Und so droht die Justiz den Gemeindepräsidenten mit Verfahren wegen Ungehorsam, Rechtsbeugung und der Veruntreuung öffentlicher Gelder. Darauf stehen bis zu 8 Jahre Haft.

Nicht nur für katalanische Gemeindepräsidenten wird es derzeit ungemütlich. Mit allen Mitteln versucht die Zentralregierung in Madrid, das Referendum zu unterbinden. Mitarbeiter der staatlichen Post wurden aufgefordert, keine Sendungen für die Abstimmung zu transportieren. Eindringlich wies der Generalstaatsanwalt in Madrid zudem die Katalanen darauf hin, sich am Abstimmungstag nicht als Wahlhelfer zu engagieren – und drohte mit strafrechtlichen Konsequenzen. Zuvor hatte die Justiz bereits demonstriert, wie sie mit Bürgern umgeht, die unter Separatismusverdacht stehen: Der Besitzer einer Druckerei, welche die Stimmzettel gedruckt haben soll, musste eine stundenlange Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen. Die Beamten fanden nichts. Um sicherzugehen, dass kein Euro Steuergeld ins Referendum fliesst, drohte Madrid sogar damit, die Finanzkontrolle in Barcelona zu übernehmen – aus katalanischer Sicht eine Verletzung der Autonomie.

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«Dieses Land kann man nicht ernst nehmen!»

NZZ, 22.11.2014 · Sein Werk wird in über zwanzig Sprachen übersetzt. Im Ausland, sagt Javier Cercas im Interview, verstehe man seine Bücher vielleicht sogar besser als in Spanien, seiner Heimat.

Foto: privat

In Ihrem jüngsten Roman, «Outlaws», schildern Sie das Leben Jugendlicher in den ersten Jahren der spanischen Demokratie. Der Held, ein 16-jähriger Mittelschichtssohn, freundet sich mit gleichaltrigen Kleinkriminellen aus der Unterschicht an, sogenannten Quinquis, die er Jahre später wieder trifft. Was ist das für eine Gesellschaftsgruppe?

Ein Quinqui ist die spanische Variante des Gesetzlosen, der Randfigur, des Underdogs. Billy the Kid wäre ein amerikanischer Quinqui. Sie gibt es in Spanien heute nicht mehr, die meisten sind wegen Heroin oder an Aids gestorben. Während der Transición tauchten sie überall auf, machten Schlagzeilen – sie waren so etwas wie die Schattenseite der Erneuerung. Eine Entsprechung fänden sie heute in den Indignados, mit Unterschieden. Die benachteiligten Jugendlichen meiner Generation hatten kaum Schulbildung, konnten sich nur mit Gewalt artikulieren. Heute haben sie mehr Ressourcen, wie man an den Demos sieht.

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Auf Mallorca wächst Unzufriedenheit mit Madrider Regierung

Katalanen und Basken wollen zu Spanien auf Distanz gehen. Auch auf Mallorca und den anderen Inseln der Balearen wächst der Unmut über Madrid. Vom Mutterland lossagen wollen sich die Bewohner aber nicht.

Palma de Mallorca (dpa), 30.10.2012 – Katalonien will von Spanien unabhängig werden und dazu ein Referendum abhalten. Im Baskenland triumphierten separatistische Gruppen bei der Regionalwahl am 21. Oktober. Auch auf der Ferieninsel Mallorca und den Nachbarinseln Menorca, Ibiza und Formentera macht sich in der Bevölkerung Unzufriedenheit mit der Regierung in Madrid breit. Aber von Spanien lossagen will sich nur eine kleine Minderheit der Bewohner.

Auf der Inselgruppe der Balearen, die Katalonien kulturell und geografisch nahesteht, wirken seit langem separatistische Kräfte. Sie argumentieren ähnlich wie die Katalanen und wollen den Archipel zu einer «balearischen Nation» machen. Politische Beobachter halten es jedoch für unwahrscheinlich, dass der separatistische Funken auf die Ferieninseln überspringt.

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Auf Augenhöhe mit dem Leser

Die katalanische Schriftstellerin Maria Barbal erzählt in ihren Romanen grosse Geschichten kleiner Leute – mit schlichter Sprache und Respekt für ihr Sujet. In «Càmfora» schildert sie das spanische Massenphänomen Landflucht anhand einer Familie, die auseinanderbricht.

Maria Barbal. Foto: Institut Ramon Llull

Neue Zürcher Zeitung, 1o.12.2011

Darf ein Schriftsteller schüchtern sein, stottern, nach Worten suchen, wenn er – oder in diesem Fall sie – 62 Jahre alt ist, seit 25 Jahren publiziert, wichtige Preise erhalten hat und zu den meistverkauften Autoren seiner Region gehört? Ja. Maria Barbal darf das. Die katalanische Autorin hat neun Romane, vier Bände mit Erzählungen und einige Kinderbücher publiziert. Ihre Bescheidenheit spürt man nicht nur im Gespräch, sondern in allen Werken. Die Romane «Wie ein Stein im Geröll», «Inneres Land» oder «Emma» sind wohl deshalb so erfolgreich: weil sie glaubwürdig sind und im Dienst der Sache stehen. Kein Autoren-Ego schiebt sich zwischen Erzähler und Leser. Maria Barbal lässt die beiden in Ruhe. Hand in Hand dürfen sie durch die Seiten ziehen.

Diese Leistung verdankt sich einerseits der Einstellung dieser Schriftstellerin zu ihrer Arbeit, andererseits ihrem Respekt vor der Sprache. Einige Romane hat sie in der ersten Person geschrieben, manche sogar als Briefromane, die sich direkt an ein abwesendes Gegenüber wenden. Eine Mutter, die ihre Familie wegen einer Liebschaft verlassen hat und einige Zeit auf der Strasse lebt, wendet sich in Tagebuchaufzeichnungen an die zwölfjährige Tochter und versucht, voller Schuldgefühle, das eigene Handeln zu erklären («Emma»). Eine Tochter, die mit einer lieblosen Mutter aufwächst, versucht im Erwachsenenalter, das Psychogramm der Mutter zu entschlüsseln, um ihr verzeihen zu können («Inneres Land»).

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Geschichten aus dem Nachbarhaus

Literatur und Kulturdialog – zwei katalanische Romane erschliessen die Herkunftswelten ihrer Verfasser

Zwei Immigranten, eine Frau und ein Mann, haben in Katalonien literarische Überraschungserfolge erzielt. Jetzt sind die Bücher von Najat El Hachmi und Pius Alibek auch auf Deutsch erschienen.

Brigitte Kramer, NZZ

Der Weg in die Selbstverwirklichung begann für Najat El Hachmi mit einem Buch über die eigene Geschichte. Der autobiografisch gefärbte Roman «Der letzte Patriarch» hat das Leben der 31-Jährigen verändert, die als Tochter marokkanischer Einwanderer in einer katalanischen Kleinstadt lebt. Seitdem er vor drei Jahren auf Katalanisch und später in anderen Sprachen erschienen ist, hat El Hachmi ihre Stelle in der Verwaltung gekündigt, ein zweites Buch geschrieben und Lesereisen ins Ausland unternommen. Und sie hat ihren Platz im Leben gefunden: «Ich bin Katalanin mit marokkanischen Wurzeln. Seitdem ich acht war, erkläre ich den Leuten meine Identität», das sei ermüdend.

Familien auf der Flucht

Doch nun scheint sich in der reichsten und fortschrittlichsten Region des Landes etwas zu ändern. Najat El Hachmis Geschichte einer Befreiung – das Alter Ego der Autorin leidet unter dem tyrannischen Verhalten des Vaters, der die Mutter jahrelang misshandelt, bei der Gängelung seiner Tochter aber scheitert – bekam 2008 den Ramon-Llull-Preis, die höchste literarische Auszeichnung der Region. «Niemand konnte glauben, dass eine Immigrantentochter den Preis erhält, dazu noch mit ihrem ersten Roman», sagt die Autorin.

Lesenswert macht das Buch nicht nur die Offenheit der Autorin, sondern auch ihr erzählerisches Geschick. Was anfangs wie die Abrechnung einer gedemütigten Tochter wirkt, entpuppt sich als intelligente Einordnung der Dinge in einer Welt, deren Angeln quietschen. Ihren Weg sucht die jugendliche Protagonistin ganz alleine, denn sie ist nicht mehr und noch nicht das, was sie umgibt. Das Leben zwischen zwei Kulturen macht El Hachmi fühlbar, zum Beispiel wenn es darum geht, welche Hosen die Tochter tragen darf. Das Büffeln katalanischer Vokabeln dient bei dieser einsamen Suche als eine Strickleiter, die als Ordnungselement auch die Kapitel strukturiert. Gegen Beleidigungen des Vaters wie «Du Schlampe!» setzt die Heldin alphabetische Ordnung: «Yperita, Senfgas; Ypressià, -ana, zu Eurasien gehörig»: eine gelungene Symbolisierung dieser Befreiung dank Bildung. Zugleich dienen die akademischen Einschübe als Seilende, das die Autorin den Lesern zuwirft: Nach und nach löst man mit der Heldin die Fesseln.

Auch Pius Alibek, der eine Generation vor Najat El Hachmi geboren wurde und aus dem Irak stammt, baut mit einer Betrachtung seines Lebens Nähe zu den Lesern auf. In seinem Roman «Als ich unter Sternen schlief» schildert der 56-Jährige das Leben im Irak zwischen den 1960er und den 1980er Jahren. Der assyrische Christ gehörte in seiner Heimat einer Minderheit an. Seine Familie litt unter Saddam Hussein unter politischer Verfolgung. Als Seminarist in Bagdad bekam er zudem Einblick in die Welt der chaldäisch-katholischen Kirche. «Meinen Glauben habe ich dabei nicht verloren», sagt er heute, «aber meine Religiosität.»

Das Buch erscheint mittlerweile in der sechsten Auflage und wurde ebenfalls vielfach übersetzt. Alibek betreibt in Barcelona ein irakisches Restaurant, wo er selbst kocht und an den Ruhetagen schreibt. In Interviews erweist er sich als gut informierter, meinungsstarker Beobachter der Ereignisse im Irak. Seine Lebensgeschichte vor der Emigration habe er vor allem für seine Tochter niedergeschrieben, sagt er, «die die Heimat ihres Vaters nicht kennt und auch nie kennenlernen wird, denn den Irak von damals gibt es nicht mehr».

Die beiden literarischen Überraschungserfolge verweisen auf einen Wandel in Katalonien. Immigranten fordern ihren Platz in der Gesellschaft. Beide Autoren sind in den 1980er Jahren nach Spanien gekommen. Ihre Bücher schildern Welten, die den Spaniern verborgen und zugleich greifbar sind, beschreiben das Leben der ausländischen Nachbarn: hinter verschlossenen Türen im Fall von El Hachmi oder bevor sie zu Einwanderern wurden wie Pius Alibek. Wie andernorts in der westlichen Welt scheint der Dialog zwischen den Kulturen fruchtbar, wenn er auf literarischem Weg begonnen wird.

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