“Der Mensch ist so schlecht, wie man ihn sein lässt”

Denker, Publizist, Aktivist. Der 1947 im baskischen San Sebastián geborene Fernando Savater wird in seinem Heimatland als Unbequemer angeschaut – und angefeindet. In Madrid traf ihn Brigitte Kramer.

Foto: Gonzalo Merat

NZZ, 14.4. 2014 · In Ihrem jüngsten Buch «Meine Einbildungen» versammeln Sie Zeitungskolumnen der vergangenen Monate. Ein wichtiges Thema für Sie ist Spaniens Bildungspolitik. Was passiert gerade im Land?

Die europaweite Tendenz geht zu rein funktionsorientierten Bildungsprogrammen. Anstatt Bürger und Menschen zu formen, schafft man Angestellte, Leute, die mehr oder weniger tüchtig arbeiten. Weiterführende Perspektiven gibt es nicht mehr. Natürlich müssen Schüler und Studenten auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, aber es ist noch wichtiger, sie zu mündigen Bürgern zu erziehen. Martha Nussbaum nannte das «cultivating humanity». Das geht verloren. Als Maturfach hält sich Philosophie meines Wissens nur noch in Frankreich und Italien. Auch in Spanien herrscht diese Tendenz: immer mehr kurze, praxisorientierte Studiengänge. Es gibt zum Beispiel kaum mehr Lehrveranstaltungen zu europäischer Literaturgeschichte, immer weniger Studenten kennen Klassiker wie Shakespeare, Goethe, Cervantes, Dante.

Sie haben sich jahrzehntelang um die Kultivierung der Menschlichkeit bemüht, als Ethik-Professor und als Autor von Handbüchern zur Philosophie. Laut einer Umfrage des britischen Magazins «Prospect» unter 1000 Teilnehmern in hundert Ländern gehörten Sie 2013 zu den 100 einflussreichsten Denkern weltweit. Hört man auf Sie?

Als Lehrer habe ich Talent, glaube ich, weil ich selbst ein Ignorant bin. Ich verstehe andere in ihrem Unwissen ganz gut. Als Autor und Kolumnist habe ich mein Publikum, keine Frage, vor allem in Lateinamerika, wo ich oft Vorträge halte. Aber grosse Illusionen mache ich mir nicht, der Einfluss der Philosophie ist begrenzt. Vor einiger Zeit sind innerhalb von drei Tagen drei wichtige Spanier gestorben, der Dichter Félix Grande, der Philosoph Carlos París und der Fussballtrainer Luis Aragonés. Sie können sich vorstellen, wer von ihnen auf allen Titelblättern war.

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Verarmte Familie stirbt an giftiger Mahlzeit

In Sevilla ist eine mittellose Familie nach dem gemeinsamen Abendessen gestorben. Die Todesursache ist unklar. Anwohner protestieren gegen die grassierende Armut.

NZZ, 20.12.2013 · Eine Tragödie hat sich kurz vor Weihnachten in einem Vorort von Sevilla abgespielt. Drei Mitglieder einer vierköpfigen Familie sind dort in der Nacht des 14. Dezembers umgekommen, nachdem sie gemeinsam zu Abend gegessen hatten. Laut ersten Untersuchungen erlagen der 61-jährige Vater, die 50-jährige Mutter und eine 14-jährige Tochter einer Fischvergiftung. Die zweite, 13-jährige Tochter überlebte mit leichten Symptomen. Die Autopsie der Verstorbenen legte nun andere Spuren.

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«Alfonso will nur mich»

Spanien blickt auf ein groteskes Grossereignis

Die 85-jährige Herzogin von Alba heiratet am 5. Oktober einen 24 Jahre jüngeren Beamten. Die sechs Kinder der Braut forderten zuerst ihr Erbe, und die Bevölkerung dichtet Spottlieder.

Brigitte Kramer, Neue Zürcher Zeitung, 5.10.2011

Sie ist adliger als König Juan Carlos, doch keine Krone ziert ihr Haupt. Die Herzogin von Alba, Trägerin von mehr als 70 Titeln, ist dafür Spaniens Society-Queen. Sie ist eigenwillig, temperamentvoll, umstritten, nicht immer stilsicher und derzeit noch öfter in der Presse als gewöhnlich. Denn María del Rosario Carolina Cayetana Paloma Alfonsa Victoria Eugenia Fernanda Teresa Francisca de Paula Lourdes Antonia Josefa Fausta Rita Castor Dorotea Santa Esperanza Fitz-James Stuart y de Silva Falcó y Gurtubay, so heisst die Chefin des Hauses Alba offiziell, ist verliebt. Continue reading

Ich bin deprimiert …

… die Titelseite von La Vanguardia ist heute zum Heulen (“Alarmstufe rot”). Spanien steht kurz vor dem Staatsbankrott. Falls es zu einem EU-Darlehen kommt, müssen Generationen von Spaniern diese Schulden zurückzahlen. Das ist gemein.

Darunter: Die USA sind gerade noch davongekommen … schrecklich denke ich mir und frage mich: Global gesehen sind Europa und die USA die reichsten Regionen und haben doch kein Geld dasistdochallesfalschwiekannesnursoweitgekommensein?

Und dann sehe ich unten das Gesicht dieses hungernden Kindes: Der Kontrast ist so groß. Worum geht es im Leben? Sind die Spanier bankrott, weil sie zu viel Feriensiedlungen-Golfplätze-Flughäfen gebaut haben, weil alle Vierradantrieb-beheizterPool-Wohnzimmergarnitur-Küchenroboter-Lactimel-süchtig sind? Der Gipfel ist dann noch das linke Ohr oben: “Skalpell, Samba und Strand” steht da: Brasilien kurbelt den Schönheits-OP-Tourismus an.

Mir ist speiübel.

Die Revolution der radikalen Träumer

 

© El País, Samuel Sánchez

 

 

Manuel Rivas zählt zu den wichtigsten spanischen Gegenwartsautoren. Im Gespräch mit der NZZ äussert er sich über die korrupten Zustände in seinem Heimatland und den Widerstand dagegen.

Brigitte Kramer

«Wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Bankern.» Mit diesem Satz hat die Bürgerbewegung Democracia Real Ya (Echte Demokratie Jetzt) am 15. Mai zum friedlichen Protest auf Spaniens Plätzen aufgerufen. Zehntausende «ganz normale Bürger» – als solche bezeichnen sich die Aktivisten – hielten danach rund zwei Wochen lang die Hauptplätze von mehr als 60 Städten und Gemeinden besetzt. Nun räumen sie die Posten und arbeiten ihre Forderungen bei Gruppentreffen und per digitale Vernetzung aus. Das «Movimiento 15-M» will nicht nur Wohnungen und Arbeit. Die Bewegung ruft zur «ethischen Revolution» auf, fordert Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität ein und bezieht sich damit auf das Pamphlet «Indignez-vous» des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hessel, das vergangenen Herbst zum Bestseller wurde.

In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung «El País» schlug der 93-jährige Hessel als Alternative zu einem System, das auf Kosten der Gesellschaft Gewinn machen wolle, jüngst vor: «Echte Demokratie.» Hessel ist ein Vordenker der Bewegung der «Indignados», der Empörten. Spaniens Intellektuelle dagegen, «die gerne über alles schreiben und sprechen», so der 53-jährige Schriftsteller und Journalist Manuel Rivas, schweigen. Continue reading