Formentera – Ihre Insel

Die Balearen-Insel Formentera wird Touristen als letztes Paradies verkauft. Für Santiago und Miquel Costa, die seit 60 Jahren auf ihr leben, ist sie trotzdem eines.

Formentera: Ihre Insel
Miquel (li.) und Santiago Costa. Die Brüder sind auf Formentera geboren.

 

Zeit online, 23.7.2014 ·  Santiago Costa ist etwas knorrig, nicht besonders freundlich, eher geduldig. Geduldig mit Besuchern, die das andere Formentera entdecken wollen. Ein guter Ausgangsort dafür ist seine weinumrankte Veranda. Hier sitzt Costa im Schatten vor seinem Haus auf dem Hochplateau La Mola. Unten muss das Meer an die Felsen schlagen, aber hier oben hört man nichts, nur das Summen der Insekten. Es riecht nach trockener Erde und wildem Thymian. Salz und Feuchtigkeit legen sich auf Haut und Haare. Sie erinnern uns daran, dass wir auf einer Mittelmeerinsel sind.

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Zeit verfliegt – einfangen

Das Hinterland, immer wieder das Hinterland. Schwaches Wort voller Geschichte. So wie der endlos ausdehnbare Magen des Tiefseefisches Schwarzer Schlinger. In seinem dunklen Bauch finden sich Fische, die teils größer sind als er selbst. Seine Haut ist so dick, dass das Licht verschlungener Laternenfische nicht durchschimmert und den Räuber so im dunklen Meer nicht verrät.

Mallorcas Hinterland ist vielerorts wie eine Tiefsee. Trockene, steinige Äcker mit staubbedeckten Bäumen sieht man, kilometerlang.

Dabei schimmern hier und dort seltsame Früchte. Man sieht sie erst, wenn man aus dem Auto steigt und über das furchige Acker geht.

Am Ende der Äste reifen die Feigen in der Sonne dem Dürretod entgegen. Doch sie sind auch Lichtblicke.

Es gibt sie wieder. 600 Sorten, davon 1oo einheimische, 1650 Bäume. Zigtausende Früchte. Ein pensionierter Apotheker züchtet sie, seit ein paar Jahren. Es sind so viele, dass sie am Baum hängen bleiben. Das Wichtige sind vorerst auch nicht die Feigen, sondern die Äste. Die verschickt Montserrat Pons von der Finca Son Mut Nou nach Australien, Südafrika oder in die USA – deren Feigenerbe ist viel ärmer als das mallorquinische. Die Stecklinge schlagen in der fremden Erde aus, dort entsteht ein neuer Baum.

Während Montserrat Pons Mallorcas Artenvielfalt global verbreitet, verdörren seine Früchte zu Trockenfeigen am Ast. Schmecken nicht schlecht.

Die Bäume auf der Finca sind noch recht klein, um diese Jahreszeit wirken sie besonders mickrig. Der Wind hat die Blätter, hier im flachen Süden der Insel, schon verweht. Doch sie vereinnahmen uns trotzdem. Sie erzählen so viel. Sie stehen still, während die Zeit verfliegt.

Feigenzeit

100 Sorten gibt’s auf der Insel. Dunkle und helle, runde und ovale, trockene und fleischige…die Namen kann ich nicht übersetzen. Dem Markthändler liegen sie in der Hand wie Vögelchen. Ein Dutzend hab ich gekauft, eigentlich sollte man sie selber pflücken und dabei den Geruch der heruntergefallenen riechen, die unter der Baumkrone im Schatten vergären. Schwarze Schweine sollen sich früher daran berauscht haben, oder ist das jetzt aus einer Geschichte von Margaret Atwood (oder Alice Munro : / ). In Kanada gibt’s doch keine Feigen, oder? Wahrscheinlich waren es alkoholisierte Äpfel.

Feigenbäume wie der hier abgebildete sind beeindruckend, da kann eine ganze Kindergartengruppe darunter Brotzeit machen und Häuslein spielen, ach was, Villa spielen! Mich beeindrucken die Bäume aber mehr im Winter, sagen wie Februar. Sie stehen komplett kahl da, grau und tot wirken sie nach den letzten Herbststürmen. Und dann wachsen plötzlich doch wieder diese zusammengefalteten Blätter aus den Astspitzen, wo ich doch im Vorbeigehen immer denke “der ist abgestorben, da kommt nichts mehr.” Und doch kommt wieder was. Und zwar zuerst diese Blätter, die sich wie Hände zum Himmel hin öffnen, in kürzester Zeit, und danach sitzen auch schon kleine grüne Feigen an den Zweigen, in Nullkommanichts. “Das gibt’s doch nicht, gestern noch tot, heute schon Feigen dran”, denke ich. Ich hab’s noch nie geschafft, eine Feigenblüte zu sehen.

Mary Wigman hätte an den sprießenden Feigenbäume ihre Freude gehabt. Ausdruckstanz in Zeitlupe.