Im Dorf der Radler und Siffons

Das wird eine Hinterland-Serie, so scheint es. Gestern war ich in Petra. Entdeckung. Die Bürgermeisterin ist so alt wie ich und entscheidet seit 16 Jahren mit, in welcher Art von Dorf sie und 3.000 andere Menschen leben sollen. Catalina ist schlau und pragmatisch. Ihr Mann baut Ramallet-Tomaten an und lebt davon. Wenn sie im Dorf unterwegs ist, hat sie einen kleinen Zettel in ihrer Hosentasche, darauf notiert sie: “Wasser in Xs Haus zu wenig Druck” oder “Straßenlaterne vor Zs Haus kaputt”. Sowas sagen ihr die Leute, wenn sie sie treffen. Continue reading

s’Esgleieta-Sunchales, one way

Von einem Zungenbrecher-Ort zum andern zog vor ein paar Jahrzehnten ein heute alter Mallorquiner.

Er ist der erste, von dem ich weiß, dass er in s’Esgleieta geboren und aufgewachsen ist. «Das Kirchlein» ist eine Handvoll Häuser, an der Landstraße von Palma nach Valldemossa. Es ist ein «Llogaret», ein Örtchen. Spekulationen in meinem Bekanntenkreis zufolge ist es entstanden, weil dort A eine Kapelle und B ein Wirtshaus in Quijotes Sinn stehen: Wanderer, Pilger, Händler und Gesinde auf dem Weg vom Einsiedlerhof in die Stadt konnten dort Rast machen. Die Strecken waren ja damals viel länger, also das Tempo langsamer. Ein Privatsekretär vom Erzherzog, ein junger Mann aus Böhmen, soll vor rund 130 Jahren auf eben jenem Weg vom Hitzschlag niedergestreckt worden sein. Er stand in Valldemossa in Dienst, hatte aber eine Liebschaft in Palma. Den Weg musste er zu Fuß zurücklegen (heute mit dem Auto: 30 min.).

Vielleicht hat er die Schänke übersehen. So wie ich. Noch nie war ich in s’Esgleieta, obwohl ich schon oft daran vorbei gefahren bin.

Dass man das Nest  verlässt, ist klar. Aber muss es gleich Sunchales sein? Für lateinamerikanische Verhältnisse ist Mallorca ja ein Olivenkern. Angesichts der bekannten Heimatliebe der Bewohner muss die Not des Auswanderers groß gewesen sein. («Würde ich die Insel verlassen, hätte ich Angst, verloren zu gehen», sagte mir einmal ein junger Musiker) .

Seine neue Heimat liegt zwischen Rosario und Córdoba, mitten in Argentinien. Agrarland ohne Ende, Fußballclub, aufstrebend. In Sunchales hat er geheiratet, zwei Kinder und zwei Enkelinnen bekommen.

Eine davon ist zurückgekehrt auf die Insel ihres Großvaters und hat sich hier in den Sohn meines Nachbarn verliebt. Die beiden haben geheiratet und sind nach Argentinien gezogen, nach Sunchales, genau. Jetzt leben dort schon zwei Mallorquiner. Wobei der jüngere kein richtiger ist: Sein Vater ist Holländer, und der hat mir neulich die Geschichte erzählt. «Stellt euch vor, der Vater meines neuen Schwiegervaters ist aus s’Esgleieta», erzählte er uns auf dem Dorfplatz, neun Kilometer vom «Llogaret» entfernt.

Wir haben nichts verstanden. Wie? Wer? Was?

Die Wanderbewegung zwischen zwei Kontinenten und drei Generationen konnten wir erst nachvollziehen, als uns der Holländer Fotos von der Taufe seiner Enkelin in Sunchales gezeigt hat. Deren Urgroßvater schaut aus, als käme er gerade von der Johannisbrot-Ernte zurück. Da haben wir es plötzlich verstanden, wer wann wohin gezogen ist.

Der Auswanderer hat seine Insel nie verlassen. Die aufgekrempelten Hemdsärmel, die breiten Hände, der Hinterkopf…aus s’Esgleieta eben.

Feigenzeit

100 Sorten gibt’s auf der Insel. Dunkle und helle, runde und ovale, trockene und fleischige…die Namen kann ich nicht übersetzen. Dem Markthändler liegen sie in der Hand wie Vögelchen. Ein Dutzend hab ich gekauft, eigentlich sollte man sie selber pflücken und dabei den Geruch der heruntergefallenen riechen, die unter der Baumkrone im Schatten vergären. Schwarze Schweine sollen sich früher daran berauscht haben, oder ist das jetzt aus einer Geschichte von Margaret Atwood (oder Alice Munro : / ). In Kanada gibt’s doch keine Feigen, oder? Wahrscheinlich waren es alkoholisierte Äpfel.

Feigenbäume wie der hier abgebildete sind beeindruckend, da kann eine ganze Kindergartengruppe darunter Brotzeit machen und Häuslein spielen, ach was, Villa spielen! Mich beeindrucken die Bäume aber mehr im Winter, sagen wie Februar. Sie stehen komplett kahl da, grau und tot wirken sie nach den letzten Herbststürmen. Und dann wachsen plötzlich doch wieder diese zusammengefalteten Blätter aus den Astspitzen, wo ich doch im Vorbeigehen immer denke “der ist abgestorben, da kommt nichts mehr.” Und doch kommt wieder was. Und zwar zuerst diese Blätter, die sich wie Hände zum Himmel hin öffnen, in kürzester Zeit, und danach sitzen auch schon kleine grüne Feigen an den Zweigen, in Nullkommanichts. “Das gibt’s doch nicht, gestern noch tot, heute schon Feigen dran”, denke ich. Ich hab’s noch nie geschafft, eine Feigenblüte zu sehen.

Mary Wigman hätte an den sprießenden Feigenbäume ihre Freude gehabt. Ausdruckstanz in Zeitlupe.

Mönchsgeier ohne g

Ich weiß, der Mönchsgeier ist ein seltener Greifvogel, der auf Mallorca seit Jahren erfolgreich eingebürgert wird und einen langen Post verdient hätte. Irgendwann mal.

Heute geht es um die Mönchsgeier ohne g. Sie haben meinen ganzen Respekt verdient. Sie rühren mich und sie sind wunderbar – sauber und datiert, von Hand.

Genug der Spannung.

Im Eisenwarenhandel unserer Dorfes gibt es die besten HÜHNEReier der Insel, subjektiv betrachtet, klar. Händlerin Mari bekommt sie an unbestimmten Tagen der Woche geliefert («Komm morgen wieder, heute war er nicht da!»). Sie versteckt den Korb sofort unterm Trese (Gesundheitsbehörde, Salmonellen …). Ein Mönch scheint sie ihr zu bringen. Er lebt mit seinen Ordensbrüdern offenbar irgendwo im Umland. Habe aber noch nirgendsnichtkein Kloster o.ä. entdecken können, geschweige denn einen Mönch. Naja, sind wohl auch nicht mehr viele.

Die Eier sind nicht nur bio, groß und lecker, sie sind auch sauber und datiert. Was auf den ersten Blick aussieht wie der Stempel einer Hühnerfabrik ist bei genauem Hinsehen ein ganz normaler Datumsstempel.

Das war eine Entdeckung! Da lief gleich ein ganzer Film ab: Mönch grabscht unter einem Busch ein schmutziges Ei hervor, hier und dort, wäscht  und bestempelt alle mit weichen, sauberen Händen.

Dann bringt er sie der Mari, wie frisch gewaschene und frisierte Kinder.

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Bunyola, zweite Hälfte 19. und Anfang des 21. Jahrhunderts

Ich lebe in Bunyola. Im Rathaus ging es gestern hoch her. Ein Anwesender musste den Saal verlassen, Beleidigungen wurden ausgetauscht. Der Bürgermeister hat sich und seinem Vize das Gehalt erhöht, in Zeiten der Krise…

Bei der Arbeit an meinem Roman habe ich eine Zeichnung gefunden (ganz oben), von dem Habsburger Erzherzog Ludwig Salvator gefertigt. Er hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts insgesamt 12 Anwesen im Tramuntana-Gebirge gekauft, mit Geld der kaiserlichen Krone in Wien. Sie bilden heute das Herz des Welterbe-Gebietes.

Bunyola hat er nicht gekauft, aber porträtiert. Im Dorf lebten damals vor allem Tagelöhner, Köhler und Arbeiter auf den Anwesen Raixa, Alfabia, Cocons oder Biniforani. Sie gehörten den Familien des mallorquinischen Landadels, die meistens in Palma lebten und die Verwaltung der Güter den «Amos» überließen. Das Leben in der Feudalgesellschaft von damals beschreibt Llorenç de Villalonga in seinem Roman «Bearn». Die Bewohner dieses scheinbar idyllischen Dorfes – auch heute noch – streiten sich oft heftig. Das Dorf ist gespalten. Ehemalige Untertanen und Nachkommen despotischer Grundbesitzer versuchen sich in Selbstverwaltung … Wie lang der Weg zu einer reifen Demokratie ist, das konnte man gestern im Rathaus lernen.

Die Welt ist voll von falschen Paradiesen.