Kleinvieh als Krisenhelfer

Schafe und Ziegen sollen Maurern, Kellnern oder Akademikern aus der Krise helfen, das andalusische Hinterland aufwerten und Wissenstransfer ermöglichen. Dabei wollen sie nur in Ruhe grasen.

NZZ, 26.3.2013 · Gebimmel und Gemecker prägen neuerdings die Geräuschkulisse von Grazalema. Das andalusische Bergdorf liegt in Spaniens erstem Naturpark und gibt ihm den Namen: Parque Natural Sierra de Grazalema. Er erstreckt sich über 53 000 Hektaren und liegt rund 150 Kilometer von der Provinzhauptstadt Cádiz entfernt. Seit dem Jahr 1977 ist das weitläufige Bergmassiv so streng geschützt, dass nicht einmal extensive Viehwirtschaft erlaubt war. «Die Schäfer mussten ihre Herden aufgeben und nach Deutschland auswandern», erinnert sich Antonio Lara.

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Das Silbertässchen glänzt wieder

1812 kam in Cádiz Spaniens erste demokratische Konstitution zur Welt. 2012 erzählt die Stadt ihren Besuchern davon

Der Standard, 13.10.2012 · 200 Jahre der glanzlosen Randexistenz, unten, ganz unten am Südzipfel Europas sind genug. Dort liegt, so sagt man, die älteste Stadt des alten Kontinents. Dabei spielte Cádiz früher eine wichtige Rolle. Phönizier und Römer bevölkerten sie wegen ihrer strategischen Lage zwischen Atlantik und Mittelmeer. Später erlangte Cádiz als Handelshafen mit den Kolonien in Lateinamerika Reichtum. Wegen ihrer vielen Silber- und Goldelemente an Fassaden und auf Dächern wird die Stadt auch Silbertässchen genannt.

Zuletzt war sie dann im Jahr 1812 Zentrum des Geschehens: Spanische Parlamentarier wollten es Frankreich und den USA nachtun und versammelten sich in der einzigen freien Stadt des Landes, um eine demokratische Verfassung zu erarbeiten: Napoleon hatte Madrid besetzt, der Unabhängigkeitskrieg tobte, der spanische König war im französischen Exil festgehalten. Nur Cádiz war frei, denn die Stadt liegt auf einer Halbinsel und ist leicht zu verteidigen. Die Männer unterzeichneten die Verfassung schließlich am 19. März 1812, dem Tag des heiligen Josef. Bis heute wird Spaniens erster Demokratie-Entwurf deshalb „La Pepa“ genannt. Bis Jahresende gedenkt das Städtchen noch dieses Ereignisses.

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Zweihundert Jahre «la Pepa»

Cádiz feiert Spaniens erste Verfassung – Diskussion über demokratische Werte

Im Jubiläumsjahr finden in Cádiz politische Gipfeltreffen, Kultur-Events und Ausstellungen statt.

Der Gesetzeskatalog von 1812 war Spaniens erster Demokratie-Entwurf, der 119 Jahre später gelingen sollte. Bis heute lassen Redner und Revoluzzer die Verfassung von Cádiz als Symbol der Freiheit hochleben.

Erschienen in der NZZ, 19.3.2012

Sie starb jung, wie Marilyn Monroe. Deshalb ist sie bis heute, 200 Jahre nach ihrer Geburt, ein Mythos. Die erste von einem Parlament erlassene spanische Verfassung entstand am 19. März 1812, dem Tag des heiligen Josef. Deshalb taufte sie das Volk Pepa, abgekürzt für Josefa. Der Ausruf «¡Viva la Pepa!» (Hoch lebe die Pepa!) verleiht revolutionären Reden noch immer Nachdruck und fasst in drei Wörtern zusammen, was viele Spanier derzeit wieder fordern: Die Mitsprache eines Volkes, das zwar seit 34 Jahren in einer Demokratie lebt, aber noch an deren Perfektionierung arbeitet.

Verfrüht und verherrlicht

Spanien erliess seine Verfassung kurz nach den Vereinigten Staaten (1787) und Frankreich (1791). Diese war eine der liberalsten der Welt, trat aber nur dreimal kurz in Kraft, in den Jahren 1812, 1820 und 1836. Ihre Geburt war eingebettet in die absolutistischen Monarchien von Karl IV. und Ferdinand VII., in die Zeit der Invasion Napoleons (1807–1814) und des spanischen Unabhängigkeitskriegs. Der Gesetzestext stellt den Versuch einer bürgerlichen Revolution und eines modernen Staates dar. Den Gründungsvätern der jungen Länder Lateinamerikas diente er zum Vorbild, denn er definierte die Menschen nicht mehr als Untertanen, sondern als Bürger mit Wahlrecht, und zwar dies- und jenseits der Weltmeere. Im ersten Artikel steht: «Die spanische Nation ist die Vereinigung aller Spanier beider Hemisphären.»

In ihren 384 Artikeln legte die Verfassung von Cádiz die Souveränität der Nation und die Gewaltenteilung fest und schwächte damit die Position des Königs. Sie garantierte die Gleichheit (hellhäutiger Männer) vor dem Gesetz, die Freiheit des Individuums (sofern es nicht weiblich, dunkelhäutig oder versklavt war) sowie das Recht auf Eigentum, Bildung und freie Meinungsäusserung (ausser in religiösen Dingen). In Artikel 13 steht der Satz: «Das Ziel der Regierung ist das Glück der Nation, denn der Sinn jeder politischen Gesellschaft ist kein anderer als der des Wohlstands aller Individuen, die sie bilden.

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