Schneeloch Bunyola

geschrieben: 5.02.2012

Samstagmorgen in Bunyola (4.2.2012)

Ich melde mich zurück, am schneereichsten Tag seit 56 Jahren. Es war natürlich Aufregung por: Die Landstraße nach Palma und Sóller war gesperrt, wir konnten weder mit dem Bus noch mit dem Auto irgendwo hinfahren. Eigentlich war das nicht nötig, denn an diesem Wochenende lag Bunyola ziemlich nah am Zentrum der Welt. Anrufe, Anfragen auf Facebook, Tweets und SMS strömten ins Dorf, aus Deutschland, Österreich und aus dem Dorf Petra, 50 Kilometer entfernt, wo Freunde wohnen, die gerade mal ein paar Krümel Schnee abbekommen hatten. Wir verschickten Fotos, und niemand konnte glauben, was er auf den schnell geschossenen Bildern sah.

Das Ereignis war so groß, dass die meisten ihre Pläne umwarfen, das Auto stehen ließen und einfach durchs Dorf oder in der Umgebung umher liefen, um den Schnee zu feiern. Es herrschte Festtagsstimmung, irgendwann war ich versucht den Passanten Molts d’anys zu wünschen, wie das die meisten Leute tun, wenn sie an Feiertagen  jemandem auf der Straße begegnen. Strahlende Gesichter, tobende Jugendliche, Schneeballschlachten auf dem Dorfplatz, wo der Wochenmarkt auf zwei Stände mit frierenden Händlern reduziert war.
Ein paar Nordländer hatten Vorteile, sie trugen Schneebrillen, hatten Rutschbretter oder Moonboots, die sie eigentlich nur für den Heimaturlaub in Deutschland, Dänemark oder Schweden aufbewahrten. Ein paar Mallorquiner machten das wett, indem sie auf Wellenreitbrettern zur Haupstraße hinunterrutschten.
Mangels Schneeschaufeln blieb die weiße Decke vielerorts solange unberührt, bis die Mittagssonne zu wirken begann. Am Abend begann der Schneematsch dann festzufrieren, was die Stimmung etwas senkte, denn allenthalben passierten kleine Unfälle – Gummistiefel haben eben nicht das richtige Profil auf den Sohlen.
Am Sonntag war Bunyola dann überlaufen. Schneetouristen aus Palma parkten auf der Hauptstraße in doppelter Reihe, auf den Spazierwegen sah man fremde Gesichter. Wir liefen wieder hierhin und dorthin, denn es hatte nachts noch einmal ein paar Zentimeter geschneit. Auf dem weißen Spielplatz bauten wir zwei mannshohe Schneemänner, die später verschwunden … wohl gemerkt nicht geschmolzen … waren. Wir wunderten uns darüber, dass Leute Schneemänner klauen.
Am Sonntagnachmittag herrschte keine Feiertagsstimmung mehr sondern Katerstimmung. Sätze fielen wie “ein Tag ist gut, zwei reichen, drei Tage Schnee sind zuviel”. Matschige Schuhe, nasse Hosen, verstopfte Straßen, Unsicherheit wegen der Frostgefahr in der Nacht trübten die Freude. Alle Fotos waren versandt, alle Schneebälle geworfen. Wir hatten Geschichte geschrieben.
Jetzt wieder bitte Mandelblüten statt Schneeflocken.

Mönchsgeier ohne g

Ich weiß, der Mönchsgeier ist ein seltener Greifvogel, der auf Mallorca seit Jahren erfolgreich eingebürgert wird und einen langen Post verdient hätte. Irgendwann mal.

Heute geht es um die Mönchsgeier ohne g. Sie haben meinen ganzen Respekt verdient. Sie rühren mich und sie sind wunderbar – sauber und datiert, von Hand.

Genug der Spannung.

Im Eisenwarenhandel unserer Dorfes gibt es die besten HÜHNEReier der Insel, subjektiv betrachtet, klar. Händlerin Mari bekommt sie an unbestimmten Tagen der Woche geliefert («Komm morgen wieder, heute war er nicht da!»). Sie versteckt den Korb sofort unterm Trese (Gesundheitsbehörde, Salmonellen …). Ein Mönch scheint sie ihr zu bringen. Er lebt mit seinen Ordensbrüdern offenbar irgendwo im Umland. Habe aber noch nirgendsnichtkein Kloster o.ä. entdecken können, geschweige denn einen Mönch. Naja, sind wohl auch nicht mehr viele.

Die Eier sind nicht nur bio, groß und lecker, sie sind auch sauber und datiert. Was auf den ersten Blick aussieht wie der Stempel einer Hühnerfabrik ist bei genauem Hinsehen ein ganz normaler Datumsstempel.

Das war eine Entdeckung! Da lief gleich ein ganzer Film ab: Mönch grabscht unter einem Busch ein schmutziges Ei hervor, hier und dort, wäscht  und bestempelt alle mit weichen, sauberen Händen.

Dann bringt er sie der Mari, wie frisch gewaschene und frisierte Kinder.

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Bunyola, zweite Hälfte 19. und Anfang des 21. Jahrhunderts

Ich lebe in Bunyola. Im Rathaus ging es gestern hoch her. Ein Anwesender musste den Saal verlassen, Beleidigungen wurden ausgetauscht. Der Bürgermeister hat sich und seinem Vize das Gehalt erhöht, in Zeiten der Krise…

Bei der Arbeit an meinem Roman habe ich eine Zeichnung gefunden (ganz oben), von dem Habsburger Erzherzog Ludwig Salvator gefertigt. Er hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts insgesamt 12 Anwesen im Tramuntana-Gebirge gekauft, mit Geld der kaiserlichen Krone in Wien. Sie bilden heute das Herz des Welterbe-Gebietes.

Bunyola hat er nicht gekauft, aber porträtiert. Im Dorf lebten damals vor allem Tagelöhner, Köhler und Arbeiter auf den Anwesen Raixa, Alfabia, Cocons oder Biniforani. Sie gehörten den Familien des mallorquinischen Landadels, die meistens in Palma lebten und die Verwaltung der Güter den «Amos» überließen. Das Leben in der Feudalgesellschaft von damals beschreibt Llorenç de Villalonga in seinem Roman «Bearn». Die Bewohner dieses scheinbar idyllischen Dorfes – auch heute noch – streiten sich oft heftig. Das Dorf ist gespalten. Ehemalige Untertanen und Nachkommen despotischer Grundbesitzer versuchen sich in Selbstverwaltung … Wie lang der Weg zu einer reifen Demokratie ist, das konnte man gestern im Rathaus lernen.

Die Welt ist voll von falschen Paradiesen.