Unterwegs im Wellenschlag der Zeit

MARE Juni/Juli 2o11

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom erzählt mit großer Ruhe und viel Wissen von seinen Schiffsreisen in die weite Welt

CEES NOOTEBOOM KAM 1933 IN DEN Haag zur Welt, er reist und schreibt seit fast 50 Jahren, seine Frau Simone Sassen ist Fotografin. Ein Buch wie „Schiffstage- buch. Ein Buch von fernen Reisen“ scheint da fast eine logische Kosequenz. Das Paar schildert auf 300 Seiten Text und rund 40 kleinen Fotos sieben Reisen, die es in sie- ben Jahren unternommen hat – von São Paulo zum Kap Hoorn, von Mauritius zum Kap Agulhas, nach Indien, Mexiko und Australien, nach Norwegen und Bali. Das wirkt zunächst schwindelerregend. Doch Nooteboom ist langsam gereist, strecken- weise mit dem Schiff. Zeit ist in dem Buch elastisch. Nooteboom rudert zwischen den Jahrhunderten, lässt den Entdecker Magellan, den ersten Weltumsegler Jos- hua Slocum, schottische Schaffarmer oder russische Zechenarbeiter zum Leben er- wachen, trinkt dazwischen Whisky, ge- kühlt von 23 000 Jahre altem Gletschereis, verleibt sich das Erbgut des Planeten ein, schluckt es, staunt und schreibt.

Knapp assoziiert er Landstriche mit Er- eignissen, verbindet Orte mit Menschen. Er überzieht die Welt mit einem Koordina- tennetz des Wissens und skizziert dabei ihr Gefüge, bevor er beim 52. südlichen Breitengrad abtaucht in die Geschichte chilenischer Inseln. Und während in den Köpfen der Leser noch die Keime all der ungeschriebenen Romane sprießen, fragt sich der Erzähler, warum es so merkwür- dig ist, nachts auf einem ankernden Schiff zu erwachen. „Jedesmal wenn ich auf- wachte, hatte ich das Gefühl, auf hoher See zu sein.“ In der Kajüte dreht der inne- re Kompass durch.

Auch bei der Anfahrt auf Madagaskar versagt die Orientierung. „Wir müssen

schon Stunden an der Küste entlang ge- fahren sein“, schreibt Nooteboom verwun- dert. Und obwohl das Kreuzfahrtschiff, auf dem Nooteboom und Sassen zwei Reisen unternommen haben, wegen schlechten Wetters nicht anlegen wird, widmet der Autor der Insel eineinhalb Seiten, schildert die spannungsvolle Erwartung, ihr Land zu betreten, ihre kantige Küste und den Blickkontakt mit Fischern, die neben dem 22 400-Tonner in ausgehöhlten Baumstäm- men gegen „tosendes Blei“ anrudern.

In solchen Momenten vermittelt das Buch, was es heißt, auf einem Schiff zu reisen, auf Wasser, das mal „wie Satin“, „wie polierter Onyx“ oder „wie blau- schwarze Ölfarbe“ ist. Es sind Momente des Stillstands. Die Welt scheint sich nicht mehr zu drehen, wir sehen von der Kapi- tänsbrücke aus die Lichter einer Stadt, eine tief hängende Wolkendecke, fett wie ein „riesiges Stück angeschimmelter Speck“. Gedanken wie der, „dass Zeit im Licht der Ewigkeit ein begrenztes Phäno- men ist“, gleiten heran. Ersonnen hat ihn der Philosoph Brabant vor 800 Jahren, ein- gefallen ist er Nooteboom in Patagonien.

Noteboom ist er immer wieder Neuan- kömmling an einem „weitest entfernten Punkt“, wohin ihn ein „unausrottbarer Drang“ getrieben hat, zum Beispiel am südlichen Ende Afrikas. An diesem „aufge- wühlten Seemannsgrab mit bis zu dreißig Meter hohen Wellen“ hat er ein „Unter- wasserafrika“ gefunden. Wir sehen es vor uns, wie es sich „südlich des Kaps noch zweihundert Kilometer weit fortsetzt, bis es sich mit einem Steilabhang plötzlich verabschiedet“. ␣

Geschichten aus dem Nachbarhaus

Literatur und Kulturdialog – zwei katalanische Romane erschliessen die Herkunftswelten ihrer Verfasser

Zwei Immigranten, eine Frau und ein Mann, haben in Katalonien literarische Überraschungserfolge erzielt. Jetzt sind die Bücher von Najat El Hachmi und Pius Alibek auch auf Deutsch erschienen.

Brigitte Kramer, NZZ

Der Weg in die Selbstverwirklichung begann für Najat El Hachmi mit einem Buch über die eigene Geschichte. Der autobiografisch gefärbte Roman «Der letzte Patriarch» hat das Leben der 31-Jährigen verändert, die als Tochter marokkanischer Einwanderer in einer katalanischen Kleinstadt lebt. Seitdem er vor drei Jahren auf Katalanisch und später in anderen Sprachen erschienen ist, hat El Hachmi ihre Stelle in der Verwaltung gekündigt, ein zweites Buch geschrieben und Lesereisen ins Ausland unternommen. Und sie hat ihren Platz im Leben gefunden: «Ich bin Katalanin mit marokkanischen Wurzeln. Seitdem ich acht war, erkläre ich den Leuten meine Identität», das sei ermüdend.

Familien auf der Flucht

Doch nun scheint sich in der reichsten und fortschrittlichsten Region des Landes etwas zu ändern. Najat El Hachmis Geschichte einer Befreiung – das Alter Ego der Autorin leidet unter dem tyrannischen Verhalten des Vaters, der die Mutter jahrelang misshandelt, bei der Gängelung seiner Tochter aber scheitert – bekam 2008 den Ramon-Llull-Preis, die höchste literarische Auszeichnung der Region. «Niemand konnte glauben, dass eine Immigrantentochter den Preis erhält, dazu noch mit ihrem ersten Roman», sagt die Autorin.

Lesenswert macht das Buch nicht nur die Offenheit der Autorin, sondern auch ihr erzählerisches Geschick. Was anfangs wie die Abrechnung einer gedemütigten Tochter wirkt, entpuppt sich als intelligente Einordnung der Dinge in einer Welt, deren Angeln quietschen. Ihren Weg sucht die jugendliche Protagonistin ganz alleine, denn sie ist nicht mehr und noch nicht das, was sie umgibt. Das Leben zwischen zwei Kulturen macht El Hachmi fühlbar, zum Beispiel wenn es darum geht, welche Hosen die Tochter tragen darf. Das Büffeln katalanischer Vokabeln dient bei dieser einsamen Suche als eine Strickleiter, die als Ordnungselement auch die Kapitel strukturiert. Gegen Beleidigungen des Vaters wie «Du Schlampe!» setzt die Heldin alphabetische Ordnung: «Yperita, Senfgas; Ypressià, -ana, zu Eurasien gehörig»: eine gelungene Symbolisierung dieser Befreiung dank Bildung. Zugleich dienen die akademischen Einschübe als Seilende, das die Autorin den Lesern zuwirft: Nach und nach löst man mit der Heldin die Fesseln.

Auch Pius Alibek, der eine Generation vor Najat El Hachmi geboren wurde und aus dem Irak stammt, baut mit einer Betrachtung seines Lebens Nähe zu den Lesern auf. In seinem Roman «Als ich unter Sternen schlief» schildert der 56-Jährige das Leben im Irak zwischen den 1960er und den 1980er Jahren. Der assyrische Christ gehörte in seiner Heimat einer Minderheit an. Seine Familie litt unter Saddam Hussein unter politischer Verfolgung. Als Seminarist in Bagdad bekam er zudem Einblick in die Welt der chaldäisch-katholischen Kirche. «Meinen Glauben habe ich dabei nicht verloren», sagt er heute, «aber meine Religiosität.»

Das Buch erscheint mittlerweile in der sechsten Auflage und wurde ebenfalls vielfach übersetzt. Alibek betreibt in Barcelona ein irakisches Restaurant, wo er selbst kocht und an den Ruhetagen schreibt. In Interviews erweist er sich als gut informierter, meinungsstarker Beobachter der Ereignisse im Irak. Seine Lebensgeschichte vor der Emigration habe er vor allem für seine Tochter niedergeschrieben, sagt er, «die die Heimat ihres Vaters nicht kennt und auch nie kennenlernen wird, denn den Irak von damals gibt es nicht mehr».

Die beiden literarischen Überraschungserfolge verweisen auf einen Wandel in Katalonien. Immigranten fordern ihren Platz in der Gesellschaft. Beide Autoren sind in den 1980er Jahren nach Spanien gekommen. Ihre Bücher schildern Welten, die den Spaniern verborgen und zugleich greifbar sind, beschreiben das Leben der ausländischen Nachbarn: hinter verschlossenen Türen im Fall von El Hachmi oder bevor sie zu Einwanderern wurden wie Pius Alibek. Wie andernorts in der westlichen Welt scheint der Dialog zwischen den Kulturen fruchtbar, wenn er auf literarischem Weg begonnen wird.

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Glücksmomente unter Wasser

Die Schriftstellerin Sabina Berman steht für den Aufbruch und das Selbstbewusstsein mexikanischer Frauen

Sabina Berman schildert in ihrem Roman «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» den Weg einer Autistin zu wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Dabei plädiert die mexikanische Schriftstellerin jüdischer Herkunft für Toleranz, Freiheit und Achtung vor der Natur.

Brigitte Kramer, NZZ

Dass ausgerechnet eine Frau wie Sabina Berman eine Autistin zur Romanheldin macht, das überrascht anfangs. Denn die 54-jährige Mexikanerin ist in ihrer Heimat eine der kommunikativsten und gesellschaftlich aktivsten Frauen überhaupt. Als Fernsehjournalistin interviewt sie Politiker und Wissenschafter, als Dramaturgin, Drehbuchautorin und Kolumnistin macht sie sich für die Rechte von Frauen und gleichgeschlechtlichen Paaren stark, als Dichterin und Romancier verarbeitet sie ihre eigene Identitätsfindung. Berman ist, das steht ausser Frage, eine freie und intelligente Frau.

Die Heldin von Bermans zweitem Roman «Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte» ist noch freier und intelligenter, wie die Autorin selber sagt. Karen Nieto ist Autistin. Die Krankheit zeigt sich bei Störungen im zwischenmenschlichen Handeln sowie bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Information. Sie existiert in verschiedenen Schweregraden und geht oft mit einseitigen, aussergewöhnlichen Begabungen einher. Continue reading