Unter hungrigen Geiern

95 Prozent aller europäischen Aasvögel leben in Spanien. Dort sind sie nun von giftigen Ködern bedroht. Denn hungrige Gänsegeier machen sich über lebende Schafe und Kälber her. Wissenschafter schlagen Alarm.

Merce Gili.La Vanguardia

Erschienen in der NZZ am 1.3.2012

Der Frieden, den Geier und Menschen in den Pyrenäen vor ein paar Jahren geschlossen haben, ist nach Ansicht von spanischen Wissenschaftern gefährdet. Sie haben in der renommierten britischen Fachzeitschrift «Nature» einen Artikel publiziert, in dem sie «eine sofortige Lösung im aufkommenden Konflikt zwischen Geiern und Bauern in Spanien» fordern. Während Tierschützer und die Regionalregierung von Katalonien die auffällig orange-braun gefärbten, majestätischen Bartgeier und die zerzaust wirkenden, braunen Mönchsgeier wieder auswildern, wollen die Bauern den zweifarbigen Gänsegeiern an den langen, flaumigen Kragen. Sie werden ihnen zu frech.

Um ihren Hunger zu stillen, verhalten sich die mehr als 2000 Exemplare des Gänsegeiers (Gyps fulvus) in Katalo- nien nicht mehr artgerecht. Sie fressen nicht nur Aas, sondern fallen auch lebende Weidetiere an, mehr als tau- send Fälle wurden in den letzten Jahren registriert. Die Viehzüchter in den Bergtälern der Grenzregion fühlen sich von den Raubvögeln mit einer Spann- weite von knapp drei Metern bedroht. Sie sehen sie immer öfter über ihren Herden kreisen und müssen neuerdings sogar bremsen, weil Gänsegeier-Gruppen zu Fuss die Landstrasse überqueren. Das hat nun Alarm ausgelöst. Die Viehzüchter haben den Krieg er- klärt. Sie legen wieder giftige Köder aus, obwohl diese seit 1995 in Spanien verboten sind. 250 vergiftete Geier wurden in letzter Zeit gezählt, nicht nur Gänsegeier, sondern auch vom Aussterben bedrohte Mönchs-, Bart- und Schmutzgeier.

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