ETA-Terroristen geben die Waffen ab

NZZ am Sonntag, 9.4.2017 · Die baskische ETA hat ihre letzten Waffenverstecke preisgegeben. Ihr Ende ist besiegelt. Doch Spaniens Regierung fordert mehr.

Der Auflösungsprozess der spanischen Terrorgruppe ETA (Baskenland und Freiheit) schreitet weiter voran. Mittelsmänner der Organisation haben gestern Samstag der französischen Polizei die Standorte von acht Waffenlagern in Südfrankreich bekanntgegeben. Laut Presseberichten wurden in Grenznähe zu Spanien 118?Schusswaffen, fast 3000 Kilogramm Sprengstoff sowie Zünder und Munition gesichert. Es sollen die letzten Lager sein, auf die die Organisation noch Zugriff hatte. Am Freitag hatte sich die Gruppe in einer Mitteilung an den britischen Sender BBC bereits als «entwaffnete Organisation» bezeichnet.

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Das Anschlagsopfer

Weil ihn die baskische Terrororganisation ETA 2001 mit einer Briefbombe ermorden wollte, ist Gorka Landaburu Halbinvalide. Seit 40 Jahren forderte der baskische Journalist ein Ende der Gewalt. Vor gut einem Jahr erklärte die ETA endlich ihre Bereitschaft dazu. Nun trifft sich Landabaru mit inhaftierten Exterroristen.

Gorka Landaburu am Strand von Zarautz, Juli 2012

Chrismon 12. 2012 · Er denkt oft an sie. Manchmal zweimal am Tag. Immer dann, wenn Gorka Landaburu sich das Hemd zuknöpft oder die Schuhe bindet. „Ich brauche ewig dafür“, sagt er in seinem Büro und zieht an der Pfeife. Die hält er ganz elegant in der linken Hand, obwohl ihm dort seit elf Jahren an vier Fingern das erste Glied fehlt. Mit der rechten Hand kann der 61-jährige Baske nichts mehr halten, an ihr fehlen Daumen und der halbe Zeigefinger. Deshalb wurde er zum Linkshänder.
„Tippen kann ich nach wie vor mit beiden Händen“, sagt der Journalist. Er sitzt in der Redaktion des politischen Wochenmagazins „Cambio 16“, das landesweit seit 1971 erscheint. Landaburu leitet in San Sebastián die baskische Ausgabe. Unten, am Eingang des mehrstöckigen Bürogebäudes, ist der Name der Zeitschrift nicht angeschlagen, und auch auf der Webseite und in seinen E-Mails findet sich keine Redaktionsanschrift. Wenn Landaburu jemanden empfängt, steuert er ihn per Handy zum Treffpunkt.

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Auf Mallorca wächst Unzufriedenheit mit Madrider Regierung

Katalanen und Basken wollen zu Spanien auf Distanz gehen. Auch auf Mallorca und den anderen Inseln der Balearen wächst der Unmut über Madrid. Vom Mutterland lossagen wollen sich die Bewohner aber nicht.

Palma de Mallorca (dpa), 30.10.2012 – Katalonien will von Spanien unabhängig werden und dazu ein Referendum abhalten. Im Baskenland triumphierten separatistische Gruppen bei der Regionalwahl am 21. Oktober. Auch auf der Ferieninsel Mallorca und den Nachbarinseln Menorca, Ibiza und Formentera macht sich in der Bevölkerung Unzufriedenheit mit der Regierung in Madrid breit. Aber von Spanien lossagen will sich nur eine kleine Minderheit der Bewohner.

Auf der Inselgruppe der Balearen, die Katalonien kulturell und geografisch nahesteht, wirken seit langem separatistische Kräfte. Sie argumentieren ähnlich wie die Katalanen und wollen den Archipel zu einer «balearischen Nation» machen. Politische Beobachter halten es jedoch für unwahrscheinlich, dass der separatistische Funken auf die Ferieninseln überspringt.

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Baskischer Meisterkoch Arzak: Der Drei-Sterne-Kindskopf

Erschienen in MARE/Spiegel online

Fernseher als Essens-Unterlage und Sand auf dem Teller: Im weltbekannten Restaurant Arzak müssen sich Besucher auf ungewöhnliche Anblicke einstellen. Jedes Gericht hat ein Konzept, das der Gast entdecken soll – zum Beispiel beim “Seeteufel auf Ebbe”, bei dem fast nichts so ist, wie es scheint.

Nichts ist schöner, als den Finger in Spinat zu tauchen oder von Fischstäbchen die Kruste abzupulen. Nur eins war uns Kindern verboten: vor dem Fernseher zu essen. Das war nur zu besonderen Anlässen erlaubt, bei “Wetten, dass …?” oder “Dalli Dalli”.

Juan Mari Arzak ist da großzügig. Der Baske lässt die kleinen und großen Gäste seines “Restaurante Arzak” nicht nur vor, sondern auf dem Fernseher essen, sie müssen nicht mal ihr Zimmer aufgeräumt haben. Sechs TV-Teller stehen bei ihm im Geschirrschrank, entwickelt von Philips, exklusiv. Wer möchte, kann sich einen Seeteufel auf Wellenrauschen bestellen, ohne Aufpreis: ein digitaler Bilderrahmen, darauf der Fisch – hurtig, Kinder, zu Tisch!

Freilich geht es ihm nicht ums Programm, sondern ums Essen, die TV-Wellen rauschen eher im Hintergrund. Juan Mari Arzak der Große, weltberühmt nicht nur in Spanien, Drei-Sterne-Kochavantgardist seit Jahrzehnten, Reformator der baskischen Küche, er kocht auch für die kindliche Seele. An sie richten sich seine kulinarischen Märchen.

Eins davon heißt “Seeteufel bei Ebbe”, und dabei geht es darum, dass nichts so ist, wie es scheint. Gut, die Wellen sind echt. Zumindest das Bild von ihnen. (Wer sie wirklich sehen will, der muss das “Arzak” verlassen und sich einen Spaziergang entfernt an den Strand von Zurriola stellen. Er ist einer der schönsten an der Biskaya und einer von dreien, die San Sebastián zu Füßen liegen.)

Aber der Seeteufel ist echt. Ein zartes kleines Stück, gesalzen und gebraten. Mehr nicht. Darum herum liegen orangefarbene Fischeierchen, rote Korallenspitzen, blaue Seesternchen. Und auch eine Herzmuschel liegt im Sand – ja wirklich, auf dem Teller ist Sand! – und daneben ihre Schale. Doch halt: Die Eier schmecken nach Paprika, die Sterne nach Pomeranze, die Korallen sind kross, die Muschel formfest, ihre Schale süß und zerbrechlich. Der Sand knirscht nicht zwischen den Zähnen, er schmeckt nach Ingwer, Rosen und Jasmin, Apfel, Nuss und Mandelkern – das ist doch alles erfunden und gelogen!

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Babydoll im Fischerdorf

In einem neuen Museum im Baskenland kann man die Kunst des spanischen Modedesigners Cristóbal Balenciaga bewundern. Es steht in Getaria. Dort wurde der Erfinder des Babydoll 1895 geboren.


Architektonische Gegensätze zwischen dem Balenciaga-Museum und dem Adelspalast. (Bild: PD)Zoom
Architektonische Gegensätze zwischen dem Balenciaga-Museum und dem Adelspalast. (Bild: PD)

Neue Zürcher Zeitung, 4.8.2011

Spaniens Königin Sofía hat jüngst das baskische Fischerdorf Getaria besucht. Das war eine Überraschung. Hätte die Königin vor hundert Jahren gelebt, wäre sie wohl regelmässig nach Getaria gekommen. Denn das 2700-Seelen-Dorf bei San Sebastián stand mehr als 100 Jahre lang als Sommerfrische in der Gunst der königlichen Familie. Badegesellschaften, grosse Empfänge und elegante Roben prägten bis zur Ausrufung der Zweiten Republik im Jahr 1931 Getarias Ortsbild im Sommer. Königin María Cristina begab sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts regelmässig nach Getaria, wenn sie mit ihrem Hofstaat im Miramar-Palast in San Sebastián weilte. Auch Adelige, Diplomaten und Geschäftsleute strömten jeden Sommer auf königliche Einladung ins Baskenland. Der Kontakt zur Bevölkerung war eng. Ein gewisser José Balenciaga zum Beispiel, Kapitän der Küstenwache, fuhr die Königin und ihr Gefolge oft aufs Meer hinaus. Und die Schneiderin Martina Eizaguirre wurde regelmässig von den Adeligen in deren Sommerresidenzen gerufen, um Säume anzupassen oder zerrissene Feinstrumpfhosen zu stopfen. Continue reading

Wieder im Baskenland…

…komisch, neuerdings sind die News aus dem Norden auffällig unpolitisch. Cristóbal Balenciaga wurde ein Museum gewidmet, in seinem Geburtsdorf Getaria bei San Sebastián. Ich hab’s mir angesehen.

1. Das Geburtshaus. Es steht in einer der drei Straßen im Ort, die zum  Meer hinunterführen. Ein Dorf ohne Strandpromenade…

gutes Zeichen…alles sehr vortouristisch hier.

2. Wir gehen über den Dorfplatz, hinauf zum Museum

3. Da steht es … imposant

4. Und finden darin … das hier: Balenciagas kleine, große Revolution begann 1936 mit diesem Stück aus Seidenstrick.

5. Geendet hat sie ungefähr so, 1968:

Kittelsen in Bilbao

Kittelsen ist nie geflogen, dafür ist er zu früh geboren, 1857, aber beim Landeflug auf Bilbao denke ich an Halvor, den armen Jungen, der sich nach einem Schiffbruch an Land rettet und später das magische Schloss Soria Moria findet. Er kämpft darin gegen drei-, sechs- und neunköpfige Trolle und heiratet am Ende eine Prinzessin. Das Märchen ist Teil einer Sammlung, zusammengestellt von den norwegischen Brüdern Grimm.

Kittelsen hat ein Bild von Halvor gemalt, wie er mit Rucksack und Wanderstab auf eine nebelige Berglandschaft hinabblickt. Der Junge steht im Vordergrund, rücklings zum Betrachter, am Horizont ist ein schmaler Streifen Sonne zu sehen, deren Licht das Nebelland noch nicht berührt hat.

Verschwimmende Bergketten in dunklen Tönen, dazwischen Nebelfetzen, habe ich heute früh unter mir gesehen – das Baskenland. Continue reading