Baukunst und Politik

 NZZ, 9.1. 2014· Der 43-jährige Spanier Andrés Jaque steht für ein neues Architekturverständnis. Gebäude konstruieren für ihn die Gesellschaft. In Venedig und New York wurde er jüngst für sein Denken und Tun geehrt. Brigitte Kramer sprach mit ihm in Madrid über Politik und Häuserbau.

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Herr Jaque, Sie und andere Teilnehmer an der Architekturbiennale 2014 in Venedig wurden vom Biennale-Leiter Rem Koolhaas gebeten, «ein kritisches Kapitel globaler Zirkulationsgeschichte der Moderne» zu schreiben. Sie wählten die Auseinandersetzung mit der von Silvio Berlusconi in Segrate realisierten Wohnanlage «Milano 2». Weshalb?

Ich empfinde es heute als Herausforderung, Gebäude, die uns umgeben, neu zu beschreiben und sie in einen sozialen und politischen Bezug zu setzen. Nur wenn wir die komplexen Zusammenhänge verstehen, können wir Alternativen bieten. Ich habe mich in diesem Sinne mit 2600 Wohnungen beschäftigt, die Silvio Berlusconis Baufirma Edilnord 1968 in der Mailänder Vorstadt Segrate baute. Die Anlage zielte auf Isolierung, Fernsehkonsum und Gleichschaltung: Die Abstände zwischen den Gebäuden, die Fahrwege zu den Garagen, die Position der Sofas, all das haben die Architekten Giancarlo Ragazzi und Giulio Possa kalkuliert. Es gab sogar einen lokalen Fernsehsender, Tele Milano Cavo. An dessen schäbigen Shows konnten die Anwohner mitmachen. Berlusconi kaufte den Sender wenig später. Er wurde zum ersten Kerngeschäft von Mediaset: radikale Veränderungen, ermöglicht durch radikale Architektur.

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Weniger Üppigkeit, mehr Intensität!

NZZ, 14.12.2013 · Der spanische Pritzkerpreisträger Rafael Moneo gilt als einer der Grossen der Architekturszene. Doch statt Allüren zu zeigen, pflegt er Bescheidenheit. Im Interview mit Brigitte Kramer spricht der 76-jährige Baukünstler über seine Karriere, über Spaniens Architekturkrise und über seinen Misserfolg in Zürich.

Herr Moneo, die «New York Times» hat Sie kürzlich den Mike Leigh der Architektur genannt, während Renzo Piano, Richard Meier oder aber Frank Gehry die Spielbergs seien. Leuchtet Ihnen dieser Vergleich ein?

Nicht wirklich. Es geht doch darum, was man ausdrücken will oder muss. Ich denke, dass ich mit meinem Werk das Richtige zum Ausdruck gebracht habe, dass es mir erlaubte, etwas über unsere heutige Gesellschaft auszusagen. Die Karriere eines Architekten ist ja nichts anderes als eine Reihe solcher Gelegenheiten. Vor anderen Gefühlen, wie dem der Allmacht, muss man sich hüten.

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Nur keine Fremdkörper produzieren – Der spanische Architekt Rafael Moneo

Foto: Michael Moran

NZZ, 27.11.2013 · Vergilbtes Pauspapier, dicke Bleistiftlinien, Beschriftungen mit schablonierten Buchstaben, immer wieder dieselbe handschriftliche Signatur, Licht- und Schattenspiele, Fotos aus der Vogelperspektive, städtische Landschaften mit Menschen in altmodischer Kleidung, Blicke in Gänge und Höfe – die Exponate der grossen, dem 1937 in Tudela geborenen Architekten Rafael Moneo gewidmeten Ausstellung in den Räumen der Fundación Barrié im nordwestspanischen A Coruña betören. Insgesamt 46 Bauten und Projekte aus 52 Jahren werden mit 98 Skizzen, 18 Modellen und 142 Fotos dokumentiert. Das Material stammt aus dem Studio in Madrid, wo seit 1973 Hunderte von Architekten gearbeitet haben. Viele davon sind heute herausragende Vertreter ihrer Zunft. Der Kurator Francisco González de Canales und die Ausstellungsmacherin María Fraile – beide Architekten und Schüler von Moneo – haben mit ihrer «Rafael Moneo – una reflexión teórica desde la profesión» betitelten Schau dem grossen spanischen Architekten ein Denkmal gesetzt.

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