Interview mit Bülend Ürük, JournalistenPreise.de

Bülend Ürük, Chefredakteur der Portals www.journalistenpreise.de, hat mich zur Nominierung für den EU Health Prize for Journalists 2011 interviewt. Die Webseite wird vom Medienverlag Oberauer, Herausgeber des Mediummagazins und Betreiber des Journalistenportals www.newsroom.de, betrieben. Sie versorgt Journalisten mit Aktuellem zu Preisen und Preisträgern.

“Journalistenpreise sind sozusagen Premium-Leserbriefe”

 Brigitte Kramer lebt als Journalistin in Spanien. Im Interview mit JournalistenPreise.de spricht die Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München über Journalistenpreise, ihre Arbeit im Ausland, warum man sich von Redaktionen nicht alles gefallen lassen sollte und wie man eine gute Korrespondentin wird.

JournalistenPreise.de: Frau Kramer, Sie haben den deutschen Vorentscheid des EU-Gesundheitspreises gewonnen und haben gute Chancen, mit Ihrem Beitrag den EU-Gesundheitspreis zu gewinnen. Was macht einen guten Gesundheitsartikel aus?

Brigitte Kramer: Gesundheitsthemen sind oft nicht so prickelnd wie Gesellschaftsthemen oder Aktuelles, oft werden sie mit Apothekerzeitungen oder Broschüren im Wartezimmer der Ärzte assoziiert. Die meisten sind außerdem serviceorientiert, im Stil von „Bei Bluthochdruck auf Ernährung achten”, oder sie sind von Pharmaherstellern gesponsert. Andere sind zu wissenschaftlich und richten sich an Fachpublikum. Kurz: Durchschnittsleser interessieren solche Geschichten meist nur, wenn sie selbst betroffen sind. Um all das zu vermeiden und das Interesse des Lesers zu gewinnen, braucht man Menschen. Menschen, die eine Krankheit erleiden oder sie überwunden haben und uns teilhaben lassen. Oder Menschen wie Julio Velasco, den Helden meiner Geschichte für Chrismon, der als Arzt in einem spanischen Krankenhaus Organtransplantationen koordiniert, und zwar mit großem persönlichem Einsatz. Krankheiten – eigene oder die der anderen – bringen Menschen ja oft in Extremsituationen, da wird es dann journalistisch interessant.

JournalistenPreise.de: Wie lange haben Sie für Ihre Reportage, die im Chrismon-Magazin erschienen ist, recherchiert? Wie aufwendig war die Recherche?

Brigitte Kramer: Die Recherche im engeren Sinne war nicht schwierig: Ich habe einfach einige Stunden mit Dr. Velasco auf der Intensivstation verbracht, zwei Vormittage um genau zu sein. Die Vorrecherche war umfangreicher, denn ein Thema zu finden, heißt ja immer auch, Hintergründe zu recherchieren. Dass Spanien Weltmeister bei der Organspende ist, das ist hier allgemein bekannt. Nur warum? Als ich das herausbekommen hatte, war klar: Ich brauche einen Arzt, der dieses Erfolgsgeheimnis lüftet. Denn es sind genau diese Koordinatoren in den Krankenhäuser, die den Prozess zwischen Spendern und Empfängern dynamisieren, sie sind der Dreh- und Angelpunkt. Dr. Velasco war dann noch ein Glücksfall: Erstens arbeitet er nur 30 Kilometer von meinem Wohnort entfernt, zweitens ist er erfahren und kooperativ. Er ist ein super Mensch. Dass man auf der Intensivstation praktisch nichts anderes machen darf, als den Arzt auf dem Gang oder in seinem Arbeitszimmer zu begleiten, ist ein anderes Thema. Keine Gesichter oder Daten von Patienten und ihren Angehörigen, keine Fragen während der Arbeit, für den Fotografen Gunnar Knechtel war die Arbeit schwierig. Die Situation hat mich etwas eingeschüchtert, war aber verständlich. Ich hätte gerne mit Angehörigen gesprochen, hatte fast auch eine Organempfängerin, die dann aber einen Rückzieher gemacht hat. So ist aus der geplanten Reportage ein umfangreiches Porträt geworden, das hoffentlich sein Ziel erreicht: Die Leser sollen verstehen können, wie erfolgreiche Organtransplantation organisiert sein müssen. Deutschland hat da ja Defizite.

JournalistenPreise.de: Wie wichtig ist es, dass Journalistenpreise die Aufmerksamkeit der Medienmacher auf ein Thema lenken? Was halten Sie generell von Journalistenpreisen?

Brigitte Kramer: Journalistenpreise sind super! Vor allem für Freie, die oft keine direkte Reaktion auf ihre Texte bekommen, weder von Seiten der betreuenden Redakteure, noch seitens der Leser. Journalistenpreise sind sozusagen Premium-Leserbriefe. Sie bedeuten: Mein Text hat einer Jury, einem anspruchsvollen Publikum, gefallen. Für Autoren sind sie eine wichtige Bestätigung und dienen natürlich auch der Eigenwerbung. Ob sie dem behandelten Thema dienen, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich schon, sonst gäbe es ja nicht so viele themenbezogene Preise. Über den Einfluss des EU-Gesundheitspreises auf einen Mentalitätswandel unter den 500 Millionen EU-Bürgern werden wir Finalisten hoffentlich beim Treffen in Brüssel mehr erfahren. Darauf freue ich mich schon. Ich finde es jedenfalls lobenswert, dass die Europäische Kommission nicht nur mit gesetzlichen Richtlinien versucht, das Gesundheitsbewusstsein der Menschen zu fördern, sondern auch auf publizistischem Wege. Es wurden ja nur Beiträge zu aktuellen Themen angenommen, die in Europa ein Problem darstellen: neben Organspende auch Raucherentwöhnung, maßvoller Umgang mit Antibiotika oder Burn Out. Das bedeutet, dass die Kommissionsmitglieder auf die Reaktionsfähigkeit mündiger Bürger setzen. Sie wollen nicht nur Vorgaben machen sondern auch zum Nachdenken anregen.

Brigitte Kramer
Brigitte Kramer im Gespräch mit Mafiajäger Leoluca Orlando (aufgenommen in Palermo, Frühjahr 2010). Fotos: Mauro d’Agati

JournalistenPreise.de: Als Auslandskorrespondentin sind Sie Generalistin, was sind die Themen, über die Sie besonders gerne berichten?

Brigitte Kramer: Ich bearbeite am liebsten Themen, die erklären, wie das Land tickt. Ich suche immer nach Symptomen für etwas. Das kann eine Promihochzeit, der letzte Stierkampf, ein gesellschaftskritischer Roman, eine Gemeinde orthodoxer Juden oder eine Protestbewegung sein, wie die des 15-M, die Spanien dieses Jahr aufgeweckt hat und die ich spannend und erfreulich finde. Mich interessiert auch die Meinung anderer Ausländer über Spanien: Wie erleben ein amerikanischer Stararchitekt, eine mexikanische Schriftstellerin oder ein marokkanischer Feldarbeiter dieses Land? Generell versuche ich bei allen Texten einen Kontext herzustellen, zwischen dem konkreten Ereignis, seiner Bedeutung und der Reaktionen darauf im Land. Die Leser sollen immer auch Spanien wieder erkennen oder kennen lernen. Früher fand ich die meisten Themen in der spanischen Presse. Ich filterte sie nach Themen, die meine Leser interessieren könnten. Der Dreh ist dann natürlich anders als der der spanischen Kollegen. Heute finde ich viele Themen bei Twitter, auf Blogs und über Facebook. Die Quellen sind direkt, die Meinungen unverblümt, es werden Wahrheiten ausgesprochen, die es in vielen Medien nicht durchs Auswahlraster schaffen. Radio nutze ich nur, wenn es um Musikthemen geht, da vor allem den exzellenten Musiksender Radio 3.

JournalistenPreise.de: Sie arbeiten schon viele Jahre als freie Journalistin in Spanien. Ist es da eigentlich schwer, noch auf Deutsch zu schreiben?

Brigitte Kramer: Mir rutschen Hispanizismen durch, keine Frage. Ich achte beim Bearbeiten meiner Texte genau darauf, und wenn ich eine im Deutschen ungeschickte Formulierung finde, dann verändere ich sie natürlich. Oft suche ich dann im spanisch-deutschen Wörterbuch, denn es gibt griffige spanische Ausdrücke, die ich im Deutschen nicht parat habe. Generell finde ich dieses Arbeiten zwischen zwei Sprachen bereichernd. Man beschäftigt sich genauer mit den Wörtern, die man benutzt. Mein Deutsch pflege ich seit ein paar Jahren bewusst. Da ich Buchrezensionen schreibe, lese ich viel deutschsprachige Literatur, Übersetzungen aus dem Spanischen, die ich bespreche. Und ich besuche regelmäßig Sprach- und Stilseminare, bei der Akademie der Bayerischen Presse oder literarische Werkstätten wie die von Arwed Vogel in München, meiner Heimatstadt. Es stehen auch Stilfibeln in meinem Regal, unter anderem Ludwig Reiners „Stilkunst”, die hat mir die Schriftstellerin Petra Morsbach empfohlen. Das Buch ist Gold wert, obwohl es schon so alt ist. Ich denke, allen Journalisten tut regelmäßiges, sprachliches Recycling gut, egal ob sie im Ausland oder in Deutschland arbeiten. Denn Routine im Beruf ist nicht nur dienlich. Sie hilft beim Finden und Bearbeiten von Themen, aber sie schadet dem eigenen Stil. Ich konnte irgendwann meine eigenen Sätze nicht mehr ausstehen, sie langweilten mich. Also habe ich versucht, meinen Kopf zu entrümpeln.

JournalistenPreise.de: Wie oft stehen Sie in Kontakt mit Ihren Stammredaktionen? Wie erfolgt die Themenauswahl, wem bieten Sie was an?

Brigitte Kramer: Ich arbeite viel für die Neue Zürcher Zeitung, die ich als Leserin sehr schätze und die eine vielfältige und interessante Berichterstattung macht, in allen Ressorts. Ich schicke vielleicht zwei- bis dreimal im Monat einen oder mehrere Vorschläge, auch mal der NZZ am Sonntag, je nach Thema und Format. Der Kontakt läuft fast ausschließlich per Mail. Ein anderer wichtiger Kunde für mich ist die Zeitschrift Mare. Dort biete ich vielleicht alle zwei bis drei Monate Geschichten an, eine Themenliste, die dann bei den monatlichen Konferenzen in Hamburg besprochen wird. Manchmal rutscht was Aktuelles dazwischen, das machen wir dann schneller fix. Da Mare nur sechsmal im Jahr erscheint, ist der Rhythmus dort langsamer, was mir zugute kommt, denn ich kann mir die Arbeit besser einteilen. Auch hier passiert alles per Mail, ab und zu ein Telefonat. Da ich diese Medien gut kenne und sich die Zusammenarbeit etabliert hat, ist meine Trefferquote beim Anbieten von Themen recht hoch, was sich wieder auf die Rentabilität meiner Arbeit auswirkt. Themen anzubieten ist ja auch Arbeit, man muss sie finden und anrecherchieren. Dann arbeite ich auch für Zeitschriften wie Chrismon, Brigitte oder Brand Eins sowie für Reiseteile verschiedener Tageszeitungen. Ich gehe meistens so heran: Ein Thema interessiert mich, dann frage ich mich: Zu wem könnte es passen?

JournalistenPreise.de: Wie gehen die Redaktionen mit freien Journalistinnen in der Ferne um? Welche Erfahrungen haben Sie mit den Redaktionen gemacht?

Brigitte Kramer: Ich habe, wie wahrscheinlich alle Freien, eine rote Liste von Redaktionen, mit denen ich nicht mehr zusammenarbeiten will. Der Verband Freischreiber, bei dem ich Mitglied bin, hat das Thema Umgang mit Freien ja neulich in die Öffentlichkeit gebracht, mit seinem Himmel-und-Hölle-Preis. Generell kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Redakteure, die bei großen Verlagsgruppen angestellt sind, oft recht hart und unerzogen wirken: Sie antworten nicht, halten sich nicht an Absprachen, vergreifen sich im Ton, lassen die Geschichten oft monatelang liegen, bezahlen erst bei Veröffentlichung. Man spürt den Druck, dem sie ausgesetzt sind und oft auch die fehlende Erfahrung im Umgang mit freien Mitarbeitern. Andere, die für kleinere Verlage arbeiten, wie die Kollegen von Chrismon, sind meist umgänglicher. Bei Chrismon kommt der ethische Anspruch dazu, den die Blattmacher an sich selbst haben und der den Mitarbeitern und Lesern zugute kommt. In den Mails und am Telefon klingt jedenfalls immer das Betriebsklima mit, die interne Stimmung dringt nach draußen. Chefs, die man als Idealisten oder Individualisten bezeichnen könnte, wie Gabriele Fischer von Brand Eins oder Nikolaus Gelpke von Mare, haben generell einen anderen Stil. Bei ihnen kann man Geschichten publizieren, die in den großen Mainstream-Medien keinen Platz finden. Wenn es solche Leute und ihre Magazine nicht gäbe, würde mir meine Arbeit weit weniger Spaß machen. Die Schweizer haben einen anderen, freundlicheren Umgangston, wie ich finde. Ich arbeite gern mit ihnen zusammen. In Deutschland weht in vielen Redaktionen ein anderer Wind. Da weiß ich dann wieder, warum ich auf einer Insel im Mittelmeer lebe.

JournalistenPreise.de: Wie gehen eigentlich spanische Redaktionen mit freien Reportern umgehen?

Brigitte Kramer: In Spanien ist die Figur des freien Journalisten kaum etabliert. Es gibt einige Fotoreporter, die Bild und Text aus den aktuellen Krisenregionen oder menschliche Geschichten aus fernen Ländern als Ein-Mann-Betrieb produzieren, aber viele Abnehmer gibt es dafür nicht, eigentlich nur die Wochenendmagazine der überregionalen Tageszeitungen wie El País Semanal oder Magazine. Das Format der großen Reportage wird ansonsten kaum bedient und ist auch ganz anders definiert als in Deutschland. Diese freien Kollegen beklagen sich bitterlich über den Umgang und die Bezahlung, viele arbeiten nur noch in Teilzeit als Journalisten. Die meisten spanischen Medien haben einfach ein anderes Niveau, es gibt viel weniger Publikationen, viel weniger Leser, und Journalisten sind hier eher Zeilenfüller, die Gehälter für Redakteure sind niedrig – all das sind Zeichen des Demokratiedefizits im Land.

JournalistenPreise.de: Warum haben Sie sich für Mallorca als Standort entschieden?

Brigitte Kramer: Ich habe mehrere Jahre in Barcelona und Madrid gelebt, vor und nach der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule Anfang der 90er Jahre: In Barcelona als Praktikantin und Studentin, in Madrid als Auslandsstipendiatin des Süddeutschen Verlages, als freie Mitarbeiterin bei Agenturen, als Pressereferentin eines Musiklabels, als Leiterin einer Kulturzeitschrift. Das waren in meiner Biographie extrem wichtige Jahre. Das Land hat sich verändert, ich habe unendlich viel gelernt, über mich und über die Spanier und über das Dasein im Ausland. Dass es Spanien war, ist reiner Zufall. Im Jahr 2000 bin ich dann von Madrid nach Mallorca gezogen, um dort die deutschsprachige Wochenzeitung Mallorca Zeitung mit aufzubauen, und auch weil ich die Städte satt hatte. Meine ältere Tochter war gerade geboren, ich wollte einen gesünderen Ort zum Leben. Als leitende Redakteurin bei der MZ habe ich dann die Insel und ihre Menschen kennen gelernt. Das Thema Deutsche auf Mallorca stand dabei im Zentrum: Glücksritter, Aufschneider, Aussteiger, Künstler, Snobs, Proleten – ich bin mit allen in Kontakt gekommen, was mir beim Abbau von Vorurteilen meinen Landsleuten gegenüber geholfen hat. Man kann sagen, dass ich mir noch einmal ein neues Bild von Deutschland machen konnte, denn ich war Anfang 20, als ich zum ersten Mal wegging. Und ich habe mich mit meiner Identität auseinandergesetzt, als Deutsche auf Mallorca ist das immer ein Thema. Mein Leben ist ausgefüllt und anregend, ständig bewegt sich etwas. Ich lebe mit meinem Mann, der auch Journalist ist, und meinen zwei Töchtern in einem Dorf. Sie sind halbe Mallorquinerinnen. Zu spanischen Journalisten habe ich über den Berufsverband der Balearen, Spib, Kontakt, der ist allerdings eher dünn. Die spanischen Kollegen ticken anders, da fühle ich mich als Deutsche. Meine Ausbildung an der DJS hat mich in meinem beruflichen Selbstverständnis stark geprägt. Ich bin auch in zwei deutschen Berufsverbänden Mitglied, das brauche ich, sonst fühle ich mich hier isoliert.

JournalistenPreise.de: Sie haben sich gegen eine Tätigkeit in einer deutschen Redaktion und für die Arbeit als freie Journalistin entschieden. War das die richtige Entscheidung?

Brigitte Kramer: Die Entscheidung war einerseits für mich richtig, was den Standort und das Arbeiten betrifft. Ich lebe gerne im Süden, hier fühle ich mich freier als in Deutschland und habe durch meinen Umzug enorm viele Erfahrungen gemacht. Außerdem bin ich Individualistin und kann mit Hierarchien, unbezahlten Überstunden oder der Kommerzialisierung unseres Berufs nicht gut umgehen. Diesen Dingen setzt man sich als Verlagsangestellter automatisch aus, ich habe sie auch erlebt. Andererseits ist es extrem wichtig, all diese Erfahrungen als angestellter Redakteur gemacht zu haben, egal in welchem Land, um als Freier erfolgreich zu sein. Man kann sich in die Arbeitsabläufe der Redaktionen hineindenken, hat Verständnis für deren Produktionsbedinungen. Außerdem weiß man dann, dass Manuskripte korrekt und pünktlich abgegeben werden müssen, sonst muss der betreuende Redakteur Überstunden machen oder bekommt sonstwie Stress.

JournalistenPreise.de: Sie arbeiten seit Anfang der 90er Jahre als Korrespondentin. Wie hat sich die Arbeit als Korrespondentin mit dem Internet verändert?

Brigitte Kramer: Ohne Internet könnte ich nicht auf Mallorca leben. Dem Netz verdanke ich meine große Lebensqualität, und 90 Prozent meiner Geschichten. Die Zeiten, in denen ich per Fax Themenvorschläge geschickt habe und dann dem entsprechenden Redakteur für teures Geld hinterher telefonieren musste, sind zum Glück vorbei. Die Kommunikation ist so schnell und so billig, Mail, Twitter, Facebook – Internet ist für Leute wie mich erfunden worden. Mein ganzes Leben hängt davon ab.

JournalistenPreise.de: Wie viel Disziplin benötigt man, um als freie Journalistin im Ausland Erfolg zu haben? Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Brigitte Kramer: Viel Disziplin ist nötig, wobei ich eher Begeisterung dazu sagen würde. Freie, die keinen Spaß am Lesen, Schreiben und Lernen haben, setzen sich morgens nicht an den Schreibtisch. Man muss der Typ dafür sein. Ich arbeite gerne unabhängig, und kann mich selbst motivieren. Meine Familie hilft dabei, denn die Arbeitszeiten werden mir vom Alltag meiner Töchter vorgegeben. Trödeln gibt‘s nicht. Jeden Morgen zwischen sieben und acht lese ich meine Timeline in Twitter, schaue meine Blog-Abos durch, klicke kurz auf Facebook und lese dann online spanische Tageszeitungen – La Vanguardia, Público, El País – sowie die NZZ und Spiegel Online. Zu Themen oder Menschen, die ich verfolge, habe ich Google Alerts aktiviert, die mich oft auf interessante Medien aufmerksam machen, oft in Lateinamerika. Dann frühstücke ich mit meiner dreijährigen Tochter und bringe sie zum Kindergarten. Danach geht‘s wieder an den Schreibtisch, bis etwa 15 Uhr. Dann essen wir alle zusammen zu Mittag. Der Nachmittag gehört den Kindern. Oft sitze ich abends noch einmal vor dem Computer. Am Wochenende sind wir am Strand oder in den Bergen. Wenn ich auf Reisen bin, kommt alles durcheinander, aber ich bringe viele Eindrücke mit nach Hause.

JournalistenPreise.de: Worauf sollten Journalisten achten, die gerne als Korrespondent arbeiten möchten?

Brigitte Kramer: Man sollte das Land, in dem man lebt, interessant finden und sich seinen Menschen öffnen. Manche fest angestellte Korrespondenten leben in einer deutschen Community, weil sie davon ausgehen, vom Verlag nach ein paar Jahren woanders hingeschickt zu werden, was ja oft stimmt. Aber den Berichten tut das nicht gut. Dann muss man ein Gespür dafür entwickeln, was bei den deutschen Verlagen ankommt, welche Themen man verkaufen kann. Man muss beide Länder im Auge behalten, die deutsche Medienlandschaft und das Geschehen im Gastland. Das braucht Erfahrung. Ich habe beim ehemaligen FAZ-Korrespondenten Walter Haubrich und bei der dpa in Madrid mitgearbeitet und dort meinen Blick geschult.

JournalistenPreise.de: Auf welche Fehler hätten Sie gerne bei Ihrem Start als freie Auslandskorrespondentin verzichtet?

Brigitte Kramer: Anfangs habe ich zu aufwendige Geschichten angeboten und zu wenig auf die Trends bei deutschen Medien geachtet. Wer eine hohe Trefferquote beim Anbieten von Themen erzielen möchte und von seiner Arbeit leben will, sollte sich die potentiellen Kunden genau anschauen. Das ist heute mit den online-Auftritten der Zeitungen leicht. Ein Vorschlag muss genau ins Format eines Ressorts passen. Auch das habe ich anfangs unterschätzt. Am Anfang macht man immer Fehler, das ist nicht schlimm. Man muss nur aus ihnen lernen und sich nicht entmutigen lassen, kurz: professionell werden. Irgendwann findet man die Medien, zu denen man passt.

JournalistenPreise.de: Wie wird man eine gute Korrespondentin?

Brigitte Kramer: Schreiben, schreiben, schreiben, immer wach bleiben, sich selbst gut zureden. Das Arbeiten als freie Journalistin im Ausland ist manchmal einsam. Deswegen muss man sich selbst motivieren können und den Kontakt zu Kollegen suchen. Ob man seinen Job gut macht, hängt vom Talent und von der Erfahrung ab, vor allem aber von der persönlichen Konstitution: Das psychologische Rüstzeug ist wichtig. Mein Trick: Wenn ich gerade mal keinen Elan habe und lieber auf dem Dorfplatz einen Kaffee trinken würde, dann klicke ich mich durch meinen Blog, wo alle Publikationen stehen und sage mir: „Wow, so viel hast du schon geschrieben, und was für schöne Geschichten!”

Mit Brigitte Kramer sprach Bülend Ürük.

Brigitte Kramer
Zur Person:

Brigitte Kramer, geboren 1967 in München, Absolventin der Deutschen Journalistenschule und des Diplomstudienganges Journalistik an der LMU in München. Stipendiatin des Süddeutschen Verlages. Ab 1995 Arbeit als Journalistin in Madrid, seit dem Jahr 2000 auf Mallorca. Brigitte Kramer schreibt für Medien in der Schweiz, Deutschland und Österreich, wie die Neue Zürcher Zeitung, Mare, Brigitte, Brand Eins, Chrismon, Der Standard, Modern Times, Tagesspiegel. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter. Lesen Sie mehr über Brigitte Kramer auf ihrem eigenen Blog unter brigittekramer.wordpress.com

Brigitte Kramer. Foto: privat

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