Zwei Tage Brüssel

Gestern abend wurde der  Health Prize for Journalists 2011 in Brüssel verliehen. Leider nicht an mich, das vorneweg.

Wir waren 30 Finalisten, aus fast allen europäischen Ländern (Finnland fehlte). Wir haben zwei Tage miteinander vebracht. Jetzt, wo ich wieder in der europäischen Peripherie bin, in einem Dorf im Inneren einer Insel, stelle ich auf meinen Blog, was ich in Brüssel offline geschrieben habe. Denn WiFi ist dort entweder Zukunftsmusik (Hotel) oder wegen der Aufmerksamkeit der Zuhörer (Europäische Kommission) limitiert. An den wenigen Hotspots kollabierte die Verbindung denn auch sofort.

1. Tag

Brüssels goldene Zeiten, architektonisch gesprochen, sind wohl verflossen, das sieht man nicht nur am Plutonium, das offenbar niemand besucht. In den Toilettenkabinen des Flughafens wird man dazu gezwungen, Werbeplakate anzusehen, auf denen  „universal and futuristic, since 1958“ steht, an der Innenseite der Klotür. Das Hotelzimmer zeugt auch vom vergangenem Ruhm der Anfangsjahre der Europäischen Union. Es strahlt die veraltete Moderne  der 60er Jahre aus. Die Fenster kann man nicht öffnen, 8. Stock, gegenüber Büros, die Fliesen im Bad sind weiß mit braun-orangen Blumen, der Badewannenrand ist zu hoch, die Matratze zu weich, alles mit Teppichboden ausgelegt … Morgens ist meine Nase verstopft, ich bin elektrostatisch dermaßen aufgeladen, dass ein paar Haare nach dem Bürsten vom Kopf abstehen. So kann man doch nicht zu einem Welcome Dinner gehen …

Beim Abendessen komme ich mit zwei irischen Finalisten, einer schwangeren Journalistin aus einem kleinen Land,  das mit Slow beginnt und einer sehr schlanken Ungarin mit unglaublich langen und dichten Wimpern ins Gespräch, von denen ich annehme, dass sie echt sind. Sie joggt jeden Tag und ist Vollblut-Gesundheitsjournalistin. Als wir am Buffet stehen gratuliert sie mir zu meinem Text, den sie im Internet gelesen hat.

Dem Rest  sind Gesundheitsthemen wohl vor allem beruflich wichtig. Mit Prosecco in der Hand reden wir über healthy lifestyle, mit der typischen Distanzierung der Journalisten, die ja immer zum zynischen Witz neigen. Wir haben über Burn Out, Organtransplantation, geistig behinderte Mütter, Antibiotika-Resistenz oder Lücken im Impfschutz geschrieben. Vielleicht, weil wir einen Auftrag bekamen, vielleicht, weil wir selber das Thema wichtig fanden. Aber jetzt, beim Essen, muss sich jeder kurz konzentrieren, wenn er vom Nachbarn gefragt wird, worüber es im eingereichten Text geht.

Zu meiner Rechten sitzt eine Jurorin, eine junge, italienische Gesundheitsjournalistin, die in Paris arbeitet. Sie wurde in die Jury geladen, nachdem sie den EU-Commissioner John Dalli interviewt hatte. Der sitzt bei uns am Tisch, spricht auch über healthy lifestyle und isst dabei Bratenfleisch in dunkler Soße mit Kroketten. Mir fällt auf, was ich alles nicht mehr vertrage. Die Buffets in den kommenden Tagen sind ein gastronomisches Sammelsurium europäischer Klischees: Mini-Apfelstrudel als Fingerfood, gefüllte Weinblätter, kleine Bratwürstchen zum Frühstück, Fleischberge unter zähen Soßen, Selleriesalat, Makkaroni, Räucherlachs mit Preiselbeeren …

Dalli ist zugänglich, kommt mit seinem Spokesman, der mit dem spanischen Finalisten zu meiner Linken Karten austauscht, weil er ihm helfen soll, seinen nächsten Urlaub in Kantabrien zu organisieren … Der Commissioner sagt in der Fragerunde vor dem Dessert gehaltvolle Sachen, es stimmt, die EU hat ein Kommunikationsproblem, denn kaum jemand von uns wird über das Gesagte berichten, was unter anderem daran liegt, dass es, wie gesagt, selten irgendwo WiFi gibt. Twitter kann man vergessen. Dalli ist erfahren, er ist seit 1987 in der Politik, war zweimal Minister in Malta. Sabe estar, wie die Spanier sagen, er weiß die Situation zu nutzen. Schon ist mir Europa vertrauter geworden.

Der Spanier ist free lancer und schreibt für die linke Zeitung Público, die kurz vor dem Konkurs steht. Ich sitze eine Weile und beobachte: Wie wenig Aufwand gemacht wird, das Hotel hat 4 Sterne aber alles ist ganz einfach, auch das Essen. Unreife Tomaten  aus Almería, Eisbergsalat aus Belgien … Den Nachtisch rühre ich nicht an, rosa oder braune Sahneschnittchen. Der spanische Finalist wundert sich über die Nähe, die EU-Politiker in kürzester Zeit aufzubauen wissen, im Gegensatz zu den spanischen.

Wir reden kurz über das Grundproblem Spaniens: Ein unversöhntes Land

Dann tauschen wir Erfahrungen aus über Arbeiten in einem politisch geteilten Land und darüber, dass Politiker in Spanien dich entweder mit Floskeln abspeisen oder dich als Komplizen behandeln, je nachdem ob die Zeitung, für die du arbeitest für oder gegen ihre Partei ist. Kommt man aus dem Ausland, wird man drittklassig behandelt, besonders in der spanischen Provinz. Als der ehemalige Regierungsdelegierte der Balearen, Ramon Socías, noch Bürgermeister von Sóller war, hat er mich und den Fotografen einmal 60 Minuten im Vorzimmer warten lassen. Er lief mehrmals an uns vorbei, ohne uns anzusprechen, obwohl wir einen Termin hatten und die Sekretärin uns gegenüber saß. Schließlich fuhren wir zurück. Ich verstehe die Situation bis heute nicht. Wenn ich mir vorstelle, dass er eigentlich Arzt ist und eine Stelle im Gesundheitszentrum unseres Dorfes hat, dann möchte ich ihm noch viele Jahre in der Politik wünschen oder würde beizeiten das Dorf wechseln. Gerade ist es weiter weg denn je.

2. Tag
Wir Journalisten sind, das wird uns heute vermittelt, die Brücke zur Masse der 500 Millionen. So sollte es jedenfalls sein, wie alle Redner immer wieder betonen. Ermüdend wirkt die Selbstdarstellung der Institutionen im Berlaymont-Gebäude. Wir sitzen dort irgendwo im Erdgeschoss, in einem der 800 Konferenzräume,  ganz unten, 14 Etagen sind über uns. Auch der ehemals asbestbelastete Bau ist aus den 60ern.

Powerpoints, Erklärung der EC-Webseite, Press Briefing at Midday, immer wieder Spokespersons, ein neuer Schlag Mensch für mich, die laufen hier überall rum, sind eine Art Sekretäre, Bodygards und PR-Beauftragte der Kommissare und Abteilungsleiter, antworten manchmal für diese, stellen sie vor, bringen sie ins Gespräch, begleiten sie zum Rednerpult … Die Vorträge zu erfolgreichen Gesundheitskampagnen der Kommission am Nachmittag sind dann zuviel, nicht nur elektrostatisch gesehen. Mir fehlt Leben.

Ich gehe durch das eiskalte, klare Brüssel und finde mich in einer Mischung aus Paris-Amsterdam-Zürich wieder, mehr mitteleuropäische Städte franko-alemannisch-angelsächsischen Einflusses kenne ich nicht. Und natürlich München. Die Oper ist fast identisch, auch in ihrer Lage im Zentrum der Stadt, Triumphbögen, Bürgerhäuser, Reste mittelalterlicher Handwerkerhäuser, jetzt bergen sie Waffelbuden und Souvenirshops. Familien in farbenfrohen Daunenanorkas und kompakten Kombis, eine Stadt voller EU-Beamter, Spokespersons und Politiker. Anderswo schieben Männer im grauen Kurzmantel Designer-Buggies mit dick verpacktem Kind darin durch einen Park.

Alle frieren, auch die aufgeplusterten Tauben.

Wahnsinnig viel Verkehr. Wollten wir hier arbeiten? Die Durchformalisierung des Lebens. Businesslook bis spät in die Nacht,  ein Bier im Pub neben dem riesigen Gebäude der Kommission ist Gewohnheit. Wir reden dort  mit dem irischen Finalisten, der zur Zeit in Brüssel arbeitet und auch im grauen Anzug rumläuft. Seine kleine Tochter wächst dreisprachig auf. Hier ist Europa zentralisiert. Hier gibt es keine Unterschiede zwischen Finnen und Maltesern. Alle sprechen Englisch mit Akzent.

Wieder ein Buffet
Fast niemand kommt mit Arbeitsauftrag. Ein Österreicher nutzt die Einladung nach Brüssel und reist mit dem Zug nach Köln, um dort vor der Preisverleihung ein Interview zu machen. Der Rest seines Autorenteams hält die Stellung. Eine Kollegin sagt, sie fand die Brüsselkorrespondenten schon immer die profilärmsten und langweiligsten Kollegen, das Press Briefing at Midday hat sie gar nicht mehr mitbekommen. Nach der Coffee Break war sie schon in der Stadt unterwegs.

Doch mir ist  Europa vertrauter geworden. Nicht wegen der Vorträge, sondern wegen derer, die sie angehört haben, wegen uns. Der Italiener ist schüchtern, blauäugig und kommt im Nadelstreifen-Anzug. Er ist vollkommen uninteressiert. Die Schweden sind recht alt und bleiben unter sich. Die beiden Spanierinnen sehen sich irgendwie ähnlich, selber Stil, ähnlicher Haarschnitt. Sie arbeiten bei einem kostenlosen Ärzteblatt, seit 20 Jahren. In Madrid gibt es derzeit 7.000 arbeitslose Journalisten. Sie haben auch über Organspende geschrieben, 24 Stunden lang eine Herztransplantation begleitet. Sie bleiben unter sich, freunden sich später mit dem Portugiesen an, der bei einem Wochenmagazin arbeitet, alleinige Besetzung des Kulturressorts ist und dort wöchentlich vier Seiten stemmt plus Gesundheits- und Wissenschaftsthemen bearbeitet, denn eigentlich ist er Biochemiker. Nach seinem Gehalt habe ich ihn nicht gefragt, die Frustration wollte ich mir ersparen. Er hat ein „very low budget for free lancers“ die ihm mit Kulturtexten helfen. Die baltische Fraktion sind ausschließlich Frauen mit heller Haut, dunkelblondem Haar und schwarzer Kleidung, die sich nach Sonne sehnen und von Minus 27 Grad Celsius sprechen, die sie zuhause erwarten. Generell gibt es viele Journalistinnen. Gesundheitsthemen sind Frauenthemen.

Kurz bevor ich wegen Sauerstoffmangel umfalle, gehe ich nochmal raus und suche mir eines dieser bekannten belgischen Kaffeehäuser, träume von einer heißen Schokolade, die ich für 1.60 Euro auch bekomme. Hier spüre ich das Leben, bleibe vor Schaufenstern stehen und höre, wie die Menschen Flämisch sprechen, oder ist es Brabantisch, Limburgisch, Niederländisch oder eine dieser begischen Zwischensprachen? Jedenfalls ein schön unverständliches Genuschel.

Auf dem Rückweg, bevor ich zur Preisverleihung eile , sehe ich ein Graffitti, das ich sehr europäisch finde:

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