Urdangarin muss weg

War einmal: Urdangarin steht im Madrider Wachsfigurenkabinett nicht mehr neben seiner Frau Cristina de Borbón. Foto: Cristóbal Manuel/El País

Der Schwiegersohn des spanischen Königs hat mehr als 16 Millionen Euro veruntreut. Der Skandal um Iñaki Urdangarin weitet sich nun aus: Eine Anklage steht bevor und seine Frau, die Infantin Cristina, wird sich entscheiden müssen. Das Königshaus distanziert sich von dem Fall. Zu spät, sagen Beobachter: Der Schaden für die spanische Monarchie sei  «äußerst schwerwiegend».

 Als König Juan Carlos jüngst mit einem Veilchen in der Öffentlichkeit auftrat, hatte das Symbolcharakter. Der Monarch sei im Palast gegen eine offene Tür gelaufen, hieß es. Doch nicht nur der häusliche Unfall bereitet dem fast 74-Jährigen Schmerzen. Seit rund vier Wochen gelangen Fakten zu illegalen Geschäfte seines Schwiegersohnes Iñaki Urdangarin ans Licht. Der Ehemann der jüngsten Königstochter Cristina de Borbón ist der Veruntreuung öffentlicher Gelder, Vorteilsbeschaffung, Bestechung und Dokumentenfälschung verdächtigt, Delikte, die in Spanien mit mindestens 15 Jahren Haft bestraft werden. Anfang kommenden Jahres soll der ehemalige Handballprofi angeklagt werden und den Verbleib von rund 16 Millionen Euro aufklären, die er und sein Geschäftspartner zwischen 2004 und 2007 von mehr als 100 Auftraggebern kassiert haben.

Die beiden boten über ihre gemeinnützige Stiftung Noos – auch im Namen ihrer Königlichen Hoheit, der Infantin Cristina, sowie eines Angestellten des Königshauses , Consulting-Dienste und Kontaktvermittlungen an, die überproportioniert bezahlt wurden. Urdangarin zog dabei Nutzen aus seiner angeheirateten Position. Das Geld brachten sie in Steuerparadiese oder legten es in Immobilien an. Zu den Kunden gehören auch Rathäuser und Regionalregierungen, die die Dienste mit Steuergeldern bezahlten.

Die Ermittlung begann Anfang November auf Mallorca. Iñaki Urdangarin hatte dort mit dem ehemaligen Regionalpräsidenten der Balearen, Jaume Matas, Geschäfte gemacht. Matas steht wegen Korruption vor Gericht. «Endlich traut sich jemand an das Königshaus ran», jubelte die linke Tageszeitung «Público». Bislang durfte über die Borbonen nur Gutes berichtet werden. Doch nun verfolgt Spanien täglich, wie der Untersuchungsrichter Schlechtes zutage fördert. Das wird immer mehr.

Für Juan Carlos und Sofía bedeutet der Fall nach der Trennung ihrer ältesten Tochter Elena vor vier Jahren eine neue Ladung schmutziger Wäsche. Dass sie eine wachsenden Monarchiemüdigkeit im Land hinnehmen müssen, macht es den Reyes nicht leichter. War im Fall Elena noch der unseriöse Lebenswandel des Ex-Schwiegersohns das Thema, geht es nun um handfeste Delikte und das befremdliche Psychogramm eines Mannes, der aus gutem Hause stammt und bislang Sympathieträger war.

Beobachter sprechen schon jetzt von einem «äußerst schwerwiegenden Schaden» für das Ansehen der spanischen Monarchie. Das Königshaus trage die Verantwortung für seine Mitglieder, heißt es. Es drängt sich die Frage auf, warum der König und die Königin, die, so eine Monarchie-Expertin, «seit mindestens drei Jahren von den Machenschaften wussten», so lange zugesehen haben. Als Cristina, Iñaki und ihre vier Kinder vor zwei Jahren nach Washington zogen, köchelten erste Gerüchte hoch: Der Ermittlungsrichter von Palma begann damals, Urdangarins Geschäfte zu verfolgen, dieser verschwand aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.

Doch das reichte nicht. Fotos des um Jahre gealterten Verdächtigten, Spekulationen um die Zukunft des Paares und immer höhere Summen veruntreuten Geldes haben aus der Affäre nun einen Skandal gemacht, der das Land in Staunen versetzt. Er überragt alles Dagewesene. Gesetzliche Richtlinien gibt es keine. Rechenschaft über Einkünfte und Ausgaben müssen die Royals nicht ablegen, obwohl die Familie jährlich eine Apanage von acht Millionen Euro bezieht. Im Königshaus herrscht lediglich ein Ehrenkodex, der besagt, dass Mitglieder der Familie, die von der Staatskasse ausgehalten werden – wie auch Cristina und ihr Gatte – keine Geschäfte betreiben dürfen. Für den Fall, dass unerlaubt betriebene Geschäfte auch noch illegal sind, wird nun ein Präzedenzfall geschaffen.

Im Mittelpunkt steht Cristina: Mit einem wegen Korruption angeklagten Ehemann wird sie wohl von der Thronfolge ausgeschlossen werden, keinen Unterhalt mehr beziehen und keine repräsentativen Pflichten erfüllen. Tatsächlich ist ihre offizielle Agenda seit Wochen leer. Als Teilhaberin einer der Firmen wusste die Infantin von den Geschäften. Angeklagt wird sie aber vorerst nicht, denn, so heißt es in einem von „El País“ zitierten Dokument des Untersuchungsrichters, «Cristina de Borbón gehörte nicht zum engen Kreis der Entscheidungsträger».

Die Casa Real hat  sich nun von dem bürgerlichen Nestbeschmutzer distanziert und angekündigt, Urdangarin zu offiziellen Anlässen nicht mehr einzuladen. Auch im Madrider Wachsfigurenkabinett ist er ausgezogen, vom Zimmer der Royals ins Zimmer der erfolgreichen Sportler.

Außerdem wird das Königshaus ab 2012 den eigenen Haushalt offen legen. Es kommt damit auch einer Forderung verschiedener politischer Parteien nach mehr Transparenz nach. Ob die Schadensbegrenzungsmaßnahmen ausreichen, ist fraglich. Juan Carlos wird wohl nicht nur mit einem blauen Auge davon kommen.

One thought on “Urdangarin muss weg

  1. Wenn ich so zurückdenke, kann ich mich an keinen Spanier erinnern, der sich mir gegenüber als Befürworter der Monarchie geäussert hatte. Eher gegenteilig.
    Wird interessant zu verfolgen, ob und wie die Justiz hier wirklich schonungslos offenlegen wird.

    Wünsche Dir schöne Festtage,
    ¡Feliz Navidad!

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