Künstler als virtuelle Städtebauer

Das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid zelebriert gemalte Architekturen

Eine Ausstellung im Museum Thyssen-Bornemisza Madrid richtet ihr Augenmerk auf Architekturdarstellungen in Altmeistergemälden. Perspektivische Strassenfluchten, Säulengänge und römische Ruinen faszinierten die Maler gleichermassen.

Francesco d´Antonio, La curación del niño endemoniado y traición de Judas, 1426

erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, 31.10.2011

Werden sie auf Leinwand gebannt, müssen Gebäude nicht nur ihr eigenes Gewicht tragen, sondern auch die Intention des Kün

stlers und die Aussage des Bildes stützen. 140 Bilder von unterschiedlicher Bedeutungsdichte sind derzeit in den Räumen des Museums Thyssen-Bornemisza und der Caja-Madrid-Stiftung zu sehen. Sie bilden die Schau «Arquitecturas Pintadas. Del Renacimiento al Siglo XVIII». Weil im Lauf der rund 350 Jahre, die die Ausstellung umfasst, der Architektur in der Malerei wechselnde Bedeutung zukam, ist der Rundgang zugleich thematisch geordnet. Kapitel wie «Die Architektur als Bühne», «Die historische Stadt: Erinnerung und Ruine», «Imaginäre und phantastische Architektur» oder «Die moderne Stadt als Metaph

er der Macht» klingen anregend und versprechen Vielfalt. Viele Exponate stammen aus der Sammlung des 2002 verstorbenen Barons Thyssen-Bornemisza, andere sind Leihgaben aus den grossen Gemäldegalerien von Berlin, Ottawa, Rom, St. Petersburg, Washington oder Wien.

Abenteuer Perspektive

All diese Werke verbindet die Architektur, die ihnen räumliche Tiefe verleiht. Im 15. Jahrhundert dienen häufig Paläste oder Kirchen als Szenario. Bald wirken die Gebäude metaphorisch und verstärken die transzendentale Bedeutung einer Verkündigung, bald holen Renaissancebauten biblische Szenen in die Zeit des damaligen Betrachters. Die frühen Werke dieser Zeit sind meist kleine Altarbilder, auf Holzbrettchen gemalt und mit Blattgold verziert. Francesco d’Antonio verlegte beispielsweise den Exorzismus eines kleinen Knaben im Jahr 1425/26 in das offenen Gerüst einer Kirche. Die Darstellung der Balken stimmt zwar perspektivisch noch nicht ganz, aber die Darstellung fasziniert uns dennoch, denn über dem Kind, das gekrümmt auf dem Boden liegt, tut sich der Himmel auf. Auch Tintoretto hat auf seinem Bild «Christus und die Ehebrecherin» (um 1546) den dunklen Säulen und der schwer über der Szene lagernden Kassettendecke einen kompositorischen Sinn verliehen: Sie weisen den Weg in den Hintergrund, dorthin, wo Licht am Horizont scheint.

Canaletto. Piazza San Marco in Venice, c. 1723-1724
Bernardo Bellotto. The Piazza della Signoria in Florence, 1742

In dem Mass, wie Baukunst und Stadtentwicklung fortschreiten, rücken die Gebäude ins Zentrum der Bilder, werden sie selbst zu Protagonisten. Das Genre der Architekturmalerei entsteht. Darüber hinaus diente gemalte Architektur der Selbstdarstellung des Künstlers. Sie galt als technische Herausforderung. Wer Ornamente und Proportionen richtig malen wollte, musste nach Italien reisen und vor den gebauten und gemalten Meisterwerken üben. Viele Motive der Schau sind denn auch in Rom, Neapel oder Venedig entstanden. Den Bedeutungszuwachs der Architektur und die technische Verfeinerung ihrer Darstellung kann man beim Ausstellungsrundgang erleben. Einer der Höhepunkte ist ein Gemälde vom Turmbau zu Babel des Flamen Lucas Van Valckenborch aus dem Jahr 1595. Er malt die grosse Frustration der Architektenzunft, die ewige Baustelle, die von der Vergangenheit und der Zukunft der Menschheit spricht, in Anspielung auf ein Bild mit demselben Motiv von Bruegel dem Älteren. Der riesige Bau steht im Zentrum des Bildes: Oben ziehen Wolken, unten mauern winzige Bauleute. – Bald darauf begannen Maler die Schönheit italienischer oder niederländischer Städte einzufangen. Das verklärte Italien-Bild faszinierte die Reisenden schon lange vor Erfindung der Postkarte. So entstanden grossartige, manchmal aber auch recht flache Veduten, die in der Abteilung «Die Städte der Grand Tour» gezeigt werden. Junge britische Adlige brachten von ihrer Bildungsreise gemalte Erinnerungen mit nach Hause: Springende Hündchen, Damen mit Sonnenschirmen, Gondoliere beleben Plätze, Häfen oder Kanäle vor detailreichen Fassaden im mediterranen Licht. Meister wie Canaletto und sein Neffe Bernardo Bellotto bringen mit offenen Perspektiven, duftigen Wolken oder scharfen Licht- und Schattenkontrasten Dynamik in die statischen Architekturkulissen. Während Canaletto atmosphärisch dichte Szenarien schafft, malt Bellotto Feuchtigkeitsflecken und Risse in die Mauern und überzieht sie so mit einer fast schon menschlich wirkenden Haut.

Marco Ricci: «Capriccio mit Ruinen und Wäscherinnen», Gemälde, zwischen 1721 und 1725

Die Faszination Roms

Beim Adel waren nicht nur diese Bilder als Mittelmeer-Souvenirs beliebt, sondern auch die römisch inspirierten Ruinen-Capriccios, die gleichermassen von Antikenbegeisterung wie von Vergänglichkeit zeugen. So malte Marco Ricci Anfang des 18. Jahrhunderts für britische Auftraggeber antikische Architekturen. Von Pflanzen überwuchert, mit Wäscherinnen im Vordergrund oder durch sonnenbeschienene Alleen gesehen, erzählen diese Phantasien von arkadischen Zeiten. Auch Maarten van Heemskerck malte Ruinen, zum Beispiel im «Selbstporträt mit Kolosseum» aus dem Jahr 1553. Es zeigt den alternden Künstler mit lichtem Haar und Falten, denn nicht nur an den Monumenten nagt der Zahn der Zeit. Den Schlusspunkt setzen Radierungen von Piranesi aus den «Antichità Romane». Als Weltbetrachtungen und Innenansichten ziehen sie einen in ihren Bann. Mauern aus Statuenköpfen und Säulenstümpfen ritzte er mit feiner Nadel in Platten. Und neben Ruinen-Capriccios und eigenwillige Architekturporträts druckte Piranesi beklemmende Kerker-Capriccios, die einen noch heute nachdenklich stimmen.

Bis 22. Januar 2012 (www.museothyssen.org). Katalog: Arquitecturas Pintadas. Del Renacimiento al Siglo XVIII. Hrsg. Fundación Colección Thyssen-Bornemisza und Fundación Caja, Madrid 2011. 436 S., € 38.–.

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