Die spanischen Erneuerer

Pau Llop hat die Digitalzeitung Bottup gegründet. Foto: Jürgen Horn

Ein Land in der Krise. Eine Regierung, die sich wenig traut. Und einige wenige, die den Wandel schneller wollen und schon mal anfangen.

Erschienen in brand eins 10/2011

– Am 15. Mai versammelten sich im Zentrum von Madrid erstmals rund 20 000 Demonstranten aller Couleur. Eine Woche vor den allgemeinen Regional- und Kommunalwahlen zeigten sie ihre Unzufriedenheit mit den Zuständen im Lande. Bald schon demonstrierten bis zu 130 000 Menschen auf den Plätzen des Landes.

Seitdem fordert die Bewegung 15-M bessere Lebensbedingungen für die Opfer der schweren Krise, die das Land seit drei Jahren durchmacht: Rund zehn Millionen Spanier, mehr als 20 Prozent der Bevölkerung, sind, statistisch gesehen, arm. In 1,4 Millionen Haushalten arbeitet keines der Familienmitglieder, und diejenigen, die noch Arbeit haben, verdienten im Jahr 2009 durchschnittlich 15 500 Euro im Jahr (zum Vergleich: In Deutschland waren es im selben Jahr knapp 31 000 Euro). Dazu kommen Hunderttausende von Wohnungsräumungen, die die Banken ihren Hypothekenschuldnern aufzwingen. Die Indignados, die Empörten, nehmen das nicht hin: Mit Slogans wie “Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren” oder “Wenn ihr uns nicht träumen lasst, lassen wir euch nicht schlafen” schafften sie es bis auf die Titelseiten internationaler Zeitungen – und ernteten Anerkennung für ihr gewaltfreies Auftreten.

In diesen unruhigen Zeiten entstehen Unternehmen, die stärker als früher soziale Verantwortung übernehmen. Einige von ihnen werden von der internationalen Non-Profit-Organisation Ashoka gefördert (siehe Kasten S. 101). Und auch viele Spanier setzen tagtäglich das um, was auf der Straße gefordert wird. Sie sind ihrer Zeit voraus und entschlossen, das Land zu erneuern.

brand eins stellt drei von ihnen vor: Pau Llop, Raúl Robert und José Manuel Pérez.

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Name: Pau Llop
Beruf: Journalist
Ort: Madrid
Projekt: Online-Plattform Bottup.com

Zuhören und nachfragen: Bürger machen Zeitung

Wenn Pau Llop über seine Arbeit spricht, dann sprudeln Zahlen, Fakten und Namen geradezu aus ihm heraus. Der 30-jährige Journalist hat vor dreieinhalb Jahren in Madrid die Online-Zeitung “Bottup” gegründet. Er scheint tatsächlich permanent vernetzt zu sein. Durch seinen Kopf strömt ein Nachrichtenfluss, den 1200 Menschen regelmäßig füttern. Diese “Bürgerjournalisten”, wie Llop sie nennt, berichten aus Spanien und zehn lateinamerikanischen Ländern von Demonstrationen, Wohnungsräumungen oder Bürgerversammlungen, an denen sie teilnehmen oder die sie beobachten. Llop und seine beiden Kollegen filtern, verifizieren und redigieren die News der Laienreporter und stellen sie ins Netz.

Die Nachrichtenauswahl folgt dem Motto “Deine Nachricht ist die Nachricht”: Priorität haben solche Themen, die von herkömmlichen Medien nicht aufgegriffen werden oder die den Reportern am Herzen liegen. Sie sollen sich in der Zeitung wiederfinden. Je mehr Teilnehmer, desto besser. Llops Ziel ist es, ein weltweites Mitarbeiternetz zu knüpfen, aus dem eine kritische Masse entsteht, die den Nutzen und die Wirkung dieses freien Informationsflusses vervielfacht. “Wir schaffen eine Plattform ohne Mittelsmänner, wir setzen unsere Themen unabhängig von den wirtschaftlichen Interessen eines Verlages.”

Er verortet “Bottup” in der Lücke, die er zwischen den Online-Auftritten traditioneller Zeitungen, Blogs und sozialen Netzwerken sieht. “Bottup ist ein Diskussionsforum für Bürger, das von professionellen Journalisten moderiert wird”, sagt er. “Was bei uns steht, ist unabhängig, hat journalistische Qualität und erhebt Wahrheitsanspruch.”

Rund tausend Fans spüren in Facebook diesen “Puls der Bürger”, bei Twitter folgen @Bottup mehr als 1500 Menschen, und die Website besuchen pro Monat 60 000 Leser. Geld fließt dabei keines. Alle, auch die drei Redakteure, arbeiten unentgeltlich. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit der Entwicklung und der Umsetzung medialer Kommunikationsstrategien für Nichtregierungsorganisationen oder Gemeindeverwaltungen. Llops berufliche Karriere begann in der Pressestelle der südostspanischen Stadt Alicante. “Ich habe mich gelangweilt und viel Geld verdient”, sagt er. Heute hat der Kommunikationswissenschaftler mehr Ehrgeiz.

Er will nicht nur einen besseren Journalismus. Er will kritisches Denken fördern. Nicht nur die Berichterstatter lernen, genau hinzuschauen und nachzufragen. Auch die Leser sollen im Vergleich mit anderen Medien erkennen, was ein Ereignis zur Nachricht macht und welche Hürden es normalerweise nehmen muss, um überhaupt publiziert zu werden. “Wir schaffen Nähe und somit Relevanz”, sagt Llop. Und weil nicht alle Nutzer daran interessiert sein dürften, die Baupolitik eines südspanischen Provinzdorfes mitzuverfolgen, gibt es auf der Website themenspezifische, moderierte Foren.

Diskutieren und selbst anpacken, das sind Dinge, die viele Spanier erst lernen müssen. Die Erfahrungen aus 39 Jahren Diktatur sind noch in vielen Köpfen. “Nach Francos Tod 1975 wurde die einzige, damals mögliche Form der Demokratie eingeführt”, sagt Llop, “jetzt brauchen wir eine neue, richtige Demokratie.” Er legt dafür einen Grundstein. “Bottup” will das politische Bewusstsein der jüngeren Generation fördern. Die Plattform ist in einer Demokratie entstanden, deren Verfassung von Bürgern stammt, die in einer Diktatur aufgewachsen sind. Viele der heute unter 35-Jährigen identifizieren sich nicht damit. Sie fordern mehr Mitsprache. Bei “Bottup” haben sie sie.

www.bottup.com

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Name: Raúl Robert
Beruf: Ingenieur
Ort: Barcelona
Projekt: Wohngenossenschaft Sostre Civic

Ein gemeinsames Dach über dem Kopf

Raúl Robert ist 37 Jahre alt und wohnt zur Miete. Das ist in Spanien ungewöhnlich. Viele seines Alters gehören zu den “Mileuristas”: Arbeitnehmer, die nicht mehr als 1000 Euro im Monat verdienen und deshalb bei den Eltern leben. Oder sie haben sich eine Wohnung gekauft, mit Geld, das sie nicht hatten. Viele Hypotheken laufen in Spanien 40 Jahre lang und decken 100 Prozent des Kaufpreises. 85 Prozent der Spanier lebten vor der Finanzkrise im Eigenheim, die meisten von ihnen sind ein Leben lang verschuldet. Doch das Modell ändert sich gerade.

Seit im Jahr 2008 Spaniens Wirtschaft in die Krise geriet, sind rund 40 Prozent der unter 35-Jährigen und 21 Prozent aller Spanier arbeitslos. Sie können ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen: Seit 2008 gab es mehr als 300 000 Zwangsräumungen bei säumigen Schuldnern. Die Immobilien gehören den Banken.

Für Raúl Robert war diese Entwicklung vorhersehbar. “Ich habe nie geglaubt, dass Spaniens Wohnungsmarkt nachhaltig ist.” Zwischen 1997 und 2007 sind die Wohnungspreise um mehr als 180 Prozent gestiegen, und nach Roberts Schätzungen sind nur zwei Prozent der Neubauten Sozialwohnungen, die aber nach zehn Jahren auf dem freien Markt landen.

Vor sieben Jahren hat der Ingenieur deshalb eine Vereinigung zur genossenschaftlichen Nutzung von Wohnraum gegründet. Sostre Civic (Bürgerdach) will Menschen das Grundrecht auf würdiges Wohnen sichern. Eine Gruppe von Interessenten gründet eine Genossenschaft, nimmt gemeinsam eine Hypothek auf und kauft oder baut, mit rechtlicher und technischer Beratung von Sostre Civic, ein Mehrfamilienhaus. Die Immobilie gehört für unbegrenzte Zeit dieser Genossenschaft, die auch nach der Bauphase weiterbesteht. Ihre Mitglieder haben lebenslanges Nutzungsrecht, können ihre Wohnung vererben oder auch aussteigen und ihren Anteil anderen Interessenten überschreiben.

Drei Gebäude in Katalonien und bald ein viertes in Südwestspanien gibt es bereits. 33 Familien haben Roberts Idee umgesetzt, mehr als 200 stehen auf der Warteliste, 1000 sind Mitglieder bei Sostre Civic. Der Weg von der Idee, die in Deutschland, Kanada und Skandinavien weitverbreitet ist, bis zum ersten Hausbezug 2009 war weit. Das Modell war in Spanien neu, es gab keinen gesetzlichen Rahmen, Banken wollten den Genossenschaften keine Hypotheken geben, viele Spanier lehnen es ab, Haus und Hypothek mit anderen zu teilen. “Wir mussten nicht nur die Behörden überzeugen, sondern auch das Eigentumsdenken der Spanier überwinden.”

Nur zwei Institutionen sind derzeit bereit, das Projekt zu unterstützen: die Alternativ-Bank Triodos, mit Sitz in den Niederlanden, und Fiare, die spanische Stiftung für nachhaltiges Investment und Sparen. Robert sucht deshalb nach internationalen Investoren. “Hätten wir mehr Geldgeber, könnte sich das Modell schneller ausbreiten.”

Roberts Wunsch, Altbauten zu kaufen, nach ökologischen Richtlinien zu sanieren und Genossenschaften zum Kauf anzubieten, scheitert derzeit lediglich am Geld. Immobilien gibt es genug: Rund eine Million Wohnungen stehen in Spanien leer.

“Bauen und Wohnen in der Gemeinschaft ist günstig, flexibel und sicher. Unser Modell liegt zwischen Miete und Eigentum und vereint das Beste aus beidem”, sagt Robert. Und es kann den Immobilienmarkt beruhigen und konsolidieren. “Mit unseren Häusern kann man nicht spekulieren.” Er will das Umdenken seiner Landsleute fördern, einen Mentalitätswandel herbeiführen. “Die Spanier standen jahrelang unter enormem Konsumdruck. Banken, Regierung und Notare wussten, dass die Haushalte ihre Schulden nie würden begleichen können”, so Robert. Doch Hausbesitzer genossen Steuervorzüge, der gesellschaftliche Druck zum Eigenheim war enorm. “Den Leuten wurden die Hypotheken geradezu aufgeschwatzt”, sagt er. Hunderttausende Familien zahlen nun jahrzehntelang ihre Bankschulden ab, obwohl sie ihr Eigentum längst verloren haben. Viele sind, nach ein paar Jahren in den eigenen vier Wänden, wieder zu den Eltern gezogen, oft mit der ganzen Familie.

www.sostrecivic.org

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Name: José Manuel Pérez
Beruf: Ingenieur
Ort: Asturien
Projekt: Bildungszentrum Valnalón für junge Menschen

Das Leben – ein Handball-Match

José Manuel Pérez bildet Schüler zu Unternehmern aus. 330 000 haben bei dem 66-Jährigen schon Freude zum Risiko und Bereitschaft zur Verantwortung entwickelt. Sein Projekt heißt “Firma in der Schule”. Erarbeitet hat er es in dem von ihm gegründeten Bildungszentrum Valnalón in Nordspanien. Von der zweiten Klasse bis zum Abitur lernen Kinder und Jugendliche in ihrer Schule, wie man beispielsweise eine Nichtregierungsorganisation erfolgreich führt, eine Firma gründet, einen Kulturbetrieb managt oder eine Erfindung vermarktet. Dabei geht es dem ehemaligen Handballprofi auch darum, “die persönlichen Fähigkeiten der Kinder zu fördern und sie so auf das Leben in der postindustriellen Welt vorzubereiten”. Pérez sät positives Denken, Wissen und Kompetenz. “Wir bilden Menschen aus, die später Dinge ermöglichen oder umsetzen.”

Mit dieser Art der Förderung junger Menschen hat er vor knapp 25 Jahren begonnen, und zwar in einer Sporthalle in Gijón. Damals arbeitete Pérez als Ingenieur bei einem spanischen Großunternehmen, für das er Raffinerien und Chemiewerke entwarf. Nach Feierabend trainierte er Jugendliche im Handball. Als die internationale Stahlkrise die Industrieregion Asturien Anfang der achtziger Jahre in die Depression stürzte, fiel Pérez auf, dass plötzlich keiner seiner Schützlinge mehr einen Job hatte. “Ideen hatten sie viele, aber sie konnten sie nicht verwirklichen”, sagt er. Deshalb begann Pérez, nach dem Training mit seinen Spielern Strategien zu entwickeln: nicht nur, wie man das nächste Spiel gewinnt, sondern auch, wie man im Leben etwas umsetzt, das einem wichtig ist. 3000 Lehrer tragen die Idee derzeit weiter, in Spanien und Lateinamerika.

Pérez ist seit Kurzem im Ruhestand, er hält Vorträge und wird als Experte geladen, wenn in Spanien wieder einmal eine Bildungsreform geplant wird. “Dabei bin ich gar kein Experte”, sagt er. “Ich hatte nur eine Vision.”

Die ist groß und noch immer weit entfernt: Pérez will aus Spaniens acht Millionen Kindern und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter bessere Demokraten machen. Wenn alle Schüler einer Klasse eine Nichtregierungsorganisation gründen, ein Schuljahr lang mit Partner-Organisationen in Afrika oder Lateinamerika kooperieren und dabei echtes Geld verwalten, “dann gehen sie nebenbei den Weg der Demokratie”, sagt er. Konsensfindung, Meinungsfreiheit, Wahlrecht, das sind Begriffe, die für Valnalón-Absolventen nicht abstrakt klingen. “Wir formen mündige Bürger”, sagt er.

Sein Projekt ist radikaler, als es scheint. Hinter dem umgänglichen Mann versteckt sich ein schonungsloser Kritiker. Das spanische Schulsystem nennt er “fürchterlich”. Spaniens Bildungsniveau liegt unter dem Durchschnitt der Europäischen Union: Laut einer Eurostat-Studie von 2009 brechen rund 30 Prozent aller Schüler ohne Abschluss ab, nur auf Malta und in Portugal gehen in Europa noch weniger der über 15-Jährigen zur Schule als in Spanien.

Pérez fordert einerseits eine Aufwertung der Lehrberufe nach dem Vorbild der Dualen Ausbildung in Deutschland und andererseits einen Arbeitsmarkt, auf dem Akademiker nicht einen 1000-Euro-Job verrichten müssen – 44 Prozent der spanischen Hochschulabsolventen sind für ihren Arbeitsplatz überqualifiziert. Und er geht noch weiter: Er stellt das ganze Land infrage. Weder die Politiker noch die Wähler seien auf der Höhe der Zeit, sagt José Manuel Pérez mit Verweis auf die Bewegung des 15. Mai. Es stimmt ihn zwar freudig, dass plötzlich Menschen jeden Alters die vor mehr als 30 Jahren festgelegten Spielregeln brechen, doch dass sie wirklich einen Wandel herbeiführen können, bezweifelt er.

“Wie demokratiefähig sind die Indignados?”, fragt er. “Spanien könnte in eine neue Ära eintreten, aber dazu brauchen wir mehr Konsens und bessere Ideen.” –

www.valnalon.com

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Pau Llop, Raúl Robert und José Manuel Pérez können nicht von ihrer Arbeit leben. Deshalb sind sie drei von 23 Ashoka-Stipendiaten in Spanien (vgl. auch brand eins 10/2005). Die Non-Profit-Organisation unterstützt weltweit 2000 Unternehmer, die innovative Projekte betreiben. Deren Erfolg misst sie nicht am Gewinn, sondern am Nutzen für die Allgemeinheit. “Wir unterstützen Menschen, die mit guten Ideen und Hartnäckigkeit gesellschaftlichen Wandel herbeiführen können”, sagte Ashoka-Gründer Bill Drayton bei der Präsentation der Landesgruppe in Spanien im Jahr 2005.

Seitdem fördert die Organisation auch auf der Iberischen Halbinsel Unternehmer wie Llop, Robert und Pérez. Und andere: solche etwa, die Patienten eine Stimme im öffentlichen Gesundheitswesen geben, die Tabakbauern beim Umstieg auf Öko-Landbau helfen oder die das Vertrauen zwischen Häftlingen und Aufsehern im Gefängnis fördern.

Wie lange diese sozialen Entrepreneure unterstützt werden, hängt von den Stipendiaten selbst ab. “Wir fragen sie anfangs, was für sie Erfolg bedeutet und wohin sie ihr Projekt bringen wollen”, sagt die Leiterin von Ashoka Spanien, María Zapata. Die 41-Jährige war früher Managerin bei General Electric. Heute sucht sie Unternehmer mit sozialem Bewusstsein: “Menschen, denen die Gesellschaft wichtiger als Geld ist und die in der Lage sind, komplexe Probleme zu erkennen, dafür Lösungen zu entwickeln und sie dann umzusetzen.”

Die Auswahl ist streng. “Wir unterstützen keine Idealisten, sondern Veränderer, eine Mischung aus Künstler, Manager und Sozialarbeiter”, sagt Zapata. Seit 1980 sucht Ashoka nach Menschen, die die Welt verändern wollen. Doch nach Schätzungen der Organisation haben weltweit nur eine von zehn Millionen Personen das Zeug zum sozialen Unternehmer.

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