Im Dorf der Radler und Siffons

Das wird eine Hinterland-Serie, so scheint es. Gestern war ich in Petra. Entdeckung. Die Bürgermeisterin ist so alt wie ich und entscheidet seit 16 Jahren mit, in welcher Art von Dorf sie und 3.000 andere Menschen leben sollen. Catalina ist schlau und pragmatisch. Ihr Mann baut Ramallet-Tomaten an und lebt davon. Wenn sie im Dorf unterwegs ist, hat sie einen kleinen Zettel in ihrer Hosentasche, darauf notiert sie: “Wasser in Xs Haus zu wenig Druck” oder “Straßenlaterne vor Zs Haus kaputt”. Sowas sagen ihr die Leute, wenn sie sie treffen.

Dass Petra schon immer in der Krise und dennoch gut gelebt hat, und deshalb eigentlich nie Krise hatte, das sagt niemand. Der Ort hat so gut wie keine eigenen Einnahmen. Kein Gewerbegebiet, keine Hotels, keine Reichen. Alles Kleinbetriebe, 19 Schreinereien.

Als der Tourismus auf Mallorca ankam und die Karten neu gemischt wurden, da zog Petra die A-Karte. “Die Dörfer, die keine Küste haben, müssen sich was einfallen lassen um nicht abgehängt zu werden.” Catalina und ihre Leute haben sich alles, was das Dorf modern macht, aus Europa oder Madrid bezahlen lassen. Subventionen gebe es überall, man müsse nur wissen, wie und wo man sie bekommen könne, sagt sie. Die Frau verbringt viel Zeit damit, sich durch Webseiten zu klicken und Anträge zu bearbeiten. “Jetzt brauchen wir für die kommenden zehn Jahre nichts mehr”, sagt sie. Tanz- und Musikschule, Theater, Volleyballhalle, Basketballhalle, Freibad, Tennisplätze, Paddelpisten, Zuganbindung, Tagesheim mit Beschäftigungstherapie für Alte, Jugendzentrum, Kindergarten, Schule – fertig ist das schöne Dorf. Außerdem fließen jährlich 80.000 Euro  in die Gemeindekasse: Zwei Photovoltaik-Anlagen speisen Strom ins Netz der Insel, das bringt Geld. Und es gibt fast keine Autos. Hier radeln nicht nur die Kunden von Bicycle Holidays Max Hürzeler durch die Gassen sondern auch Frauen mit abgewetzten Tragetaschen am Lenker und Männer mit zerknüllten Kartoffelsäcken auf dem Gepäckträger.

Wenn Catalina ihre Ruhe haben will, bleibt sie auf ihrer Tomatenfarm. Die liegt abseits. “Sobald ich ins Dorf gehe, krieg ich alles mögliche zu hören”.

Ich fahre über die Landstraße nach Manacor zurück, als mir Juan Carlos einfällt. Die Mallorca-Cola und die Siffons, die er in Palmas Altstadt verkauft, kommen aus Petra. Die kleine Fabrik sehe ich von Weitem. Pinya Puig heisst das pappsüße, braune Getränk, auf das alle Mallorquiner stolz sind, das aber fast keiner mag. Auch wenn man es mit Siffonwasser verdünnt, wird es nicht besser, nur weniger süß. Er verkauft die Cola trotzdem, aus Nostalgie. Dazu legt er Kassetten mit Sommerliedern der 70er Jahre in den Rekorder oder sucht andalusischen Schnulzen für seinen Vinyl-Plattenteller aus. Juan Carlos’ Sifoneria liegt in der Calle Santa Clara und ist ein guter Tipp für alle, die sich mittags um eins einen Schwips holen wollen. Auf Flaschenträgern legt der Gastgeber ohne Lizenz zum Ausschank geflochtene Sitzkissen aus, darauf kann man dann seine offenen Weine verkosten. Aperitifwein, Messwein, Moscatel, Tafelwein, Manto Negro-Traube, Sirah und fast 20 andere. Mit großer Begeisterung serviert er auch roten Federweißen aus Binissalem mit einem Schuss Sekt. “Wir machen uns hier den Kir Royal selber”.

Juan Carlos sorgt dafür, dass die letzte von mehr als 130 Siffonfabriken auf Mallorca nicht zumachen muss, denn es kommen tatsächlich Nachbarn und holen sich ein paar volle Flaschen für ihre leeren, immer mit einem Schluck extra aus einem der Fässer. So vergehen bei Juan Carlos die Stunden. Man sitzt, schaut, trinkt und redet mit den anderen, die auf Flaschenträgern sitzen und immer mehr lachen. Irgendwann lachen alle, weil der Gastgeber auch so besonders ist. Sein Vater ist Andalusier. Die Bereitschaft, sich dem Moment hinzugeben, die Risikofreude, mit der er den Tag beginnt, die hat Juan Carlos vom Vater. Mallorquiner sind anders. Sie sind nicht so ansteckend. Sie beklagen sich oft, über kaputte Straßenlaternen.

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