Frische Datteln, alte Botschaft

©Beatriz Navarro

Gelebte Kulturgeschichte – die Palmengärten der spanischen Stadt Elche

Europas einzige Palmenoase ist in Elche. Ein Kulturverein erforscht nun die Geschichte der spanischen Stadt, vernetzt sie mit dem Maghreb und Mexiko und will die Oasenwirtschaft wiederbeleben.

NZZ · Brigitte Kramer · erschienen am 10.9.2011

Eine spanische Wirtschaftszeitung hat Ende August ein Ranking der zehn schmackhaftesten Lebensmittel aus heimischem Anbau publiziert. Der Gourmet mit politischem Bewusstsein kauft demnach Salzflocken aus Andalusien, Algen aus Galicien oder frische Datteln aus Elche. Die Früchte bietet nur einer: der Biologe und Gärtner Santiago Orts. Rund 30 Euro kostet ein Kilo. Man isst sie als Beilage zu Fisch oder Fleisch und verzehrt nicht nur eine süsse Frucht, sondern tausendjährige Kulturgeschichte. Orts’ Datteln erzählen die Geschichte von Europas einziger Palmenoase. Deren Realität ist weit entfernt vom Klischee der Ruhe und des Genusses. Auch mit Exotik hat sie nichts zu tun, selbst wenn die im Wind rauschenden Wedel, der gleichmässig geworfene Halbschatten und die gurgelnden Wasserläufe Bilder von rastenden Kamelen und Nomadenzelten hervorrufen.

Klimaanlagen oder Mikroklima?

Der Lebensraum Oase ist heute weltweit bedroht. Sein Charakteristikum, die Isoliertheit, ist sein grösstes Problem: Die Bewohner leben abgeschieden und unterversorgt, Pflanzen- und Tiersorten können sich oft nur innerhalb des Vegetationsfleckens vermehren, die Industrialisierung hat der Oase ihre wirtschaftliche Bedeutung genommen: Transportwege verlaufen anderswo, Selbstversorger-Ackerbau ist unrentabel und das Leben in Abhängigkeit von der Natur unattraktiv. Dabei könnte die Oase heute mehr denn je als Inspiration dienen: Sie ist ein vom Menschen angelegtes, nachhaltiges System. Um das zu erkennen, müssten sich die Bewohner von Elche, Marrakesch oder Las Vegas an den oasischen Ursprung ihrer Städte erinnern. Wo heute Klimaanlagen brummen, da schufen früher Palmblätter ein angenehmes Mikroklima.

In Elche leben 230 000 Menschen, die meisten davon ausserhalb der arabischen Stadtmauern. Die Stadt liegt 15 Kilometer vom Meer entfernt. Hochhäuser, Einkaufszentren, Ringstrassen – man könnte fast vergessen, dass sie Teil des Weltkulturerbes ist. Seit elf Jahren steht ein Teil von Elches Palmenhain, gebildet aus fast 500 000 Dattelpalmen der Sorte Phoenix dactylifera oder Echte Dattelpalme, unter Unesco-Schutz. Nachdem die Auszeichnung vergeben worden war, kauften Stadt und Region den Kleinbauern ihr Land ab – mit der Folge, dass es nicht mehr genutzt wird. Angelegt haben die weitläufigen Haine muslimische Eroberer, die Almoraviden, im 10. Jahrhundert. Ein Teil befindet sich in der Altstadt. Diese einstigen Nutzgärten sind heute Parks. Dorthin werden Touristen geführt, die staunend 30 Meter nach oben blicken – «Oh, schön» – und dann weiterreisen.

Selbst Einheimischen falle nicht viel mehr als das ein, wenn sie zu den Palmen hinaufschauten, sagt die Dokumentarfilmerin Mercedes Aranzueque. Dass die Bäume Elche mit der Oasenkultur Zentralasiens oder Mittelamerikas verbinden, ist den meisten Bewohnern nicht klar. «Die Stadt vermarktet Elche als exotischen Ort», sagt Aranzueque, und der Schutzstatus habe daran nichts geändert. Bei Dreharbeiten vor der eigenen Haustür zu Spaniens arabischem Erbe sei ihr aufgefallen, wie ungenutzt und verwahrlost die Palmen seien. Das Agrarsystem Palmeral wurde vom Aufschwung der Lederindustrie in den 1930er Jahren verdrängt, heute sei es ein bedeutungsloser Ziergarten. Doch der Lebensbaum der drei monotheistischen Religionen, die Kulturpflanze des Wüstengürtels der Welt, der Hoffnungsträger von weltweit 150 Millionen Oasenbewohnern habe etwas Besseres verdient, befand Aranzueque und gründete letztes Jahr gemeinsam mit Santiago Orts und einer befreundeten Anwältin den «Verein für Oasenkultur». 150 Freunde hat er unterdessen. Sie interessieren sich für die Geschichte der bis zu 300 Jahre alten Bäume und damit für ihre eigene Geschichte.

Brackwasser im Windschatten

Die Oase hat das Leben im semiariden Klima der spanischen Levanteküste erleichtert. Palmen wuchsen dort zwar schon zu Zeiten der Iberer, wie fossilisierte Dattelkerne belegen, doch so systematisch gepflanzt und effektiv genutzt haben sie erst die Bauherren des Kalifats von Córdoba. Sie leiteten das Wasser des Flusses Vinalopó in ein weitverzweigtes, offen verlaufendes Kanalsystem rund um eine Hauptader, die bald die Lebensader eines geschäftigen Fleckens wurde: Die Palmenkronen spenden Schatten, schützen vor Wind und mindern die Verdunstung. Darunter gediehen Tomaten, Luzerne oder Granatäpfel – alles, was sich mit brackigem Wasser zufriedengibt. Der Fluss Vinalopó speist sich unter anderem aus zwei Lagunen im Hinterland, deren Wasser wegen Verdunstung stark mineralsalzhaltig ist. Kurz nach Elche versickert er, Zugang zum Meer findet er keinen.

Und die Oase von Elche verbindet Afrika, Europa und Amerika. Ihre Bedeutung geht über die anderer Oasen hinaus, die entlang der Handelsstrassen dem Waren- und Kulturtransfer dienen. Spanische Eroberer haben das von den Arabern übernommene Kanalsystem zum Beispiel in die Wüste von Niederkalifornien gebracht. Die rund 180 Oasen der mexikanischen Halbinsel Baja California waren erste Zentren der Kolonialisierung und Missionierung durch die Jesuiten, der Lebensstil der Oasen-Rancheros gilt vor allem im Süden bis heute als identitätsstiftend. Dort kämpfen Aktivisten für die Bewahrung der Oasen, ebenso wie in Mauretanien, Marokko, Tunesien oder Algerien. Im Maghreb sind sie nicht nur von Vergessen und Misswirtschaft bedroht. Ein Pilz hat in den vergangenen Jahren Tausende von Palmen absterben lassen. Und ohne Palme stirbt die Oase.

In Elche besteht diese Gefahr nicht. Dattelpalmen wachsen hier nicht als Nahrungsspender – die Erde liefert genügend andere Nahrung –, sondern wegen ihrer klimatisierenden Funktion. Deshalb werden sie dort auf natürliche Weise gepflanzt: Ein Dattelkern wird in die Erde gesetzt. Die genetische Vielfalt der Exemplare und die Abwehrkraft der gesamten Plantage sind gesichert. In Nordafrika dagegen, wo Datteln Grundnahrungsmittel und wichtiges Exportprodukt sind, werden aus den Schösslingen der Bäume mit den besten Früchten neue Bäume gezogen. So entstehen anfällige Plantagen mit genetisch identischen Palmen.

Santiago Orts’ Datteln sind dennoch kein Kulturbruch. «Frische Datteln hat man hier immer gegessen», erzählt er, «bei der Arbeit oder zu Hause.» Wirtschaftlich waren sie aber unbedeutend. Und sind es bis heute. Die Früchte aus seinem Garten sind teuer, weil weniger als ein Prozent der Palmen geniessbare Datteln liefert, wie er erklärt. Der Preis kommt auch durch die aufwendige Zucht zustande. Mehrmals im Jahr müssen Palmereros barfuss am Stamm hinaufklettern, um die Früchte unterhalb der Palmenkrone zu untersuchen, mit Netzen vor Vögeln zu schützen oder zu ernten. Wegen des hohen Zuckergehalts verderben reife Datteln innerhalb weniger Tage. Ein heikles Geschäft mit kleinem Wachstumspotenzial. Orts pflegt es trotzdem. Er ist einer der wenigen, die damals ihr Stück Land nicht an die Stadt verkauft haben.

2 thoughts on “Frische Datteln, alte Botschaft

  1. Elche hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die Fiesta ‘Moros y Christianos’ dort ist unbedingt besuchenswert. Ich glaube, dort gibt es die aufwändigsten und schönsten Kostüme und die eindrucksvollsten Umzüge.
    GLG

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