s’Esgleieta-Sunchales, one way

Von einem Zungenbrecher-Ort zum andern zog vor ein paar Jahrzehnten ein heute alter Mallorquiner.

Er ist der erste, von dem ich weiß, dass er in s’Esgleieta geboren und aufgewachsen ist. «Das Kirchlein» ist eine Handvoll Häuser, an der Landstraße von Palma nach Valldemossa. Es ist ein «Llogaret», ein Örtchen. Spekulationen in meinem Bekanntenkreis zufolge ist es entstanden, weil dort A eine Kapelle und B ein Wirtshaus in Quijotes Sinn stehen: Wanderer, Pilger, Händler und Gesinde auf dem Weg vom Einsiedlerhof in die Stadt konnten dort Rast machen. Die Strecken waren ja damals viel länger, also das Tempo langsamer. Ein Privatsekretär vom Erzherzog, ein junger Mann aus Böhmen, soll vor rund 130 Jahren auf eben jenem Weg vom Hitzschlag niedergestreckt worden sein. Er stand in Valldemossa in Dienst, hatte aber eine Liebschaft in Palma. Den Weg musste er zu Fuß zurücklegen (heute mit dem Auto: 30 min.).

Vielleicht hat er die Schänke übersehen. So wie ich. Noch nie war ich in s’Esgleieta, obwohl ich schon oft daran vorbei gefahren bin.

Dass man das Nest  verlässt, ist klar. Aber muss es gleich Sunchales sein? Für lateinamerikanische Verhältnisse ist Mallorca ja ein Olivenkern. Angesichts der bekannten Heimatliebe der Bewohner muss die Not des Auswanderers groß gewesen sein. («Würde ich die Insel verlassen, hätte ich Angst, verloren zu gehen», sagte mir einmal ein junger Musiker) .

Seine neue Heimat liegt zwischen Rosario und Córdoba, mitten in Argentinien. Agrarland ohne Ende, Fußballclub, aufstrebend. In Sunchales hat er geheiratet, zwei Kinder und zwei Enkelinnen bekommen.

Eine davon ist zurückgekehrt auf die Insel ihres Großvaters und hat sich hier in den Sohn meines Nachbarn verliebt. Die beiden haben geheiratet und sind nach Argentinien gezogen, nach Sunchales, genau. Jetzt leben dort schon zwei Mallorquiner. Wobei der jüngere kein richtiger ist: Sein Vater ist Holländer, und der hat mir neulich die Geschichte erzählt. «Stellt euch vor, der Vater meines neuen Schwiegervaters ist aus s’Esgleieta», erzählte er uns auf dem Dorfplatz, neun Kilometer vom «Llogaret» entfernt.

Wir haben nichts verstanden. Wie? Wer? Was?

Die Wanderbewegung zwischen zwei Kontinenten und drei Generationen konnten wir erst nachvollziehen, als uns der Holländer Fotos von der Taufe seiner Enkelin in Sunchales gezeigt hat. Deren Urgroßvater schaut aus, als käme er gerade von der Johannisbrot-Ernte zurück. Da haben wir es plötzlich verstanden, wer wann wohin gezogen ist.

Der Auswanderer hat seine Insel nie verlassen. Die aufgekrempelten Hemdsärmel, die breiten Hände, der Hinterkopf…aus s’Esgleieta eben.

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