Kittelsen in Bilbao

Kittelsen ist nie geflogen, dafür ist er zu früh geboren, 1857, aber beim Landeflug auf Bilbao denke ich an Halvor, den armen Jungen, der sich nach einem Schiffbruch an Land rettet und später das magische Schloss Soria Moria findet. Er kämpft darin gegen drei-, sechs- und neunköpfige Trolle und heiratet am Ende eine Prinzessin. Das Märchen ist Teil einer Sammlung, zusammengestellt von den norwegischen Brüdern Grimm.

Kittelsen hat ein Bild von Halvor gemalt, wie er mit Rucksack und Wanderstab auf eine nebelige Berglandschaft hinabblickt. Der Junge steht im Vordergrund, rücklings zum Betrachter, am Horizont ist ein schmaler Streifen Sonne zu sehen, deren Licht das Nebelland noch nicht berührt hat.

Verschwimmende Bergketten in dunklen Tönen, dazwischen Nebelfetzen, habe ich heute früh unter mir gesehen – das Baskenland. Für mich symbolisierte es nicht die Herausforderungen einer ungewissen Zukunft, für mich war es Zwischenstopp auf dem Weg nach Kantabrien. Eine einstündige Busfahrt von Bilbao in das Örtchen Laredo wartete nach der Landung auf mich. Der Flughafen von Santiago Calatrava – der gerade wegen Verdachts auf Rechtsbruch im Zusammenhang mit einem verworfenen Bauvorhaben in Palma verdächtigt wird –, überrascht mich positiv. Als wir im Zubringerbus zur Stadt daran vorbeifahren fällt mir auf, wie klein er ist: Trotz allem, trotz Guggenheim, ETA und Industrie-Adel, ist Bilbao eine Provinzstadt. Während ich auf den Bus nach Laredo warte, esse ich in einer Bar zwei frittierte Tortilla- und Paprika-mit-Thunfisch-Pintxos zu einem kleinen Bier und erlebe das nachwachsende Bürgertum mit, wie es mit Kindern und Zeitung den Sonntagvormittag verbringt. Dieses zelebrierte Nichtstun, diese inszenierte Langeweile ist eine ranzige Angewohnheit, die mich an Spanien schon immer gestört hat. Man macht sich fein für nichts, die Kinder werden in juckende Strumpfhosen und harte Lackschuhe gesteckt und mit Chipstüten und PlastikGimmicks aus Kinderzeitschriften still gehalten, während die Eltern sich am Tisch anschweigen oder Zeitung lesen. Das ist für mich franquistisch, patriarchalisch, angeberisch, dieses zur Schau stellen des wochentags erarbeiteten Wohlstandes. Früher hängte man dieses Ritual an den Kirchgang, dafür haben Spaniens Städte ihre Ramblas gebaut, Flaniermeilen fürs gelangweilte Bürgertum.

Der Überlandbus kommt. Ich steige ein. Die Erde zwischen Bilbao und Laredo ist grün und entschädigt mich für die drögen Stunden in der baskischen Stadt. Gras leuchtet zwischen kahlen Laubbäumen, hier ist es beinahe richtig Winter, denke ich, und sehe Mallorcas blühende Mandelbäume zwischen immergrünen Johannisbrotbäumen vor mir. “Spanien ist kein mediterranes Land” habe ich einmal vor vielen Jahren einem englischen Musikkritiker in einer Flamenco-Bar in Madrid gesagt, zu später Stunde. Ihm blieb der Mund offen stehen. Er nahm mich generell nicht besonders ernst und zweifelte wohl nach diesem Satz endgültig an meiner Intelligenz, aber immerhin machte er sich die Mühe, ihn mit mir zu diskutieren, ohne große Ergebnisse.

Ich hatte dabei an diese, an die obere Hälfte des Landes gedacht, an seine Stirn und Schädeldecke, an das offen atlantische Galicien, an Asturien, Kantabrien, das Baskenland, an den Golf von Biskaya, diesen gezähmten Atlantik, der Spanien permanent den Kopf wäscht. Oliven wachsen dort nicht, es grasen keine Schafe. Ist allein die Tatsache, dass im Winter der Boden nicht zufriert schon Grund genug, eine Region im Süden Europas als mediterran zu bezeichnen? Die Häuser haben hier schräge Ziegeldächer, Kühe stehen auf Weiden, das Meer braust an die Kanten des Landes, das für Strände oft zu gierig ist und sich direkt im Meer festbeißt, mit gebleckten Zähnen. Überall sind Industrieanlagen, auch an den Gestaden des Golfes, errichtet in Zeiten, als das Meer nur als Transportmedium gesehen wurde und der Begriff Freizeit noch nicht erfunden war. Im Vorbeifahren lese ich zweisprachige Schilder, was für eine Aufwand. Das Baskische wird immer dann unverständlich, wenn es sich um Wörter aus vorindustriellen Zeiten handelt. Alles, was sich danach ins Vokabular gedrängt hat, ist aus dem Spanischen übernommen und baskisiert, mit einer Endung, die auf jeden Fall ein k und fast immer einen Doppelvokal enthält.

Bald merke ich, dass die Wörter nicht mehr auf -oku, -iak oder -eku enden. Alle Ausschilderungen fließen einsprachig durch meine Augen. Es fällt mir erst auf, als ich in Laredo aus dem Bus steige und mich wundere, wie klein das Baskenland ist und wie viel politischen Lärm es macht. Ich warte wieder, auf den Stadtbus nach Berria, wo ein landesweit berühmter Strand und ein ebensolches Gefängnis warten. 600 Lebenswege verlaufen dort und ich bin gespannt, mit welchen sich meiner morgen kreuzen wird.

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