NZZ am Sonntag

Eine Stimme für Spaniens Provinz

Tomás Guitarte. Foto: Eco de Teruel

Tomás Guitarte sichert der Regierung die Mehrheit und fordert dafür Hilfe für die verödete Peripherie

NZZ am Sonntag, 2.2.2020 · Die spanische Provinz Teruel liegt östlich von Madrid zwischen Valencia und Saragossa. Sie ist gebirgig, bedeckt von Wäldern und ausgedehnten Wüsten. Neun Menschen leben hier pro Quadratkilometer. «40 Prozent von ihnen haben keinen Handyempfang», erzählt Tomás Guitarte am Telefon in einer Kneipe in der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Im Hintergrund sind Kinder zu hören, ab und zu dampft die Kaffeemaschine.

Die Wählervereinigung Teruel Existe, für die der 59-jährige Architekt und Familienvater am Montag ins spanische Parlament einziehen wird, hat kein Lokal. Weil er derzeit viele Interviews geben muss, hat er kurzerhand das Hinterzimmer der Kneipe zum Büro erklärt. Die Verbindung ist mässig.

Das wird sich nächste Woche ändern, denn dann hat Guitarte ein Büro im Kongressgebäude in Madrid. Dort will er eine Arbeit fortsetzen, die er vor zwanzig Jahren begonnen hat. Guitarte will für Gerechtigkeit kämpfen, für das «territoriale Gleichgewicht», das in der spanischen Verfassung garantiert ist, aber nicht existiert.

In seinen Regionen hat Spanien nicht nur das Problem der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Auch die Landflucht ist eklatant und betrifft vor allem das Landesinnere: Auf knapp 70 Prozent der Fläche leben nur 10 Prozent der Bevölkerung. Deshalb will Guitarte nicht nur seine 20 000 Wähler vertreten, sondern alle Spanier, die in den dünn besiedelten Landesteilen leben.

124 ähnliche Gruppierungen aus 22 Provinzen haben sich hinter ihn gestellt. Sie plagen alle dieselben Probleme: langsame Internetverbindung, Löcher im Handynetz, schlechte Strassen, lange Wege ins Spital oder in die Schule, Perspektivenlosigkeit, Abwanderung, Überalterung. In der Provinz Teruel, die 15 000 Quadratkilometer gross ist – gut ein Drittel der Fläche der Schweiz –, ist die Einwohnerzahl in 100 Jahren von 250 000 auf 135 000 geschrumpft.

Günstiger Moment

Guitarte hat die meiste Zeit seines Lebens in Valencia gearbeitet, wo er mit öffentlichen Bauaufträgen gut lebte. Aber die Lage in seiner Heimat machte ihm Sorgen. Deshalb gründete er 1999 die Bürgerbewegung Teruel Existe mit. Die Mitglieder kommen einmal die Woche zusammen. «Wir haben Staatssekretäre, Minister, Präsidenten getroffen. 2001 waren wir sogar in Brüssel, aber nichts hat sich geändert», sagt Guitarte.

Doch jetzt scheint der Moment gekommen zu sein: Regierungschef Pedro Sánchez hat eine «Vizepräsidentin für demografische Herausforderung» ernannt und angeboten, einen Pakt zu erarbeiten, der das Problem «jenseits aller Ideologien» für die kommenden dreissig Jahre ins Zentrum politischer Entscheidungen stellen und eine solide Finanzierung garantieren soll.

Der Pakt war die Bedingung dafür, dass Guitarte Sánchez seine Stimme gab. Und diese eine Stimme war ausschlaggebend bei der knapp gelungenen Wahl des Sozialisten am 7. Januar zum Regierungschef. Entsprechend war vor der Wahl der Druck auf Guitarte gross. Er bekam Tausende anonyme Nachrichten mit der Drohung, nicht für Sánchez zu stimmen. Er bekam einen Leibwächter und tauchte unter.

Guitarte hat das erstaunt, denn seine Bewegung sei ideologisch keinem Lager zuzuordnen. Teruel Existe war die meistgewählte Gruppierung in seiner Provinz, weil die Menschen einen grossen Politiküberdruss spürten. Nach Jahren der Minderheits- und Übergangsregierungen in Madrid waren monatelange Regierungsverhandlungen gescheitert und Neuwahlen im Dezember notwendig geworden.

«Wir haben mit Pragmatismus überzeugt. Wir fordern Dinge, die alle angehen», sagt Guitarte: bessere Zuganbindungen, Schnellstrassen, ein Glasfasernetz und Handyempfang zum Beispiel.

Wenig für hohe Steuern

Aber nicht nur das. Es geht auch um Gerechtigkeit. Guitarte fragt sich etwa, warum Spanier in einer menschenleeren Region genauso hohe Steuern bezahlen wie in einer Grossstadt, aber nur einen Bruchteil der öffentlichen Dienstleistungen haben. Oder warum die leeren Regionen von Europa keine Steuererleichterungen bekommen, so wie die Kanaren oder die Azoren etwa, die für ihre äusserste Randlage entschädigt werden. «Wir sind genauso abgehängt», findet er.

Guitarte würde nicht zuletzt gerne wissen, warum bisher noch kein Entscheidungsträger die wahre Bedeutung des entleerten Spanien erkannt hat, wie er das nennt. Es liefere ja das, was die Städte zum Funktionieren brauchten: Sauerstoff, Wasser, Rohstoffe, Nahrung. «Ohne uns würde hier gar nichts gehen», sagt Guitarte mit Stolz in der Stimme. Ab Anfang Februar will er das den anderen Parlamentariern klarmachen.

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