Süddeutsche Zeitung

Wanderstiefel statt Liegestühle

Der Dünenstrand von Maspalomas: Foto: Grancanaria.com

Immer weniger Deutsche reisen nach Gran Canaria. Inselpräsident Antonio Morales will die Zahl der All-inclusive-Touristen ohnehin senken – und Urlauber mit nachhaltigeren Angeboten anlocken.

Süddeutsche Zeitung, 12.2.2020 · Auch auf Gran Canaria gibt es den Winterblues. Er befällt dieses Jahr manche Einheimische, denen die Touristen abhanden gekommen sind. „Ich höre überall Gejammer“, sagt die Journalistin Julija Major. „Taxifahrer, Restaurant- und Boutiquenbesitzer haben noch immer hohe Einbußen, die Saison hat sehr spät angefangen.“ Major lebt seit 13 Jahren im Süden der Insel, im Ferienort Maspalomas. Sie gibt die deutschsprachige Wochenzeitschrift Viva Canarias heraus und publiziert regelmäßig Nachrichten aus der Tourismusbranche.

Die drittgrößte kanarische Insel ist neben Fuerteventura die Lieblingsinsel der Deutschen auf den Kanaren. Eineinhalb Millionen Deutsche verbrachten 2019 auf Gran Canaria ihren Urlaub, knapp zwölf Prozent weniger als 2018. Besonders niedrig war die Auslastung der Hotels nach der Pleite des Veranstalters Thomas Cook im September. Zum Konzern gehörte auch der von deutschen Urlaubern viel genutzte Reiseveranstalter Neckermann. Im Oktober waren im Vergleich zum Vorjahr plötzlich 30 Prozent weniger Deutsche auf der Insel.

Die Insolvenz des internationalen Tourismusunternehmens traf die Kanarischen Inseln kurz vor Beginn der Hauptsaison, die von Oktober bis April dauert. Zudem stellte Ryanair aus Kostengründen seine Flugverbindungen zu den Kanaren ein. Im Jahresdurchschnitt empfingen die Inseln insgesamt zwar gut 15 Millionen Touristen, das waren aber 400 000 weniger als 2018, wie das kanarische Tourismusministerium Mitte Januar bekannt gab. Besonders augenfällig ist der Rückgang bei den deutschen Urlaubern: 14,3 Prozent weniger als im Vorjahr, während bei den Briten, der größten Urlaubergruppe, nur 1,5 Prozent weniger kamen. An Thomas Cook allein kann es also nicht liegen. Denn schon vor dem „Katastrophenmonat September“, so Major, blieben die Deutschen aus.

Die kanarische Tourismusbehörde hat mehrere Ursachen ermittelt. Ein wichtiger Grund sei die Konkurrenz anderer, günstigerer Winterdestinationen in Nordafrika und vor allem in der Türkei. Dazu komme die unstabile Flugbranche. Bevor Thomas Cook im September pleiteging, hatte im Februar die Fluggesellschaft Germania Insolvenz angemeldet. Das hat deutsche Urlauber verunsichert. Dazu sind Deutschlands Flughäfen teilweise überlastet, was Verspätungen und andere Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Viele Deutsche machen außerdem gerne im eigenen Land Urlaub. Der Präsident der Kanarischen Inseln, Ángel Víctor Torres Pérez, stellte auf einer Tourismusmesse im Januar in Madrid eine Erhöhung der Flugkapazitäten in Aussicht. Die Fluglinien Vueling, Easyjet und Tuifly werden demnach im Sommer 2020 ihr Angebot vergrößern; damit komme man auf insgesamt 1,6 Millionen Flugsitze aus Deutschland.

Zuletzt äußerten sich Branchenexperten auch kritisch zur Preispolitik der Hoteliers auf den Kanaren. Als die Urlauber Nordafrika und die Türkei mieden, hätten es die Gastgeber auf den Inseln übertrieben und die Preise zu hoch angesetzt, zumal viele Hotels in die Jahre gekommen und renovierungsbedürftig seien. Julija Major hält den Besucherrückgang einfach für zyklisch. „Das musste irgendwann kommen, schließlich haben sich die Besucherzahlen auf den Kanaren in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt, von knapp acht Millionen auf 15 Millionen.“

Auch Antonio Morales, Präsident der Inselregierung Cabildo de Gran Canaria, überrascht der Knick nicht. Er scheint ihn sogar zu begrüßen. „Der Boom war untragbar“, sagt der Kunsthistoriker, der seit 1987 Einfluss nimmt auf Gran Canaria, als Gründungsmitglied der linksnationalistischen Wählergemeinschaft Roque Aguayro, die mittlerweile eine Partei ist. Zunächst war er Aktivist für erneuerbare Energien und mehr Demokratie, dann war er jahrzehntelang Bürgermeister der Gemeinde Agüimes, wo auf dem Dach einer Kaffeerösterei seit 2011 das größte Solarkraftwerk der Insel läuft. Seit 2015 treibt er als Inselpräsident die Wende zur nachhaltigen Insel voran.

Der Besucherrückgang ist für Morales ein Argument, um Gran Canarias Tourismusmodell zu verändern. „Weniger Liegestühle, mehr Wanderstiefel“, nennt er sein Ziel. Die Inselregierung will die Zahl der All-inclusive-Touristen senken, dafür mehr Hobby- und Profisportler ansprechen. Mittlerweile richtet sie Großveranstaltungen mit bis zu 4000 Teilnehmern aus 40 Ländern aus, für Bergläufer oder Radfahrer. Und sie fördert Landhaustourismus im Inselinneren für Individualtouristen, denn Gran Canaria will sich aus der Abhängigkeit von großen Reiseveranstaltern lösen und die Insulaner direkter am Tourismusgeschäft beteiligen. Das passt zum Profil der Zielgruppe der Millennials, also jener Menschen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren geboren wurden. Viele buchen alles selbst, wollen am Urlaubsort in Kontakt mit Einheimischen kommen und meiden Orte, die nach Overtourismus riechen – Strandhotels im Süden von Gran Canaria zum Beispiel.

Für einen All-inclusive-Strandurlaub ist die Insel tatsächlich zu schade. 850 000 Menschen leben hier, die Hälfte davon in der Hauptstadt Las Palmas an der Nordostküste. Das Erscheinungsbild der runden Insel ist so vielfältig, dass sie auch als „Minikontinent“ bezeichnet wird. Rund die Hälfte der Fläche ist geschützt. In der Mitte erhebt sich auf fast 2000 Meter ein Gebirgsmassiv, dessen Flanken verschiedene Klima- und Vegetationszonen bieten, je nach Himmelsrichtung und Höhe. Oben wachsen die typisch kanarischen Kiefern und Lorbeerbäume, weiter unten, auf trockenem, steinigem Gelände, gedeihen endemische Wolfsmilcharten und Sukkulenten sowie die einheimischen Drachenbäume. Die Küsten sind mal von Dünen, mal von dunklem Lavagestein bedeckt, schroffe Felsen wechseln sich ab mit lang gezogenen Sandstränden.

Und Gran Canaria ist eine der grünsten Inseln des Archipels. Seit den Fünfzigerjahren wird der von den spanischen Kolonisatoren ab dem 15. Jahrhundert systematisch abgeholzte Wald wieder aufgeforstet. Seit dem Antritt der Regierung Morales im Jahr 2015 geht das zügiger voran: Von jedem getankten Liter Benzin geht ein Cent in Aufforstungsprogramme. 150 000 Bäume werden seitdem jährlich gepflanzt – zurzeit besonders dort, wo der Wald im vergangenen August abgebrannt ist.

Gran Canaria will zudem als erste Insel der Kanaren seine Energie selber erzeugen. „Unsere Randlage in Europa und das sonnige Klima prädestinieren uns dafür“, sagt Morales. 21 Gemeinden haben einen Pakt zur Verminderung ihres CO₂-Ausstoßes unterzeichnet, die Inselregierung fördert Stromerzeugung für den Eigenverbrauch, klimaschonendes Bauen und Kreislaufwirtschaft, und sie strebt Lebensmittelsouveränität an, weswegen auch der Landbau subventioniert wird.

Auch andere Inseln wie El Hierro streben nach Nachhaltigkeit. „Dort fehlt allerdings der echte politische Wille“, sagt Umweltexperte Ezequiel Navío. Er hat für mehrere kanarische Inseln Strategiepläne zum Klimawandel erarbeitet und ist Berater der Inselregierung auf Gran Canaria. „Antonio Morales ist der Erste, der es ernst meint“, sagt der 55-jährige Experte, der jahrelang das WWF-Büro auf den Kanaren geleitet hat. Trotzdem sei der Weg noch lang, denn er führe nur ans Ziel, wenn die Bevölkerung ihr Wertesystem überdenke. „Bis jetzt war die Natur immer der Wirtschaft, also dem Tourismus, untergeordnet“, sagt Navío. Dazu kommen eine schwerfällige Verwaltung und die überlastete Justiz. Die Kanaren haben zum Beispiel viele Schutzgebiete, aber bewacht werden sie kaum. „Wenn wir politische Beschlüsse umsetzen wollen, brauchen wir Reformen.“

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