Süddeutsche Zeitung

Die vergessene Insel

La Graciosa neben Lanzarote gehört erst seit einem Jahr offiziell zu den Kanaren. Damit soll auf dem Eiland das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bewahrt werden – es droht zu kippen.

La Graciosa kann man sich nur in einem kleinen Ausflugsschiff nähern. Es legt mehrmals täglich im Norden der Nachbarinsel Lanzarote ab. Die Fahrt dauert keine halbe Stunde. Schon nach wenigen Minuten taucht die kleine, flache Insel am Horizont auf. Seit elf Millionen Jahren ruht sie im Südatlantik. Der ewige Wind hat sie stark erodiert. Nur 266 Meter misst die höchste Erhebung. Die graubraunen, kargen Hügel wirken wie schlafende Elefanten.

Dann wird der einzige ständig bewohnte Ort der Insel sichtbar: Caleta de Sebo. Er ist eine kleine, an der Küste lang gezogene Ansammlung von weißen, niedrigen Häusern. Zwischen den beiden Ortsenden liegen eineinhalb Kilometer, vom Hafen zur hintersten Häuserreihe sind es 300 Meter. Dahinter beginnt unberührtes, steiniges Gelände, bewachsen von graugrünen Sukkulenten und Dornenbüschen, durchkreuzt von ein paar Wegen und Pisten. Zu Fuß braucht man eine knappe Stunde, um an der gegenüberliegenden Küste anzukommen.

So übersichtlich La Graciosa ist, so chaotisch sind die Zustände dort. Denn als die Kanaren 1982 ihr erstes Autonomiestatut verfassten, haben sie die Insel vergessen. In dem Regelwerk ist nur die Rede von den sieben bewohnten Inseln, Teneriffa, Fuerteventura, Gran Canaria, Lanzarote, La Palma, La Gomera und El Hierro, sowie von diversen unbewohnten Inseln, zu denen stillschweigend La Graciosa gezählt wurde. Dabei leben dort Menschen, seit rund 140 Jahren. Es sind fast 700.

Fünf Jahre lang haben die Gracioseros für mehr Eigenverwaltung und Aufmerksamkeit gekämpft. 11 000 Unterschriften haben sie gesammelt, bei sich zu Hause und auf den restlichen Inseln. Im November 2018 konnten sie dann einen ersten wichtigen Erfolg feiern. Das Autonomiestatut wurde geändert, jetzt ist La Graciosa als achte bewohnte Insel erwähnt. „Es war eine kleine Revolution“, sagt Miguel Páez, der Initiator, „wir wussten ja nicht, wie es ausgehen würde.“

Miguel Páez setzte sich für die Anerkennung als achte bewohnte Insel der Kanaren ein.
Miguel Páez begann 2013 damit, Unterschriften für die Anerkennung als achte bewohnte Insel zu sammeln. 11.000 Menschen haben unterschrieben, genug, um den Antrag im Regionalparlament der Kanaren einzureichen. Vor einem Jahr wurde dann das Gesetzeswerk der Kanaren geändert. Nun ist La Graciosa namentlich erwähnt.
Foto: Brigitte Kramer

Páez erzählt die Geschichte vom Aufstand der Insulaner in seinem kleinen Laden im Ort, wo er Souvenirs verkauft und Räder verleiht. In Caleta de Sebo spielt sich das Leben ab. Im Osten der Insel liegt noch die kleine Feriensiedlung Pedro Barba, die aber nur im Sommer zum Leben erwacht. Dort gibt es nichts außer ein paar hübschen, niedrigen Häusern mit Kakteengärten und einer ummauerten, geschützten Badebucht. Páez setzt sich für die nur 29 Quadratkilometer große Insel ein.

Und sie ist doch bewohnt!

Er streut Nachrichten aus La Graciosa in den sozialen Netzwerken, organisiert Treffen mit Entscheidungsträgern, hat die Unterschriftensammlung zur Anerkennung als bewohnte Insel vorangetrieben. „Wir hatten ein emotionales, pragmatisches, juristisches und politisches Anliegen“, sagt er.

La Graciosa liegt direkt neben Lanzarote.
Endlich sind die Gracioseros anerkannt: Seit 140 Jahren etwa ist die Insel bewohnt, bislang galt sie im Autonomiestatut der Kanaren als unbewohnt. Die Insel liegt direkt neben Lanzarote: Hier sieht man von einer Dachterrasse aus die steile Nordküste der großen Nachbarinsel. Foto: Brigitte Kramer

Politisch bedeutet die Anerkennung eine Menge, denn wo Menschen leben, gibt es Bedürfnisse zu befriedigen und Probleme zu lösen: Grundversorgung, Wohnraum, Bildung, Müllwirtschaft, Umweltschutz, Sicherheit. All das haben die Gracioseros bislang unter sich gelöst, mehr oder weniger legal. Oft wussten sie gar nicht, was verboten und was erlaubt war.

Caleta de Sebo gehört zur Gemeinde Teguise, im Inselinneren der Nachbarinsel Lanzarote. Das Meer liegt dazwischen, und die Behördengänge sind hier besonders lang. „Wir haben ein Recht auf Infrastruktur, Investitionen, Mitsprache und Regulierung der ganzen Situation hier“, sagt Páez mit kräftiger Stimme. Er ist Schauspieler und Sozialarbeiter und er ist ein Kämpfer. „Zumindest tauchen wir schon mal im Wetterbericht auf“, sagt er grinsend.

Die Erwähnung im Statut der Kanaren sei auch eine Anerkennung für die Mühen der Vorfahren, sagt der 46-Jährige. Er gehört zur fünften Generation, mittlerweile gibt es die Gracioseros schon in siebter Generation. Früher lebte man von dem, was die Männer fischten und die Frauen für den Fisch auf Lanzarote eintauschten. Dafür mussten sie, beladen mit frischem Fisch, die 600 Meter hohe Steilküste im Norden Lanzarotes hinaufsteigen.

Sie ragt wie eine Wand in den Himmel und ist die nächstgelegene Küste Lanzarotes. Dazu aßen sie das, was die trockenen, steinigen Felder abwarfen, vor allem Gerste. „Wir waren hier immer arm“, sagt Páez, und trotzdem habe er auf La Graciosa „eine sehr glückliche Kindheit“ verbracht.

Er gehört zu jenem knappen Dutzend Familien, deren Vorfahren in den 1880er-Jahren von Lanzarote nach La Graciosa ausgewandert sind, um vom Fischreichtum dort zu leben. Ihre Flotte fuhr bis vor die Küste der Sahara. Páez zählt die Familien aus dem Stegreif auf: „Die Romeros, die Toledos, die Morales, die Betancorts, die Páez … Wir kennen uns alle.“

Traum vom eigenen Rathaus

Und die namentliche Erwähnung in der Regionalverfassung zeichnet auch die Bereitschaft der heutigen Insulaner aus, sich auf die neuen Lebensbedingungen einzustellen. Die sind heute nicht mehr vom Fischfang, sondern vom Tourismus geprägt. Auf La Graciosa kann man Rad fahren, wandern, eine Jeep-Safari buchen, sich an den Strand legen, angeln, tauchen oder einfach nur im Café am Hafen sitzen und dem Treiben zusehen.

Ein Jahr nach dem Erfolg gibt es erste politische Resultate: Die Regionalregierung hat einen Ombudsmann auf die Insel geschickt, der einen direkten Draht herstellen soll. Demnächst soll Caleta de Sebo als eigener Ortsteil von Teguise anerkannt werden, mit Budget und Ortsvorsteher. „Vielleicht bekommen wir mal ein eigenes Rathaus“, sagt Miguel Páez, „aber wir wollen nichts überstürzen.“

Und der Ort soll ein Polizeikommissariat bekommen, denn die Zeiten, in denen man hier bei offener Haustür schlafen konnte, sind vorbei. Der Aufruhr um den Status als achte Insel hat auch viele Touristen und auswärtige Saisonarbeiter gebracht.

Rostige Autos und Sperrmüll müssten per Schiff nach Lanzarote gebracht werden. Das ist aber teuer.
Weil es jahrzehntelang offiziell keine Menschen auf La Graciosa gab, werden bis heute viele Probleme der Insulaner gar nicht oder nur schleppend gelöst. Zur Müllentsorgung fehlen Infrastruktur und Geld: Sperrmüll und Bauschutt häufen sich zwischen den Häusern oder am Ortsrand. Foto: Brigitte Kramer

Und die Einheimischen wollen das Auto-Problem lösen. 300 Geländewagen fahren auf der kleinen Insel herum, dabei gibt es keine Asphaltstraßen, Tankstellen oder Werkstätten. Und sie wollen endlich klären, wie sie mit ihrer Insel umzugehen haben: La Graciosa ist Naturpark, hat ein Meeresschutzreservat, ist Biosphärenreservat, gehört zum Natura-2000-Netz der EU und ist Vogelschutzgebiet. Die flachen Küsten sind gesäumt von hellem, feinen Sand, groben, dunklen Lavabrocken oder flachen Felsen. Sturmtaucher und Fischadler, Eleonorenfalken und Schmutzgeier leben dort und auf den umliegenden Inselchen.

Abwasser strömt ins Meer

Die Anerkennung als bewohnte Insel soll es nun erleichtern, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur zu halten. Es steht auf der Kippe. Abwasser fließt ungeklärt ins Meer, allenthalben sieht man Sperrmüll, rostige Autos und Bauschutt herumliegen. Und die Abhängigkeit von Lanzarote ist total. In einem Naturpark darf keine Landwirtschaft betrieben werden, andererseits stellen sich viele Einheimische die Frage, ob das überhaupt sinnvoll wäre auf einer Insel, auf der es kaum regnet. Nicht umsonst war La Graciosa bis Ende des 19. Jahrhunderts unbewohnt.

„Einmalig, diese Stille“

Genau das suchen die Besucher der Insel. Viele von ihnen leben auf einer anderen kanarischen Insel. So wie die Freundesgruppe aus Gran Canaria, die an diesem Herbsttag von Bord geht. Die Männer haben Angeln dabei und wollen sich ein paar Tage lang von der stressigen Sommersaison erholen. „Die Stille von La Graciosa ist einmalig“, sagt einer der Männer namens Ramón, „so etwas findet man bei uns nicht mehr.“

La Graciosa ist elf Millionen Jahre alt und stark erodiert.
La Graciosa gilt als die „neue“, die achte Insel der Kanaren. Dabei ist sie uralt. Seit rund elf Millionen Jahren ruht sie im Südatlantik. Ihre drei Vulkankegel sind vom ewigen Wind abgeschliffen. Die höchste Erhebung misst 266 Meter. Die 29 Quadratkilometer kleine Insel und das Meer um sie herum stehen mehrfach unter Schutz. Foto: Brigitte Kramer

Irgendwann werden die Kanaren übrigens noch einmal das Autonomiestatut überarbeiten müssen. Vor der Südküste von El Hierro entsteht tatsächlich eine neue Insel. Dort ist im Sommer 2011 ein unterseeischer Vulkan aktiv geworden.

Die Insel hat gezittert, das Wasser gesprudelt, und binnen weniger Tage hat sich Lavamasse 300 Meter hoch aufgetürmt. Sie ragt noch nicht aus dem Meer – 80 Meter fehlen bis zur Wasseroberfläche. Doch irgendwann wird die neue Insel geboren werden. Sie hat auch schon einen Namen: Tagoro.

https://www.sueddeutsche.de/reise/la-graciosa-kanarische-inseln-spanien-1.4708179-0#seite-2

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