Mallorcas ruhige Ecke

Die Saline von Es Trenc gehört seit Juni vergangenen Jahres zu einem Naturschutzgebiet. Hier, an der Südküste der Insel, finden sich von September bis April auch Flamingos.

Foto: Maties Rebassa
Foto: Maties Rebassa

Süddeutsche Zeitung, 3.1.2018 Flamingos sind ungewöhnliche Tiere. Sie knicken ihre Beine nach hinten ab, öffnen den Schnabel nach unten, und wenn sie fliegen, bildet ihr langer Körper eine schnurgerade Linie, parallel zum Horizont. Zu dieser Erkenntnis gelangt, wer mit dem Ornithologen Miguel McMinn und der Vogelliebhaberin Sabine Bürk durch den Matsch vor Mallorcas Südküste stapft. Es ist Winter, der Nachmittag geht zur Neige, es nieselt leicht. Im Feuchtgebiet von Campos ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Dafür wimmelt es von Vögeln.

368 Arten haben Mallorcas Vogelbeobachter bislang auf der Insel gesichtet, im flachen, feuchten Süden, in den Tramuntana-Bergen oder in der ländlichen Inselmitte: Standvögel, Zugvögel und Wandervögel wie die Flamingos. Rosaflamingos (Phoenicopterus roseus) sind es, die kreuz und quer übers Mittelmeer ziehen und von September bis April vor allem an Mallorcas Südküste leben. In der Saline von Es Trenc und im Feuchtgebiet darum herum fressen sie sich satt. Zum Brüten im Sommer ziehen sie aber weg. Dabei hätte Mallorcas Tourismus- und Umweltbehörde die schönen Vögel gerne auch im Sommer auf der Insel. Sie könnten als neue Botschafter dienen, für eine Insel, die sich um mehr Nachhaltigkeit bemüht.

Vor 70 Jahren, als es noch kaum Touristen gab, hätten Flamingos das ganze Jahr über auf Mallorca gelebt, sagt McMinn. Dann seien sie verschwunden und in den 1990er-Jahren zurückgekehrt, auch weil sie sich anderswo im Mittelmeer ungestört vermehren können, in der Camargue oder in den andalusischen Feuchtgebieten Doñana und Laguna de Fuente de Piedra zum Beispiel. Sie stehen seit Jahrzehnten unter Schutz. Heute kommen die Flamingos zu Hunderten, aus Frankreich, vom spanischen Festland, aus Italien, aus der Türkei oder aus Nordafrika.

Das Biotop liegt direkt neben einem der schönsten Strände der Insel – mit viel Verkehr

Hier in den Salinen, geometrisch angelegten Wasserbecken, zeigen die Vögel den Besuchern: Auch eine von Menschen genutzte Natur kann eine gute Natur sein. “Es ist einfach schön zu beobachten, wie eine vom Menschen gestaltete Landschaft so vielen Vögeln eine Heimat bietet”, sagt Sabine Bürk, die Vogelführungen auf Deutsch anbietet. Umweltschützer haben im vergangenen Jahr erstmals künstliche Inseln angelegt, damit die Flamingos dort Nester bauen: kleine Kegel aus Schlamm, in die sie oben eine Mulde drücken, um dort ein Ei hineinzulegen. “Die Nester haben sie gebaut”, erzählt McMinn, “aber sie sind leer geblieben.” Kein Wunder, bei dem Aufruhr, den die Besucher des Naturstrandes Es Trenc verursachen. Er liegt direkt vor dem Feuchtgebiet, und die vielen Autos stören die Tiere.

Vor allem wegen der Vögel, aber auch wegen der landschaftlichen Schönheit hat die Regionalregierung im Juni 2017 einen Teil des Küstengebiets bei Campos unter Schutz gestellt. Die Mallorquiner hatten das seit 40 Jahren gefordert, mit Menschenketten und Unterschriftensammlungen. Die Bucht und ihr Hinterland gelten als Symbol des unberührten Mallorca, als einer der letzten Flecken, die vom Massentourismus verschont geblieben sind. Schon 1987 gab es Pläne, den Landstrich zu schützen, doch immer wieder wurden der Gemeinde Campos Projekte zum Bau von Hotels oder Poloplätzen vorgelegt. Massenproteste haben sie verhindert.

Flamingos sind den ganzen Winter über nur hier anzutreffen

Der neue Naturpark Es Trenc-Salobrar de Campos erstreckt sich über 2200 Hektar im Meer und 1 400 Hektar an Land. Er gehört zum europäischen Natura-2000-Netz und umfasst das gesamte Ökosystem der Küste. Im seichten Wasser wächst Seegras, die Posidoniawiesen filtern Schwebeteilchen und halten so das Wasser sauber. Ankern ist dort verboten. Auch der helle, weiche Sandstrand und die dahinter liegenden Dünen, wo viele Strandgewächse, Insekten und Echsen leben, ist geschützt. Am Strand darf man auch weiterhin liegen, nur soll es weniger Parkplätze und dafür Shuttle-Busse aus den umliegenden Gemeinden geben. Auch die Becken der Saline liegen im Naturpark. Die Anlage ist ein Biotop für 170 Vogelarten und eine alte Kulturlandschaft. Schon die Phönizier haben hier Salz abgebaut, noch heute werden 10 000 Tonnen Meersalz produziert. Schließlich umfasst der Park auch das Feuchtgebiet, das von den Kanälen der Saline durchzogen ist, sowie die umgebenden Kiefern- und Wacholderwälder, wo sich viele Vögel ernähren.

Miguel McMinn hält nicht viel davon, dass die Insel sich jetzt plötzlich als nachhaltig verkaufen will. Hier, rund 40 Kilometer vom Flughafen entfernt, wirke alles sehr idyllisch, sagt der 53-jährige Biologe. Aber am Flughafen sei der Konflikt mit der Natur deutlich spürbar, im Sommer starte und lande alle zwei Minuten eine Maschine. “Das neue Schutzgebiet ist viel zu klein und dient hauptsächlich der Image-Kosmetik”, sagt er. McMinn arbeitet am Flughafen, seit im September 2016 ein Mönchsgeier gegen eine Lufthansa-Maschine geprallt ist. Der tote Geier klebte am Cockpit, seine Krallen ragten in die Luft. Das symbolische Foto schadete Mallorcas Image, das ja aufpoliert werden soll. Jetzt muss McMinn dafür sorgen, dass so wenig Vögel wie möglich den Flugverkehr stören. Falken bringt er zum Einsatz, und er berät die Flughafengärtner bei der Bepflanzung der Grünanlagen. “Olivenbäume sind ganz schlecht”, sagt er, “dann kommen die Stare scharenweise zum Fressen.”

Kleine Krebse sind ihr Hauptfutter, sie leben vor allem in den Salinen der Südküste

Im Winter hat McMinn kaum Arbeit, denn es landen viel weniger Maschinen als im Sommer. Das bemerkt man auch im Sumpf von Campos. Kein Flugzeug zieht über den abendroten Himmel. Kein Auto ist zu hören, obwohl die Landstraße zum Strand direkt an dem Feuchtgebiet vorbeiführt. Jetzt kann man auf einem der sandigen Wege, die von der Landstraße abgehen, das Fernrohr aufbauen und in aller Ruhe den Flamingos zusehen, wie sie kopfunter mit ihrem großen Schnabel das Salzwasser filtern. Sie ernähren sich von Plankton und kleinen Salzkrebsen namens Artemia, die wie winzige Garnelen aussehen. Die Krebschen leben in seichtem, sehr salzigem Wasser. Sie ernähren sich von Mikroorganismen, die Carotinoide enthalten und dem Wasser einiger Salzbecken einen rosa Farbton verleihen. Denselben Farbton haben die Krebse und auch das Kleid der ausgewachsenen Flamingos. Der fettlösliche Farbstoff wandert nach der Verdauung in die Federn. Auch Stelzenläufer durchqueren das Feuchtgebiet. Und auch sie sind konzentriert bei der Futtersuche. Samtkopf-Grasmücken sitzen im Schilf und putzen sich, Seeregenpfeifer tauchen ihren kleinen, aufgeplusterten Körper immer wieder in Pfützen und spritzen dabei wild um sich. Sabine Bürk liebt diese Szenarien. Sie arbeitet in Palma und kommt, wann immer sie kann, zur Saline. “Wenn ich eine Weile die Vögel beobachtet habe”, sagt sie, “bin ich danach die Ruhe selbst.”

Plötzlich taucht eine Schar Greifvögel am Himmel auf. Die Grasmücken flüchten. “Rohrweihen”, sagt McMinn. Sie kommen im Sinkflug von der Inselmitte her und sammeln sich auf einer Reihe niedriger Tamarisken-Bäume, die den Sumpf von den Feldern abgrenzen. “Die kommen nur zum Schlafen”, sagt McMinn, “sonst treiben sie sich überall auf der Insel herum.” Ganz im Gegensatz zu den Flamingos, die den ganzen Winter über nur hier anzutreffen sind.
Ornithologische Führungen: Mallorca Natural Tours. Ein halber Tag kostet ab vier Personen 42 Euro pro Kopf und 55 Euro pro Person für Individualführungen. Deutschsprachige Führungen, www.mallorcanaturaltours.com, Tel.: 0034 / 629 37 63 49http://www.sueddeutsche.de/reise/naturpark-es-trenc-salobrar-de-campos-mallorcas-ruhige-ecke-1.3811081?reduced=true

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