Verblasste Blüten

Auf Mallorca sterben die Mandelbäume. Sie gelten seit Jahrzehnten als Symbole der Insel und ziehen immer im Februar Tausende Touristen an. Was nun?

Almendros en flor

Süddeutsche Zeitung, 1.2.2018 Deutet man die Landschaft als den Spiegel der menschlichen Seele, dann müssten auf Mallorca jetzt alle verzückt sein. Millionen Mandelbäume stehen Ende Januar, Anfang Februar in Blüte. In Weiß und Zartrosa verkünden sie das Ende des Winters. An den dunklen, rauen Ästen öffnen sich zuerst die Blüten. Sind sie verblüht, wachsen die Blätter.

Mit geradezu lasziver Üppigkeit überziehen die Blüten die Insel. Sie drängen in die Wahrnehmung, dominieren die Landschaft auf einer Fläche von 24 000 Hektar. Sie blühen auf den Plantagen in der ländlichen Inselmitte, im flachen Süden, an den Berghängen der Tramuntana. Weiße Schafe grasen unter den Bäumen. Einzelne, zufällig gewachsene Bäume blühen auch an unerwarteten Stellen, im Gewerbepark, an der Schnellstraße, neben einer Tankstelle. Überall scheinen sie zu sagen: “Vergiss nicht, das Leben ist wunderbar!”

Mallorcas erste Tourismus-Manager haben die Optimismus verbreitende Ausstrahlung der Bäume zu nutzen gewusst. Keine Sandstrände zierten damals die Werbeplakate, sondern blühende Mandelzweige. Nachgeholfen hatte das Fürstenpaar Gracia und Rainier von Monaco, das 1956 seine Flitterwochen auf der Insel verbrachte. Seit der 14. Februar als Tag der Verliebten vermarktet wird, gilt Mallorcas Mandelblüte als Sehnsuchtsort aller Romantiker.

Mittlerweile passt das nicht mehr ganz. Der Klimawandel bringt schon seit einigen Jahren den Biorhythmus vieler Bäume durcheinander. Sie bekommen die Blüten mal bereits im Dezember, mal erst Ende März. Viele Reiseveranstalter haben Angst vor Klagen der Kunden und bieten das Blüten-Paket deshalb nicht mehr an.

In diesem Jahr nun scheint aus dem Lustspiel ein Drama zu werden: Ein Großteil der Mandelbäume ist so krank, dass die Bäume womöglich absterben; sie sind mit dem Bakterium Xylella fastidiosa infiziert. Die Symptome wurden schon 2010 auf Mallorca entdeckt. Zunächst dachte man, die Bäume, deren Blattränder braun wurden und an denen ganze Äste abstarben, litten unter Trockenheit. Einige Bauern versuchten, ihre Bäume mit Tröpfchenbewässerung zu retten – vergebens. Und dann schlugen immer mehr Bäume gar nicht erst aus.

Marzipan und Mandelmilch sind gefragt – die Marktpreise ziehen neuerdings wieder an

Seit Ende 2016 wissen die Mallorquiner: Es ist das Feuerbakterium, das die Bäume absterben lässt. Der Erreger verhindert, dass Wasser von den Wurzeln zu den Blättern transportiert wird. Ist der Baum dadurch schon mal geschwächt, wird er zudem noch für andere Krankheiten anfällig. Auf Mallorca wird der Erreger hauptsächlich von der Wiesenschaumzikade übertragen; er befällt hier vor allem die Mandelbäume. Aber auch 17 andere Pflanzenarten sind betroffen: Lavendel, Oleander, Rosmarin, Wein, Obst-, Olivenbäume. Ein Heilmittel für befallene Pflanzen gibt es nicht. Einige Bauern versuchen, zumindest die Zikaden aus den Plantagen fernzuhalten, indem sie das Gras unter den Bäumen entfernen, von dem sich die Insekten ernähren. Seit bekannt ist, was Mallorcas Mandelbäumen zu schaffen macht, dürfen keine Pflanzen mehr ausgeführt werden. Jeder befallene Baum muss ausgerissen, alle Bäume im Umkreis von hundert Metern müssen zudem untersucht werden.

Diesen Winter erzählt die Landschaft erstmals vom Tod der Bäume. Der Blütenteppich hat Löcher. Viele Mandelbäume sind Ende Januar noch kahl. Noch weiß man nicht, ob sie nur zu den spät blühenden Sorten gehören – oder tatsächlich abgestorben sind. Das Mandelbaumsterben ist ein tief greifender Wandel für die Insel. Für viele Einheimische geht eine scheinbar heile Welt zu Bruch. Sie malen sich eine Insel aus, auf der es nur noch dunkle Äste gibt und die mit den weißen Blüten auch ihre Unschuld verliert. Die Zukunft der Insel stehe auf dem Spiel, sagt Francisca Parets. Trotzdem kann sie der Situation auch etwas Positives abgewinnen. Parets, die dem Genossenschaftsverband der Balearen vorsteht, schätzt, dass mindestens 40 Prozent aller Mandelbäume befallen sind. 13 der 28 Kooperativen verkaufen Mandeln. Die meisten produzieren aber auch anderes, Johannisbrot, Wein, Olivenöl, Lammfleisch. 

Wirtschaftlich ist die Mandel schon lange kein wichtiger Posten mehr in der Bilanz der Ferieninsel. Die Weltpreise waren bis vor Kurzem im Keller, denn die kalifornischen Mandelbauern, die produktivere Sorten in riesigen, bewässerten Plantagen anbauen, arbeiten viel effizienter. Sie beherrschen seit Jahren den Markt und kontrollieren die Preise. Viele Insulaner ließen deshalb ihre Bäume verkommen, die Ernte lohnte sich nicht. Doch nun geht Kalifornien das Wasser aus, und die Preise ziehen an. Zudem wächst die Nachfrage: Mandeln gelten als gesund, Mandelmilch ersetzt in vielen Haushalten die Kuhmilch, dazu kommen Süßspeisen wie Marzipan oder das spanische Weihnachtsgebäck Turrón.

Vielleicht wohnt dem Ende der alten, schwachen Bäume ein neuer Anfang inne. Die Bauern, so hofft zumindest Francisca Parets, könnten jetzt resistente Sorten pflanzen und endlich effizient produzieren. Der Verband experimentiert derzeit mit neuen Sorten, idealerweise sollten es heimische sein, denn von den kalifornischen wollen die Mallorquiner nichts wissen. Schließlich soll der Erreger in den 1990er-Jahren mit Bäumen aus den USA auf die Insel gelangt sein. Andere geben infizierten Zierpflanzen aus der Karibik die Schuld, die in Gartencentern verkauft wurden.

Rund 100 heimische Mandelarten gibt es. Sie haben schöne Namen: Bertina, Madre de Déu (Gottesmutter), Caragola (Schnecke) oder Corona (Krone). Nicht alle Früchte schmecken gut, viele Bäume wurden nur als Holzlieferanten gepflanzt, und die meisten sind gegen Xylella fastidiosa nicht resistent. Doch sie gehören zum Kollektivbewusstsein der Insulaner, wegen der Blüten im Winter, wegen der mühsamen Ernte und Verarbeitung im Herbst, wegen der handgerührten Mandeleiscreme im Sommer und wegen des fluffigen Mandelkuchens Gató, der ohne Mehl und mit viel Eischnee zubereitet wird. Deshalb legt die Behörde für Pflanzengesundheit gerade eine Saatgutbibliothek an, für die Ära nach dem Feuerbakterium.

Mandelbäume gelten auf der Insel als Relikte aus den guten alten Zeiten, als die Landwirtschaft noch etwas einbrachte, die Einheimischen unter sich lebten und “die Insel noch eine Insel war”, wie Mallorcas einziger Parfümeur Miguel Ángel Benito sagt. Er produziert seit 40 Jahren das Parfüm “Flor d’Ametler”, “Mandelblüte”. Entwickelt wurde es vor 80 Jahren von einem “vom Blütenduft berauschten Chemiker”, wie Benito erzählt. Vorbild waren die Großmütter des Chemikers, die sich ihr Rosen- und Lavendelwasser selbst destillierten.

Der Flakon hat einen etwas gestrigen Charme, das Parfüm riecht leicht süßlich. In jedem Fläschchen schwimmt eine echte, fünfblättrige Mandelblüte. “Ein handverlesener Liebesgruß”, sagt Benito. Er macht sich Sorgen um seine Bäume, einige sind schon abgestorben. Nun hofft er auf neue, duftende Sorten, die eine Biologin an der Balearen-Universität gerade erforscht, und die “um Gottes willen nicht alle auf einmal blühen sollen”. Denn dann würden er und seine Mitarbeiter mit dem Einlegen der Blüten in Alkohol nicht nachkommen.

 Das mit den guten alten Zeiten ist natürlich Verklärung. Die Bäume stehen erst seit rund 120 Jahren auf der Insel. Sie ersetzten die Weinstöcke, die Ende des 19. Jahrhunderts von der Reblaus zerstört wurden. Eduardo Moralejo betont diese Parallele. Für ihn ist der Kampf gegen das Feuerbakterium verloren. “Landschaft ist etwas Lebendiges, sie verändert sich”, sagt der Biologe und Experte für Pflanzenkrankheiten. Er geht durch den Mandelhain, den seine Frau von ihrem Vater geerbt hat. “Das hier wird alles verschwinden, sagt er mit ausladender Armbewegung. Er greift sich irgendeinen Ast eines der kahlen Bäume, bricht ihn ab. “Sehen Sie. Tot.”

Bei Miguel Ángel Benito dagegen beginnt die Blüte gerade. Jeden Morgen besucht der Parfümeur sein Grundstück am Stadtrand von Palma, um nicht den richtigen Moment zu verpassen. Die frisch gezupften Blüten kommen direkt in große, bauchige Glasflaschen, in denen sie bis zu fünf Jahre lang in einem Alkoholgemisch schwimmen. Er lagert sie in einem Bunker am Rand der Plantage. Benito sperrt eine rostige Eisentür auf, betritt den kühlen, unterirdischen Raum, in dem es intensiv süßlich riecht. Und leicht bitter zugleich. Aus einem Regal greift er eine Flasche, nimmt den Plastikdeckel ab und schwenkt sie. Tausende Blüten geraten in Bewegung. “Jetzt”, sagt er und nähert seine Nase dem Flaschenhals. Er schließt die Augen und atmet tief ein. Es ist der Geruch seiner Insel.

http://www.sueddeutsche.de/reise/spanien-verblasste-blueten-1.3847331

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