Leuchtgebiete

Mallorcas alte Wachtürme dienten zur Abwehr von Piraten. Nun sollen sie renoviert und zugänglich gemacht werden – mit Aussichtsgarantie.

 

Süddeutsche Zeitung, 25.4.2017 · Anfang dieses Jahres ging ein Leuchten um Mallorca. 24 alte Wachtürme sandten nacheinander ein Lichtsignal aus. Rote Punkte glühten auf, im Dunkel der Nacht, und erloschen kurz darauf wieder. Es war ein Test. Ein paar Mallorquiner wollten wissen, ob das einstige Überwachungssystem an der Küste noch funktionierte. Das tat es. “Wir wollten auf den schlechten Zustand der Türme aufmerksam machen”, sagt der Mathematiklehrer Pep Lluís Pol, einer der Veranstalter der Leuchtfeuer-Aktion. “Sie müssen erhalten bleiben, denn sie gehören zu unserem historischen, landschaftlichen und emotionalen Erbe.”

Die Aktion war auch eine Hommage an die Vorfahren. Die hatten es nicht leicht, denn sie wurden immer wieder von Piraten überfallen. Bis ins 19. Jahrhundert kamen Schiffe aus der Türkei oder aus Nordafrika, um Geld und Güter zu stehlen, um Menschen zu töten oder zu versklaven. Die ständige Gefahr hat die Mentalität der Insulaner geprägt. Mallorquiner sind zurückhaltend, manchmal sogar misstrauisch. Und sie lebten bis zu Beginn des Tourismus nie an der Küste. Zu gefährlich.

Heute verdient Mallorca das Geld am Strand. Diesen Sommer soll die Rekordsaison vom vergangenen Jahr noch übertroffen werden. Die Baleareninsel gehört zu einer der wohlhabendsten Regionen Spaniens. Bei all dem Geld und all dem Erfolg tut es gut, sich daran zu erinnern, wie das Leben früher war. Und deswegen will Mallorca die Wachtürme erhalten. Die Lokalregierung stellt dieses Jahr alle noch erhaltenen Türme unter Denkmalschutz und beginnt mit einem umfassenden Restaurierungsprogramm. Bei etwa 50 Türmen lohnt sich das noch. Andere sind nur noch Steinhaufen. Manche stehen auf Privatgrund und sind nicht zugänglich. Das will die Inselregierung ändern: Anspruch auf finanzielle und technische Unterstützung hat nur, wer die Tore öffnet. Denn Mallorcas Wachtürme sollen Allgemeingut sein.Viele dieser Türme, Talaies oder Torres auf Mallorquinisch, sind jetzt schon bequem mit dem Auto zu erreichen, andere säumen steile Wanderwege im Tramuntana-Gebirge. Meerblick ist bei ihnen garantiert, denn naturgemäß stehen die runden, robusten Steintürme an exponierten Stellen, wo der Wind saust, die Möwen segeln und die Brandung rauscht: auf der vorgelagerten, unbewohnten Insel Dragonera, bei Banyalbufar an der Steilküste, auf der felsigen Halbinsel Formentor im Norden, in Porto Cristo im flachen Osten, in Cala Figuera an der ruhigen Südküste oder auf einem Mini-Inselchen in der großen Bucht von Palma. Wer die enge Wendeltreppe in ihrem Inneren nach oben steigt, sich auf das Flachdach stellt und den Blick schweifen lässt, der fühlt sich leicht und sorglos. Mallorcas Wachtürme bieten ein wunderbar günstiges Erlebnis.

Vielleicht kam auch früher bei den Wächtern ab und zu dieses erhebende Gefühl auf. Sicher nur dann, wenn sie nichts sahen, nichts als Meer und Himmel. Zeigte sich ein verdächtiges Schiff am Horizont, oder kamen sogar viele, dann mussten sie schnellstmöglich “Mauren vor der Küste” signalisieren. Tagsüber mit Rauch, nachts mit Feuer. Die Kollegen auf den umstehenden Türmen gaben das Signal dann weiter. Es galt, die schlechte Nachricht möglichst schnell zum Almudaina-Palast in Palma zu schicken: Dort lebte der König oder sein Statthalter. Der sandte Truppen aus, um die bedrohten Orte zu verteidigen.

Das System geht auf den mallorquinischen Universalgelehrten Joan Binimelis (1538-1616) zurück. Auch deshalb engagieren sich Pep Lluís Pol und sein Verband der Mathematiklehrer für die Türme: “Er war unser erster Wissenschaftler und hat die Distanzen zwischen den Türmen berechnet”, so Pol. Zwischen 1542 und 1558 bekam Binimelis die brutalen Piratenüberfälle auf Sóller, Valldemossa, Pollença und Andratx mit. Er fasste den Entschluss, Mallorca mit einem Turm-Warnsystem auszustatten und ließ sie alle Ende des 16. Jahrhunderts nach demselben Schema bauen: dicke Mauern, von Hand aufgeschichtet, etwa zehn Meter hoch; dazu ein Trinkwasserdepot unter der Erde, eine Wendeltreppe im Inneren und das Flachdach als Aussichtsplattform. Die Türme wurden so gebaut, dass die Wächter Sichtkontakt zu ihren Kollegen links und rechts hatten.

Wie groß das Piratenproblem war, zeigen die überlieferten Ereignisse vom Wachturm Castell de Cabrera. Er steht am südlichsten Punkt Mallorcas, auf dem der Küste vorgelagerten, unbewohnten Archipel Cabrera. Algier liegt nur 140 Seemeilen entfernt. Heute ist die Inselgruppe Nationalpark und einer der ruhigsten Flecken Mallorcas. Doch im 16. Jahrhundert wurde der Turm auf der Hauptinsel mindestens zehnmal zerstört und wieder aufgebaut. Wer hier Wache hielt, war den Angreifern ausgeliefert. Viele Wächter ließen hier ihr Leben oder wurden verschleppt und versklavt, zum Beispiel vom legendären osmanischen Korsaren Turgut Reis.

Nicht nur die Türme zeugen vom Leben in ständiger Angst. Bis heute gibt es im Mallorquinischen die Redewendung “Ara que no hi ha moros a la costa” (“Jetzt, wo keine Mauren vor der Küste liegen”). Gemeint ist eine Situation, in der die Luft rein ist, also keiner mithört oder zusieht. Und bei den Dorffesten “Moros y Cristianos” spielen die Insulaner die Übergriffe jedes Jahr nach, im Mai in Sóller und im August in Pollença. Immer siegen die Christen. Auch die Tatsache, dass viele Orte einige Kilometer von der Küste entfernt liegen, zeugt von der Angst, die die Mallorquiner vor dem Meer hatten. Nur Palma hatte einen großen Hafen. Die Stadt war jahrhundertelang ein wichtiger und gut bewachter Handelsort im westlichen Mittelmeer.

Mit den Leuchtfeuern auf den Wachtürmen will Pep Lluís Pol auch noch ein anderes Zeichen setzen: “ein Signal an die Flüchtlinge im Mittelmeer, ein symbolischer Akt der Gastfreundschaft”.

Zugängliche Wachtürme:Torre de Llebeig auf der Insel Sa Dragonera: Anfahrt mit dem Schiff von Sant Elm aus. Vom Anlegehafen führt ein neun Kilometer langer Wanderweg zu dem Turm, circa 2,5 Stunden.Torre de ses Ànimes oder Torre des Verger in Banyalbufar: Der Turm steht an der Westküste, direkt an der Küstenstraße Ma-10, von Andratx kommend links, 1,5 Kilometer vor Banyalbufar. Ein paar Treppenstufen führen hinauf. Perfekt für Sonnenuntergänge.Talaia d’Albercutx in Formentor: Der Turm auf der Landzunge bietet einen schönen Blick auf das Tramuntana-Gebirge, die Bucht von Pollença und das Cap Formentor. Anfahrt über die Ma-2210 von Port de Pollença. Gegenüber des Aussichtspunkts Mirador Colomer geht eine 2,5 Kilometer lange Straße ab.Torre del Serral dels Falcons in Porto Cristo: Der Turm steht im Ortskern, zwischen dem Hafen und der Badebucht Cala Murta.Torre d’en Beu in Cala Figuera bei Santanyi: Der Turm steht an der östlichen Seite der Bucht Cala Figuera und bietet einen großartigen Blick über Mallorcas Süd- und Ostküste, auf die vorgelagerte Inselgruppe Cabrera und den Leuchtturm am Cap de Ses Salines.

Torre de ses Illetes oder Torre de Xaloc in Palma: Er steht auf einer der kleinen Inseln vor den Badebuchen Cala Comtessa, Cala Xinxell und Illetes, neun Kilometer außerhalb von Palma. Die Strände sind mit dem Linienbus 3 zu erreichen. Vom Kai Cala Comtessa kann man leicht zur Insel mit dem Turm schwimmen.

Allgemein: www.infomallorca.net

http://www.sueddeutsche.de/reise/historische-wachtuerme-auf-mallorca-leuchtgebiete-1.3468284

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