Finken habt Acht!

Der Standard, 7.12.2016 · Eine spanische Tradition gefährdet Europas Singvögel. Weil sie gelehrig sind, werden sie im Herbst gefangen und für Gesangswettbewerbe abgerichtet. Brüssel leitet jetzt ein Sanktionsverfahren ein, denn Spanien verstößt seit Jahren gegen europäische Vogelschutzrichtlinien.

Das Halten von singenden Stubenvögeln hat in Spanien Tradition. Züchter Juan Álvarez ist ein begeisterter “Silvestrista”.

Zu Mozarts Zeiten hielt man sie noch für lustige Gesellen. Heute gelten Vogelfänger wie Papageno als Umweltsünder und werden bestraft. Die Europäische Kommission hat Ende September nach mehreren Ermahnungen ein Sanktionsverfahren gegen Spanien eingeleitet: Zu viele wild lebende Singvögel werden dort “aus Tradition” gefangen, heißt es in einem Scheiben der Generaldirektion Umwelt. Das Halten von singenden Stubenvögeln hat in Spanien tatsächlich Tradition. Manche behaupten, die Araber hätten die Leidenschaft im 8. Jahrhundert nach Spanien gebracht. Im Prado Museum ist das Ölbild “Caza con reclamo” (Jagd mit Lockvogel) zu sehen, das Francisco de Goya 1775 gemalt hat und bis heute hängen an vielen Balkonen und Hauswänden von Cafés und Geschäften winzige Holzkäfige mit Singvögeln. Ihr lebendiger Gesang soll Kunden anlocken.

Das Fangen von Vögeln ist in Europa seit 1979 grundsätzlich verboten, Ausnahmen sind wissenschaftliche oder didaktische Zwecke und Fälle, in denen es keine Alternative gibt. Jahrelang wurde der so genannte Silvestrismo in Spanien als eine dieser Ausnahmen toleriert: Dabei werden Finken, Girlitze, Stieglitze oder Gimpel im Herbst auf ihrem Flug in den Süden gefangen, über den Winter in Gesang abgerichtet und im Frühjahr dann zu Wetttbewerben angemeldet. Vogelschützer und EU-Beamte fordern Spanien seit Jahren auf, das Hobby nur noch dann zu erlauben, wenn in Gefangenschaft geborene Tiere abgerichtet werden. Nach Angaben des spanischen Umweltministeriums leben in Spanien bereits knapp 75.000 Sinvögel in Käfigen.

2014 setzte Brüssel dann ein Ultimatum, das dieses Jahr abläuft. Von Spaniens 17 autonomen Regionen haben bislang nur drei eingelenkt und das Fangen verboten oder zumindest dieses Jahr keine Lizenzen genehmigt: Katalonien, Kastilien-León und Asturien. Im Rest des Landes erteilen die regionalen Jagdverbände weiterhin Fangquoten, mit dem Argument, es müsse erst eine Grundpopulation zur Zucht angelegt werden. Die Zahlen machen das aber unglaubwürdig: Allein in Andalusien wurden diesen Herbst mehr als 70.000 Singvögel gefangen, spanienweit geht man von rund 300.000 aus.

Doch beim Silvestrismo geht es um mehr als das Abrichten von Singvögeln. Es geht um das Gemeinschaftserlebnis in freier Natur, um das auf dem Feld Sitzen und Warten, im Morgengrauen, mit ausgelegten Netzen. Singvogeljagd war seit jeher die Jagd der kleinen Leute, der Landarbeiter, der Tagelöhner. 40.000 pflegen das Hobby bis heute. Wer in Internetsuchmaschinen das Wort Silvestrismo eingibt, der findet haufenweise Angebote für Vogelfänger: Feinmaschige Netze, kleine Käfige, CDs und Verstärkeranlagen zur Gesangserziehung, zierliche Schlingen für Lockvögel und natürlich echte Vögel, vor allem Stieglitze und Hänflinge. Jungtiere bekommt man ab 20 Euro, Meistersänger ab 120 Euro.

Madrid ist Brüssel nun eine Antwort schuldig. Bleibt diese aus, wird ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof wegen eines Umweltdeliktes eingeleitet. Malta stand vergangenes Jahr wegen desselben Delikts vor Gericht und auch Belgien musste sich einer Klage stellen. Seitdem ist dort das Fangen von Singvögeln verboten, die Liebhaber richten nur noch selbst gezüchtete Vögel ab.

Der internationale Vogelschutzverein Birdlife hat dem Kollektiv indes ein Angebot gemacht: Sie könnten als ehrenamtliche Beringer und wissenschaftliche Mitarbeiter arbeiten. Dabei können sie ihr Wissen und ihre Erfahrung dem Schutz der Tiere zugute kommen lassen und weiterhin ein Gemeinschaftserlebnis in freier Natur genießen.

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