Sóller entdeckt alte Orangensorten wieder

BR, Juli 2016 · “Eierhintern” oder “kleines Blatt”, so heißen Orangensorten aus Sóller. Doch jahrzehntelang ließen die Bauern ihre Ernte verfaulen. Jetzt entdecken die Mallorquiner die alten Sorten wieder – und damit auch ein Stück ihrer Identität.

Orangenplantage auf Mallorca | Bild: ecovinyassa
FOTO: ecovinyassa

Im Tal von Sóller, an Mallorcas steiler Westküste, sieht man Orangen und Zitronen wohin der Blick reicht. Rundherum ragen hohe Gipfel in den Himmel, dazwischen liegt ein grün-gelb-orangefarbener Flickenteppich. 130 Hektar sollen hier mit Zitrusfrüchten bepflanzt sein.

In Hausgärten, auf Plantagen, auf Hangterrassen und am Straßenrand, die von dem Städtchen zum Meer führt. Die Geschichte von Sóller ist eng mit der Orange verbunden. Aber die Verbindung war nicht immer glücklich. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren konnte man hier überall voll behangene Bäume sehen, deren Früchte niemand ernten wollte. Die Bauern ließen die Orangen überreif zu Boden fallen und verfaulen. Der Abwärtstrend kam mit dem Tourismusboom in den 60er Jahren. Die Landwirtschaft wurde vernachlässig und die Mallorquiner arbeiteten lieber in Hotels, als dass sie Orangen pflückten. Außerdem lohnte sich die Ernte kaum noch – anderswo wurden Orangen billiger produziert und die Bauern von Sóller fanden keine Abnehmer.

Langsam erholen sich die Orangen von Sóller wieder. Der Ort will jetzt sogar eine geographische Herkunftsbezeichnung für seine Orangen. Dass die Geschichte vielleicht doch ein Happy End bekommt liegt an ein paar hartnäckigen Menschen im Tal, und vor allem an ihrem Erfindergeist und ihrem Wissen. Xim Alcover gehört eine Plantage mit 25 Hektar, “tausende Bäume”, wie er sagt. Sein Anwesen Can Bardi ist ein geschichtsträchtiger Ort. “Hier haben Römer, Araber, Katalanen gelebt, sicher auch Griechen und Phönizier. Hier sind alle Zivilisationen durchgekommen.” Er erzählt, dass die Orangen ein aufgezwungenes Hobby seien, ein Erbe seiner Familie, schon seit Jahrhunderten. Er erinnert sich auch, dass es in Sóller schon immer Quellen und viel Wasser gab. Denn ein Orangenbaum muss viel trinken. “Allerdings produzieren wir in Sóller jetzt viel weniger als vor dreißig Jahren.” Xim Alcover verkauft seine Navelate-Orangen an eine Agrargenossenschaft, für 50 oder 60 Cent, manchmal aber auch nur für 40 Cent. In Deutschland kostet eine Zehn-Kilo-Kiste, an der er fünf Euro verdient, 35. Einen rentablen Hof auf Mallorca zu bewirtschaften ist schwierig.

Franz Kraus macht Sóllers vermeintlichen Nachteil zum Vorteil. Statt auf Masse setzt der Geschäftsmann auf die einzigartige Geschichte der Orangen hier. Mit den großen Plantagen im Flachland von Valencia oder Israel kann der Ort eh nicht mithalten. Denn in Sóller ist alles klein, familiär und auch ein bisschen verschlafen. Kraus kam vor 26 Jahren nach Sóller und gründete einen Laden und Online-Shop mit Inselspezialitäten. Seitdem verschickt er Orangen. Seine Mitarbeiter packen die Früchte in bunte Zehn-Kilo-Kartons und schicken sie dem Empfänger direkt nach Hause. Die meisten gehen nach Deutschland. Die Päckchen wirken altmodisch und die Kisten spielen mit der jahrhundertealten Mittelmeersehnsucht der Deutschen.

Die Canoneta ist wohl die sympathischste aller Orangen in Sóller: Klein, süß und mit lustigen Dellen – wie bei der sprichwörtlichen Orangenhaut. In deutschen Supermärkten liegen ein, vielleicht zwei Sorten Orangen. Aber hier, in Soller, wachsen über 20 verschiedene Arten mit unterschiedlichstem Aussehen und Geschmack: Die gibt es die ovale, späte Peret-Orange, die eierförmige, frühe Sorte Cul d’Ou, wörtlich “Eierhintern”. Die dünnhäutige Fina oder die dunkle Fulla Menuda, “Kleines Blatt”. Die meisten wachsen nur hier, im Tal von Sóller. Dann sind da natürlich die Stars, die Navel-Varianten, wie sie auch in deutschen Supermärkten liegen. Sie sind schön glatt, rund und kernlos. Dabei ist keine so süß wie die Canoneta.

In Mitteleuropa galten die Früchte anfangs als teure, exotische Delikatesse. Später aß man sie auch in bürgerlichen Haushalten. Mit den Früchten zogen viele Familien übers Mittelmeer. Sie trieben in Sète oder Marseille den Handel weiter. Viele Sollerics haben noch heute Verwandte in Südfrankreich und sprechen Mallorquinisch mit französischem Akzent. Joan Puigserver ist einer von ihnen. Auch er ist alt, wenn auch nicht ganz so alt wie Xim Alcover. Joan war wohl einmal groß und stattlich. Heute plagt ihn eine Rückgratverkrümmung. In den Himmel kann er nicht mehr so recht schauen, aber zur Begutachtung seiner Bäume reicht es. Die Bäume stehen außerhalb des Ortes, zwischen anderen Plantagen und versprengten Häusern. Sie sind niedrig, manche Äste berühren fast den Boden.

2.500 Orangen- und Zitronenbäume stehen auf seiner Finca Sa Vinyassa. Die meisten sind ungefähr so alt wie ihr Besitzer. “Sehen Sie, dieser Orangenbaum vor uns ist ungefähr 60 oder 70 Jahre alt. Sie pflanzten zuerst eine Bitterorange, alle Orangen in Soller haben den Stamm einer Bitterorange, dann veredelten sie ihn zuerst mit Mandarine. Und nach ein paar Jahren pfropften sie dann Canoneta drauf, und wieder ein paar Jahre später, wegen der Nachfrage auf dem Markt, haben sie den Baum mit der Peret-Sorte veredelt. Und jetzt haben wir Mandarine, Canoneta und Peret auf demselben Baum.”

Puigserver freut sich an seinen Bäumen. Sie bringen zwar nicht viel Geld. Aber für ihn ist das kein Grund zu resignieren. Er hat mit seiner Frau auf Biobau umgestellt und verkauft seine Früchte seitdem an Franz Kraus. Und er hat einen Lehrpfad eingerichtet. Den kann man für zehn Euro Eintritt begehen. Orangensaft, frisch gepresst und ein Kilo Orangen gibt’s dazu. “Wir mussten uns etwas einfallen lassen. Wenn wir das weiter führen wollten, was uns unsere Eltern hinterlassen haben. Dem allen einen Wert geben. Es hat sie ja große Opfer gekostet. Wir haben uns also diesen Themenpfad durch die Plantage ausgedacht. Wir haben geforscht und gelesen, der Leiter vom Botanischen Garten hier hat uns geholfen. Wir mussten ja alle Informationen zu den Fruchtsorten und Pflanzenarten zusammen suchen.”

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/radioreisen/reisegeschichten-mallorca-orangental-100.html

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