Nachdenkliche Botschaft auf dem Meeresboden

BR/WDR Juni, Juli 2016 · Wer das neuesten Museum auf Lanzarote sehen will, muss untertauchen. 60 Skulpturen hat der Künstler Jason deCaires Taylor in der Tiefe verankert. Dabei kommt mehr heraus als nur ein PR-Gag. Die Statuen regen zum Nachdenken an.

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FOTO: Museo Atlántico / Jason deCaires Taylor

Ein Schlauchboot, darin sitzen, liegen, kauern Figuren mit afrikanischen Gesichtszügen. Sie scheinen im offenen Meer zu treiben. Einer der Flüchtlinge schaut noch erwartungsvoll nach vorn, hofft wohl auf Rettung am Horizont. Die anderen scheinen resigniert zu haben. “Das Boot von Lampedusa” heisst die Gruppe.

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FOTO: Sira Sanz Kramer

 Ignacio Garin ist Tauchlehrer auf Lanzarote. Er hat schon viele Besucher nach unten geführt, denn viele wollen mit eigenen Augen das Museum unter Wasser sehen. Die Wirkung sei stark, erzählt er. Zum Beispiel bei den Leuten mit dem Selfie und den abgeschnittenen Gesichtern, die schauen einfach woanders hin, die sähen das Flüchtlingsboot neben ihnen gar nicht. Wenn er einen Tauchgang mache, fange er immer von hinten an. Und wenn man dann vorne ankommt dreht man sich um, und alle schauen einen an. “Das ist schon fast unheimlich, als ob sie lebendig und zugleich tot wären. Sie sind schon alle ganz grün, wie mit Gras bewachsen.”

Seit zehn Jahren macht Jason deCaires Ökokunst unter Wasser. Seine Skulpturen stehen an der Westküste der Antilleninsel Grenada, vor der Küste von Cancún in Mexiko und jetzt auch bei Lanzarote. deCaires ist der Sohn eines Briten und einer Guyanerin, aufgewachsen in Südengland und Asien, wo er als Kind zwischen Korallenriffs tauchte. Studiert hat er in London an der Universität der Künste. Schon an der Uni habe er von Unterwasserkunst geträumt, erzählt er, aber damals fehlten ihm Geld und Auftraggeber. Seit Ende Januar hat er 60 lebensgroße Skulpturen vor der Südküste Lanzarotes versenkt und verankert – in etwa zwölf Metern Tiefe. Die Figuren sollen zeigen, wer wir sind, wie wir leben, was wir machen. Das “Museo Atlántico” regt zum Denken an. Vielleicht sollten wir anders sein, anders leben, andere Dinge machen? Vielleicht sollten wir im Alltag innehalten, die Augen öffnen und erkennen, was wirklich wichtig ist? “Wir alle sind vor Millionen Jahren aus dem Meer gekommen. Es geht mir schon irgendwie ums Zurückgeben oder Zurückkehren”, sagt der 42-Jährige.

Sein Studio hat der Künstler direkt am Meer, nicht weit von der Museumsbucht Las Coloradas. Unten rollen die Wellen an die dunkle Steinküste, nebenan im Yachthafen Marina Rubicón, biegen sich schlanke Palmen im böigen Wind. Die Marina ist eine neue, schicke Anlage mit Geschäften und Restaurants. Das Klima der Kanaren ist atlantisch-wechselhaft, dramatisch, stimmungsvoll. Wäre der Himmel blau, könnte man vielleicht die Nordspitze von Fuerteventura sehen. Das Studio hat eine Veranda zur Küste hin. Dort erledigen Jason und seine Mitarbeiter die grobe Arbeit. Betonmischer, Zementsäcke, Wassereimer, Gussformen für die lebensgroßen Skulpturen stehen herum. Seit rund einem Jahr arbeitet Jason auf Lanzarote. Anfang 2017 soll alles fertig sein: Dann will er 300, lebensgroßen Figuren am Meeresgrund montiert haben. Er fertigt sie aus ph-neutralem Beton, der der Umwelt nicht schadet und hunderte Jahre halten soll. “Die Langlebigkeit des Betons hat mit dem Umweltaspekt meiner Arbeit zu tun. Meine Idee war es, dass da allmählich künstliche Riffs entstehen. Das dauert hunderte von Jahren, Korallen müssen wachsen und neue Lebewesen müssen sich ansiedeln,” sagt er.

Unterwassermuseum Lanzarote | Bild: Sira Sanz Kramer
Die Finnin Gunilla Westerlund hat sich von deCaires porträtieren lassen. FOTO: Sira Sanz Kramer

DeCaires packt viele Themen in seine Kunst. Sein Anliegen ist dringlich. Dabei setzt er seine Kritik mitten in eines der beliebtesten Urlaubsziele Spaniens. Zweieinhalb Millionen Touristen machen jedes Jahr auf der nur 60 mal 35 Kilometer kleinen Insel Urlaub. Knapp 150.000 Menschen leben hier permanent, die Insulaner stammen aus mehr als 30 Ländern, jeder Vierte hier kommt von außerhalb. Auch die hat Jason DeCaires portraitiert. Lanzarote will mit dem Unterwassermuseum vor allem Tauchtouristen anlocken. 700.000 Euro hat die Inselregierung dafür bereitgestellt. Das Unterwassermuseum lädt die Besucher ein, eine andere Facette der Insel kennen zu lernen: Die Unterwasserwelt. Schnorchler müssen klare, ruhige Tage abwarten: Dann ist das Wasser so klar, dass man die Figuren auch von der Oberfläche aus sehen kann. Und demnächst sollen auch Glasboden-Boote über das Museum fahren. Damit auch Nichttaucher erleben können, wie die Natur das Werk des Menschen vereinnahmt, in zwölf Metern Tiefe.

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/radioreisen/lanzarote-kunst-unterwasser-100.html

http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-mit-neugier-unterwegs/audio-wdr–mit-neugier-unterwegs—ganze-sendung–146.html

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