Im Gegenwind

Vielerorts ist der Mönchsgeier ausgestorben. Ausgerechnet auf der Touristeninsel Mallorca hat er überlebt.

Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens
Ein Mönchsgeier (links), neben einem Gänsegeier in den Bergen Mallorca. Foto: Sebastià Torrens

Süddeutsche Zeitung, 4.8.2016 · Immer, wenn Martí Solivellas den Geier über seinem Haus kreisen sieht, wird ihm warm ums Herz. “Sehen Sie?”, sagt Solivellas und deutet nach oben, “was für eine Spannweite!” Um den Bauern herum laufen seine zwei Collies, Solivellas aber hat nur Augen für den Mönchsgeier. “Der hat heute eine gute Thermik da oben.” Der Bauer kneift die Augen zusammen, sieht genauer hin. Nun klingt er etwas beunruhigt. “Normalerweise sind sie immer zu zweit unterwegs.” Heute ist der Geier allein.

Martí Solivellas und seine Frau Antònia Bibiloni leben denn auch wortwörtlich allein unter Geiern. Alle Nachbarn sind weggezogen, erzählt das Bauernehepaar. Der Hof steht in einem geschlossenen Hochtal im Norden Mallorcas, nur vier Kilometer vom Pilgerkloster Lluc entfernt. Rund herum ragen die höchsten Berge der Insel in den blauen Himmel. Und zwischen den Gipfeln, über Olivenplantagen, Gemüsebeeten und Obstbäumen, über einem Dreschplatz und unbebauten Feldern, über Schafen, Hühnern und Gänsen, über dem Blumengarten und dem alten Bauernhaus, wo das Paar seit fast 40 Jahren lebt, da kreist, mit einer Spannweite von fast drei Metern, entspannt ein Mönchsgeier.

Früher, als die Landwirte noch mit Ochsen und Maultieren die Berghänge und die Täler bewirtschafteten, gab es mehr von diesen Vögeln. Rund um seinen Hof hätten sie genistet, erzählt Martí Solivellas und zeigt auf die steilen Bergwände. “Hier, auf dem Massanella, auf dem Galileu, auf dem Puig Roig”. Die Aasfresser beseitigten die Kadaver der Nutztiere, die abgestürzt oder durch Krankheiten verendet waren. Die Symbiose funktionierte gut bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Dann kamen die Maschinen und der Tourismus. Erst verkauften die Bauern ihre Arbeitstiere, dann ihre Herden; schließlich zogen sie an die Küste, um dort als Kellner oder Rezeptionisten zu arbeiten. Die Geschichte des Mönchsgeiers auf Mallorca – sie ist auch die Geschichte eines Kulturwandels.

Der Mönchsgeier zog sich zurück. Heute brütet er vor allem an der unzugänglichen, karstigen Steilküste im Norden, zwischen Sóller und Cap Formentor. Aber immerhin: In den 1980er-Jahren war er kurz vor dem Aussterben. Genau ein Brutpaar und insgesamt 19 Vögel zählte die Wiener Biologin Evelyn Tewes, als sie Ende der 1980er-Jahre auf die Insel kam, um hier ihre Doktorarbeit über Mönchsgeier zu schreiben. “Die Situation hat mich sehr getroffen”, sagt Tewes. Wäre der Mönchsgeier auf Mallorca damals ausgestorben, so wäre mit ihm die letzte Ansiedlung von Mönchsgeiern auf einer europäischen Insel verschwunden.

Tewes gründete 1986 mit anderen Greifvogelexperten die Europäische Mönchsgeierstiftung und begann, zusammen mit einheimischen Umweltschützern, Tiere aus europäischen Zuchtstationen auf Mallorca anzusiedeln. Die Jungvögel werden im Alter von drei Monaten auf einen Felsvorsprung gesetzt, dort mit Wasser und Futter versorgt. Da sie schon ihr komplettes Gefieder haben, können sie bald fliegen und ihr neues Revier erkunden. Dem bleiben Mönchsgeier ein Leben lang treu, wie auch jedes Paar sein großes, weithin sichtbares Nest Jahr für Jahr wieder zur Brut nutzt. Ist eine Gruppe erst einmal angesiedelt und passen die Lebensbedingungen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Tiere hier auch vermehren.

In vielen Ländern kamen die Experten zu spät: In Italien, Österreich oder in der Slowakei ist der Mönchsgeier, Aegypius monachus, heute verschwunden. In Frankreich und Griechenland hingegen gelang die Wiederansiedlung des Mönchsgeiers, der zusammen mit dem Bartgeier der größte Greifvogel Europas ist. Tewes schätzt, dass es europaweit noch knapp 2000 Paare gibt, viele davon leben in Süd- und Südwestspanien. Auf Mallorca sind es mittlerweile wieder rund 90 – Tendenz steigend. Denn in den Nestern im Tramuntana-Gebirge wachsen gerade mehr als 20 Junge heran, so viele wie noch nie, seitdem die Vögel gezählt werden. Die Jungvögel werden diesen Sommer erstmals ihre Kreise ziehen, über leer stehenden Höfen und brach liegenden Feldern, aber auch über Wandergruppen, Landhotels und Herden verwilderter Hausziegen, die hier durch die Berge ziehen. Die Ziegen sind heute, neben toten Kaninchen, die wichtigste Nahrungsquelle für die Geier. Die Kaninchen finden die Vögel in der flachen Inselmitte und an Mallorcas Südküste. Dass Mallorcas Mönchsgeier die gesamte Insel überfliegen, hat die Auswertung von GPS-Daten gezeigt; eine Zeit lang trugen die Tiere Sender auf dem Rücken.

 Seinen Namen hat der Mönchsgeier vom hellen kahlen Kopf, der flaumigen Halskrause und dem dunkelbraunen Federkleid, das aussieht wie ein Kutte. Paare sind sich ein Leben lang treu. Wenn der Mönchsgeier fliegt, sieht er elegant aus. “Heute bewunderten ihn die Menschen”, sagt Evelyn Tewes, “früher haben sie ihn vergiftet.”

“Das mit dem Gift, das stimmt einfach nicht,” behauptet Martí Solivellas. Aus seiner Sicht waren es nicht die Bauern, die die Geier verfolgt haben. Sondern Jäger, die wahllos neben verwilderten Katzen und Mardern auch Greifvögel getötet hätten. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Vielleicht kennt sie Joan Mayol. Der Biologe ist im balearischen Umweltministerium seit mehr als 30 Jahren zuständig für Artenschutz. Mayol gehörte zu den ersten Umweltaktivisten Mallorcas, war Mitbegründer des Vogelschutzvereins GOB, der den Mönchsgeier im Logo hat. Heute ist er die Stimme all derjenigen, die die Natur der Insel besser schützen wollen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren habe er oft Vögel gefunden, die verendet waren, sagt Mayol: “Hauptsächlich durch Gift. Die Vögel starben während der Brutzeit, mit den Küken im Nest.” Es seien nur ein paar Bauern gewesen, die vergiftete Köder ausgelegt hätten. “Aber der Effekt war katastrophal.” Die Bauern hätten das Fell toter Schafe mit einem Insektizid eingerieben, das heute verboten ist. Eigentlich sollte es Raben umbringen, die in seltenen Fällen neugeborene Lämmer angreifen und töten. Aber natürlich waren auch die Geier nicht immun gegen das Gift. Hinzu kamen Jäger, die von Schiffen aus auf alles schossen, was sich an der Küste bewegte, etwa Ziegen und Tauben. Der Lärm habe die Geier sehr gestört, sagt Mayol.

Heute sind solche Ausflüge verboten. Nun aber stören Sportler die Vögel. Immer mehr Mountainbiker, Radrennfahrer, Bergläufer, Schluchtenkletterer und Gleitschirmflieger entdecken die 90 Kilometer lange, spektakuläre Bergkette am Meer. Der Andrang auf Mallorcas Berge ist so groß geworden, dass im vergangenen Jahr erstmals Wege gesperrt und Ausweichrouten ausgeschildert wurden, um die Natur zu schonen. Im Prinzip findet es Tewes begrüßenswert, dass Stadtbewohner die Natur lieben. “Wir können sie nicht verjagen, sie haben ja das Recht, sich hier zu erholen.” Doch viele Sportler blieben nicht auf den Wegen, ärgert sich Tewes. “Und ohne ausreichend Ruhe im Gebirge wird der Mönchsgeier nicht überleben.”

Ruhe wie bei Martí Solivellas und Antònia Bibiloni. Dort oben hören die Vögel das Gebimmel der Schafglocken, das Bellen der Hunde und das Schnattern der Gänse. Vielleicht wird auch das bald verstummen. Das Bauernpaar verbringt immer mehr Zeit unten im Städtchen Pollença, wo die Kinder und Enkel leben. Lang könnten sie den Hof nicht mehr bewirtschaften, rentabel sei er sowieso nicht, sagen sie. Die Oliven müssen im gebirgigen Gelände von Hand geerntet werden. Um die Schafe muss sich jemand kümmern – und das Paar fühlt sich langsam zu alt dafür. Wenn aber die letzten Bauern auch noch aufgeben, haben die Geier ein Problem. “Sie brauchen die Symbiose mit dem Menschen”, sagt der Biologe Joan Mayol. Er hofft auf weitere Subventionen aus Brüssel für Schafhalter in den Bergen. Für Martí Solivellas kämen die aber zu spät. Keines seiner Kinder will den Hof übernehmen. Er hofft nun auf einen Käufer, der sein Anwesen in einen Agrotourismus-Betrieb umwandeln will. Die Geier sähen dann Schafherden, Gänse und Touristen am Pool.

 

http://www.sueddeutsche.de/reise/spanien-im-gegenwind-1.3100432

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