Kultur löst den Terrorismus ab

NZZ am Sonntag, 3.1.2016 · San Sebastián ist dieses Jahr Kulturhauptstadt Europas. Die baskische Stadt nutzt den Anlass, um Jahrzehnte des ETA-Terrors aufzuarbeiten. 

Veranstaltung im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms  vor dem Rathaus von San Sebastián
Veranstaltung im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms vor dem Rathaus von San Sebastián

Kulturhauptstadt Europas? Woanders wären das Vernissagen, Premieren und Einweihungen. Nicht aber in San Sebastián. 2016 trägt die Stadt im Norden Spaniens den Titel und will damit die schwierige Versöhnung angehen. Das ist kein leichtes Unterfangen. Denn der Terror der baskischen Separatisten hat hier mehr als 30 Jahre lang gewütet.

«Kultur als Werkzeug der Versöhnung» lautet das Motto des Programms, das mehr als 100 Projekte und fast 500?Einzelaktionen umfasst. «Wir bieten keine grossen Namen und keine Neubauten», sagt der Leiter Pablo Berástegui, «wir laden die Besucher ein, die Stadt und ihre Menschen kennenzulernen.» Das Programm ist alles andere als effekthascherisch und wendet sich vor allem an die eigene Bevölkerung. Die lebt in einer der schönsten Städte Spaniens, an einer traumhaften Doppelbucht der Biskaya, und ist dabei doch schwer traumatisiert.

Autobomben, Anschläge, Kopfschüsse auf offener Strasse – das prägte bis zum Waffenstillstand 2011 das Leben der 186 000 Bewohner. Die Terroristen der ETA (Euskadi Ta Askatasuna, Baskenland und Freiheit) fühlten sich von Madrid unterdrückt und rechtfertigten so ihren blutigen Kampf, der mehr als 800 Personen in der Region das Leben gekostet hat. Ohne Rückhalt in der Bevölkerung hätten die Terroristen nicht so lange wüten können. So ist die baskische Gesellschaft bis heute gespalten.

Ein Werkzeug der Versöhnung ist das politische, interaktive Theater von Elena Arambarri und Mai Gorostiaga. Die Schauspieler treten in Seniorenzentren, Schulen oder Quartierzentren auf und holen die Zuschauer auch auf die Bühne. Erwünscht seien Tränen, Umarmungen, Wutausbrüche, sagt Elena Arambarri. So wolle sie die «Mauern des Misstrauens» einreissen. Arambarri und Gorostiaga arbeiten mit einer Technik aus den 1970er Jahren. Der Brasilianer Augusto Boal hat sie damals Theater des Unterdrückten genannt. Dieser Begriff kommt im Baskenland allerdings nicht gut an, hatte doch die ETA die angebliche Unterdrückung zum Vorwand genommen. So spricht man heute lieber von Forumstheater.

Ein sprachlicher Drahtseilakt ist auch die passende Wortwahl für den zurückliegenden Terror. Arambarri und Gorostiaga nennen ihre gemeinsame Geschichte den «baskischen Konflikt». So vermeiden sie Schuldzuweisungen und ebnen Opfern, Tätern und deren Angehörigen den Weg zur Versöhnung – beim Rollenspiel auf der Bühne oder bei öffentlich formulierter Selbstkritik.

Im Museum San Telmo, einem schönen, gerade erst erweiterten Klosterbau aus dem 16.?Jahrhundert, finden regelmässig Tage der Selbstkritik statt. Im vergangenen Herbst sprach dort der 61-jährige Josetxo Arrieta. Mit 16 trat er der ETA bei, verbrachte drei Jahre im Gefängnis, wo er ins Grübeln kam und sich innerlich lossagte. Zweifel an der Gewalt führten den damaligen Terroristen zu Konflikten mit der Organisation. Endgültig distanzierte er sich nach einem Schlüsselerlebnis 1983. In seiner Heimatstadt Irún, 15 Kilometer östlich von San Sebastián, sah er mit eigenen Augen, wie ein Metzger hinter seiner Ladentheke erschossen wurde. «Eine Woche später haben mich drei Männer in Zivil in ein Auto gepackt», erzählt er, «und ich wusste nicht, ob es Polizisten oder Terroristen waren.» Das Misstrauen gegen die eigenen Leute und das Gefühl, selbst Opfer zu sein, führten ihn zu seiner heutigen Überzeugung. «Bis dahin war ich unfähig, Empathie zu empfinden. Alle Greueltaten liessen sich politisch rechtfertigen», sagt Arrieta, «dabei haben wir nichts anderes getan, als Familien zu zerstören, Leid zu bringen und Hass zu säen.»

Die Idee zur Bewerbung als Kulturhauptstadt hatte 2007 der damalige Bürgermeister Odón Elorza – während eines Klosteraufenthaltes. «Diese Stadt brauchte ein gemeinsames Ziel», erinnert sich Elorza heute. 2011 kam der Zuschlag von der EU-Kommission, wenige Monate vor dem Waffenstillstand. Seitdem arbeitet San Sebastián am Programm. Hunderte Bürger nahmen an der Gestaltung teil, «Leute, die sonst nicht unbedingt miteinander gesprochen hätten», erzählt die Soziologin Inesa Aristimuño vom Organisationskomitee. Doch der gemeinschaftliche Entstehungsprozess war Teil der Bewerbung. «Es geht um bürgerliche Ermächtigung», sagt Aristimuño, «das war eine harte Lektion in Demokratie.»

Der Lektion in Demokratie haben sich auch Politiker unterzogen. Regionalpräsident Iñigo Urkullu bat im Museum San Telmo um Verzeihung «für das Schweigen der Gesellschaft angesichts des grossen Leides». Urkullu nennt als Vorbilder seiner Friedensarbeit Deutschland, Südafrika und Nordirland.

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