Die smarte Insel

Weitgehend ungestörtes Badevergnügen an Mallorcas wilder Westküste. Foto: Tom Gebhardt

Süddeutsche Zeitung, 17.9.2015 · Er sieht gut aus, trägt das Hemd weit aufgeknöpft und nur selten Sakko: Biel Barceló ist zwar nicht Regierungschef der Balearen, sondern nur der Vize, dafür hat der linke Politiker seit Juli das Superressort für Innovació, Recerca i Turisme, für Innovation, Forschung und Tourismus unter sich. Man könnte sagen: Biel Barceló hält die Zukunft Mallorcas in seinen Händen. Ginge es nach dem 47-jährigen Juristen, wäre die Insel ein Technologie-Standort, exportierte Software und Patente und würde Akademikern gut dotierte Forschungsstellen anbieten. Umsichtige, gebildete Besucher würden das ganze Jahr über Mallorcas Naturschönheit genießen,und die Einheimischen freuten sich über zwölfmonatige Vollbeschäftigung.

Biel Barceló und die neue Regierung wollen ein anderes, ein nachhaltiger bewirtschaftetes Mallorca, eine smarte Insel. Das Wirtschaftsmodell soll umkrempelt werden, damit Mallorca sich aus der Abhängigkeit vom Tourismus winden kann. Die neuen Schlagworte sind: Touristensteuer, Besucherlimit, Saisonverlängerung. Bis Jahresende will die Regierung zumindest die Touristensteuer verabschiedet haben. Noch aber befindet sich Mallorca in der Gegenwart, und die wird nach wie vor in Auslastung der Hotelbetten, Zahlen von Start undLandeanflügen sowie Beschäftigungsquoten gemessen.

In diesem August sah es so aus: 90 Prozent der Hotelbetten belegt (spanischer Rekord), fast 1000 Start- und Landeanflüge täglich, 10,6 Prozent Arbeitslose (landesweit 22,2 Prozent). Dasklingt gut. Abergeht es wirklich so weiter mit der Devise „immer mehr“? Noch kümmere sich niemand um den Klimawandel und die schrumpfenden Erdölreserven, kritisiert Iván Murray, Dozent für Geografie und Umweltverträglichkeit an der Balearen-Universität. „Was passiert denn, wenn unsere Strände überspült sind und Fliegen zu teuer wird?“ Murray fordert, dass die Gewinne im Tourismus in einen Zukunftsfonds für Mallorca fließen sollen.

Was er beobachtet auf der Insel, nennt er „territoriale Schizophrenie“: Einerseits sind da die Zimmermädchen und Kellner; die einen arbeiteten den Sommer über im Akkord und machten bis zu 50 Betten pro Tag, was bis zum Ende der Saison oft nur mit Schmerzmitteln und Antidepressiva durchzuhalten sei; die anderen, die Kellner, schlügen sich wochenlang mit Erkältungen herum, weil sie permanent rein in die unterkühlte Bar rennen und wieder raus auf die heiße Terrasse. Und andererseits sind da natürlich die Urlauber und ihre Sehnsüchte, ist da der Wunsch nach menschenleeren Stränden, malerischen Dörfern und Ausblicken, für die man sofort die Kamera zückt.

Solche Ansprüche sind inzwischen aber unrealistisch: Ein Landhotel-Betreiber im Süden der Insel, der anonym bleiben möchte, wirbt mit dem Versprechen: „Nähe zu Traumstränden.“ Wenn er es halten will, musser seinen Gästen empfehlen, früh aufzustehen. Er hat das Frühstücksbuffet bis halb zwölf Uhr verlängert. „Damit es die Gäste noch vor dem Frühstück an den Strand und wieder zurück schaffen.“ Denn traumhaft sind die Sandbuchten von Es Trenc, Ses Covetes und Sa Ràpita nur früh amMorgen. Von elf an sind sie überfüllt.

Auch die balearische Umweltorganisation GOB schlägt Alarm. „Mallorca braucht mehr Landschaftsschutz“, sagt die Vorsitzende Maria Suau. Zugebaute Buchten wie die von Palma sind für sie Unorte. „Dort gehört uns die Insel nicht mehr.“ Die Biologin betritt diese Orte nur noch, wenn sie an Demonstrationen teilnimmt. Zum Beispiel gegen den Bau eines Einkaufszentrums, das gerade auf Palmas letztem, nun trockengelegten Sumpfgebiet entstehen soll. Momentan herrscht Stillstand auf der Baustelle. Man sieht nicht mehr als eine große Kiesfläche, eine asphaltierte Zufahrtsstraße und Büschel von Schilfgras, das sich seinen Weg nach oben gesucht hat. DieRegionalregierung arbeitet jetzt an einem neuen Landschaftsschutzgesetz und hat einen vorläufigen Baustopp für Einkaufszentren erlassen. Suau hofft, dass das Biotop wieder renaturiert wird. Sie trauert den 250 Pflanzenarten nach, die hier bis vor Kurzem zwischen Hotels und Restaurants gewachsen sind.

Biel Barceló, der Tourismus-Minister mit den großen Plänen, kennt die Probleme und Widersprüche. Barceló ist ja auch mit dem Ballermann vertraut, wo er gerne mal im weißen Hemd aufkreuzt und Touristen in Badekleidung die Hand schüttelt. Einerseits will er seine neuen Ziele – Touristensteuer, Besucherlimit, Saisonverlängerung– durchsetzen. Andererseitsmöchte er gastfreundlich wirken, immerhin tragen die Touristen ihr Geld auf die Insel. 45,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet Mallorca über den Tourismus. Und dann war die Saison 2015 auch noch die rentabelste seit Langem: Das spanische Statistikamt INE hat errechnet, dass Mallorcas Hotels landesweit am vollsten und teuersten waren. Nirgendwo sonst im Land sind die Preise derart gestiegen. Im Prinzip läuft es auf Mallorca seit fünf Jahrzehnten so: In der Bucht von Palma haben damals ein halbes Dutzend Unternehmerfamilien den Massentourismus erfunden, seitdem exportieren sie das Erfolgskonzept in die Karibik, auf die Kanaren, nach Nordafrika. Die Unternehmerfamilien gelten auch als die heimlichen Herren Mallorcas, Inselregierungen gehen vor ihnen in die Knie, zumBeispiel vor 13 Jahren. Damals führte die Regierung der Balearen bereits eine Touristensteuer ein. Allerdings widersetzten sich der Hoteliersverband und Reiseveranstalter so vehement, dass die Steuer nach zwei Sommern wieder abgeschafft wurde. Dass die Steuer damals scheiterte, lag auch am komplizierten Einzugsverfahren und daran, dass niemand so recht wusste, wohin das Geld floss. Die neue Linksregierung stellt sich nun zwar geschickter an. Dennoch ist der Widerstand groß.

In Touristenzentren wie Magaluf, S’Arenal, Cala Rajada oder Santa Ponça verdient man gut am All-inclusive-Urlaub und Partytourismus. Kein Wunder also, dass der Hoteliersverband Fehm gegen Touristensteuer und Besucherlimits ist. „Wir wären nicht mehr international konkurrenzfähig“, sagt die Vorsitzende des Verbands, Inma de Benito. Die guten Kurtaxen-Erfahrungen anderswo lässt sie nicht gelten. „Sie können die Nordsee oder Tirol nicht mit Mallorca vergleichen.“ Nicht alle Hotelbetreiber lehnen die neuen Pläne so eindeutig ab wie der Verband, aber vorsichtig sind sie alle. Christina Ostrem vom Hotel Portitxol in Palma knüpft ihre Unterstützung zum Beispiel an Bedingungen: „Wir unterstützen die Abgabe nur, wenn alles transparent abläuft und das Geld nicht woanders hinfließt“, sagt sie. Immer wieder waren in den vergangenen Jahren Korruptionsskandale der Vorgängerregierungen bekannt geworden; schon deshalb ist das Misstrauen der Hotelbetreiber groß; man fragt sich, ob das Geld nun richtig verwendet werden würde. Dabei räumt auch Ostrem ein, dass es noch eine Menge zu tun gibt auf der Insel: „Noch immer gelangen Abwasser ins Meer, und die Küste verkommt an manchen Stellen.“ Auch die britische Gruppe Belmond, die in Deià das Hotel Residencia betreibt, ist nicht prinzipiell gegen die Abgabe: „Wir vermieten Suiten für 4000 Euro pro Nacht“, sagt Jordi Vicens, der Direktor, „da spielen ein bis zwei Euro pro Nacht wirklich keine Rolle.“

Ein Mensch, der bereits jetzt für das neue, smarte Mallorca steht, ist Joan Perelló. Der 37-Jährige ist Chemiker und erstellt mit acht Mitarbeitern klinische Studien für internationale Pharmaunternehmen. Perellós Unternehmen ist eine von 26 Biotech- Firmen auf Mallorca. Neulich hat Perelló dem Tourismus-Minister Barceló vorgeschlagen, einen Teil der Einnahmen aus der Touristensteuer in die Forschung zu stecken. „Wenn die Hoteliers schon nichts investieren“, sagt er. 50 000 Firmen gibt es auf Mallorca, nur 200 kommen aus der Technologie-Branche. Dennoch glaubt der Chemiker Perelló an die Wende.

Und was sagen die Gäste? Im August hat die balearische Stiftung Gadeso 400 Touristen gefragt, wie ihnen der Urlaub gefallen hat. Die Mehrheit war unzufrieden. „Stark verbesserungswürdig“ seien Umweltschutz und Freizeitangebote, auch das Preis-Leistungsverhältnis wurde kritisiert. Das Fazit der Studie: 4,6 von zehn Punkten für Mallorca. Sieht so aus, als würden sich auch viele Touristen ein anderes Mallorca wünschen. Eines, das günstiger, gepflegter, schöner ist.

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