Raum der Zukunft

Barcelona platzt aus allen Nähten: Um die Touristen besser auf die Stadt zu verteilen, werden neue Attraktionen geschaffen. Das Designzentrum Disseny HUB ist wohl die anspruchsvollste.

Das Designmuseum, die Torre Agbar und im Vordergrund die Installation BruumRuum!.
Das Designmuseum, die Torre Agbar und im Vordergrund die Installation BruumRuum! Foto: museudeldisseny.cat

Süddeutsche Zeitung, 27.8.2015 ·Auf der Plaça de les Glòries Catalanes, dem Platz katalanischer Errungenschaften, versteht man, wohin sich Barcelona entwickelt: Wo einst zwölf Monumente den Stolz regionaler Kultur und Geschichte versinnbildlichten, stehen heute zwei wegweisende Gebäude. Der von Jean Nouvel entworfene, bunt schimmernde Agbar-Turm mit knapp 60 000 Glasplättchen und 4500 LED-Projektoren an der Fassade symbolisiert Barcelonas eitle Lust an der Selbstdarstellung. Daneben steht, grau und wie ein beflissener Butler, das Disseny HUB Barcelona (DHUB). Es beherbergt unter anderem das Museu del Disseny. Dieses zeigt auf vier Etagen und mittels 7000 Objekten, wie die Stadt zu ihrem Ruf als Designmetropole gelangt ist – und wie stark industrielle Produktion und Gestaltung Barcelonas Selbstverständnis prägen.

Auch direkt neben dem protzigen und schlecht ausgelasteten Büroturm von Nouvel leuchten LED-Lampen, es sind aber nur 530. Der aus der Stadt stammende Designer David Torrents hat sie vergangenes Jahr als Teil seiner interaktiven Geräusch-Licht-Installation “BruumRuum!” in den Boden versenkt. Besucher können dort in aufgebaute Megafone rufen und beobachten, wie sich das Farbenspiel auf dem Pflaster dadurch verändert; oder die Lichter sehen, die die Geräusche hupender Autos hinterlassen. Die Installation verweist auf die Lärmbelastung rund um den verkehrsumtosten Glòries-Platz, und sie ist ein Symbol für die neuen Zeiten, die in der Metropole am Mittelmeer begonnen haben. Barcelona will smart werden, nachhaltiger, transparenter. Unter dem Motto “Barcelona innova”, Barcelona erneuert, sucht die Stadt seit 2011 einen neuen Weg in die Zukunft. Gesucht wird eine Identität, die Tourismus, Großveranstaltungen und Bauwut in den vergangenen Jahren verstellt haben. Design spielt dabei eine wichtige Rolle.

Seit Jahrhunderten ist Barcelona ein Knotenpunkt für Handel und Verkehr. Den Flughafen nutzen jährlich 3,5 Millionen Passagiere, der Hafen gehört zu den größten des Mittelmeers und die Region Katalonien ist ein wichtiger Industriestandort in Spanien. Wo produziert wird, da wird gestaltet. Die Historikerin Pilar Vélez leitet das Disseny-Designmuseum. “Für mich ist es ein Identitätsstifter, denn es hält Geschichte fest”, sagt sie. Der erste Vorläufer der heutigen Designschulen, von denen es ganze zwölf in der Stadt gibt, sei 1775 vom Verband der Gewerbetreibenden gegründet worden. Dort wurden Zeichner ausgebildet zur Gestaltung der Telas indianas, bunter, mit floralen Mustern bedruckter Baumwollstoffe.

Barcelona war lange Zentrum für Textilindustrie, die Stoffe gingen in die ganze Welt. Der Erfolg sei dem Industriebürgertum zu verdanken, sagt Vélez. Die Museumssammlung besteht zum Großteil aus Schenkungen katalanischer Unternehmer, die oft auch Sammler waren. Dazu gehören Pürierstäbe, Stehlampen und Eiswürfelzangen aus den Sechzigerjahren. Sie erzählen von Lebensstandard und Zufriedenheit im Katalonien der letzten Francojahre; und mehr als 500 Plakate, Verpackungen und Buchtitel aus den Fünfzigerjahren zeigen katalanisches Grafikdesign. Sie bewarben Psychopharmaka, Hämorrhoidenmittel oder Krimis.

Noch führen um die Plaça Glòries drei Hauptstraßen herum, doch zwei Tunnel sind in Bau. Der drei Kilometer vom Zentrum entfernte Platz soll verkehrsberuhigt und begrünt werden, die Stadt will ihn zum neuen Anziehungspunkt machen, für Bürger, Trendsetter und Kulturtouristen. Neben dem Museum beherbergt das 2014 eröffnete DHUB-Gebäude die Stiftung Barcelona Centro de Disseny (BCD) und den Verein für Künste, Design und Architektur (FAD). Beide Zusammenschlüsse fördern die gute Gestaltung. Das FAD vergibt renommierte Preise und das BCD vertritt seit 1973 die Interessen der Designer. Es begann, katalanisches Design in Europa vorzustellen und will “ein Image, das es spanienweit sonst nicht gibt” prägen, wie BCD-Leiterin Isabel Roig sagt.

Das DHUB soll viele Besucher auf sich ziehen und damit auch ein Problem lösen, das die Stadt seit einigen Jahren plagt: Sie wird von Touristen überrannt. Deren Zahl hat sich seit der Austragung der Olympischen Sommerspiele 1992 verdreifacht. Rund um die Gaudí-Kirche Sagrada Familia, im ehemaligen Fischerviertel La Barceloneta oder an Barcelonas berühmtester Straße, der Rambla, kam es jüngst wie schon in den vergangenen Jahren immer wieder zu Protesten. Den Bürgern werden die knapp acht Millionen Touristen, die jedes Jahr anreisen, zu viel. In den Gassen der Altstadt sei kein Durchkommen mehr, die Busse seien überfüllt, die Preise zu hoch, beschweren sie sich. Ada Colau, im Mai gewählte Bürgermeisterin eines Linksbündnisses, setzt erste Maßnahmen dagegen: So wurde ein Moratorium verhängt, wonach ein Jahr lang keine neuen Hotels und andere Urlauberunterkünfte genehmigt werden. Davon betroffen ist auch die Hyatt-Gruppe, die im Agbar-Turm ein Luxushotel plant. Darüber hinaus soll die Zahl der über Internetplattformen vermieteten Privatwohnungen begrenzt werden. Gerade sie sorgen häufig für Unmut, wenn junge Touristen in Mietshäusern feiern.

Heute liegt Barcelona bei den Ausgaben der Touristen mit jährlich rund 12,5 Milliarden Euro in Europa auf Platz drei, nach London und Paris. Statistisch gesehen geht ein Viertel davon am Prachtboulevard Passeig de Gràcia in die Kassen der Einheimischen. Die Geschäfte spezialisieren sich dort zunehmend auf kaufkräftige Besucher etwa von Formel-1-Rennen. Immer weniger Einheimische kaufen am Passeig de Gràcia. Als dort kürzlich nach 74 Jahren das bekannte, von einer katalanischen Familie betriebene Designgeschäft Vinçon schloss, beklagten die Barceloneser den Verlust sehr.

Heute wirke Barcelona gesichtsloser, beklagt Albert Fuster, man fühle sich manchmal wie in Singapur oder Cancún. Fuster leitet Elisava, die älteste Designschule der Stadt. Sie steht an der von Touristen überlaufenen Rambla. “Hier gibt es eine Vergangenheit, eine Tradition, einen Stil, das darf der Tourismus nicht völlig verändern”, sagt Fuster. Seine Schüler entwerfen neue Lebensräume für Obdachlose oder Apps, mit denen alte Menschen von ihrer Wohnung aus einkaufen können. Barcelona setzt nun verstärkt auf Technologie und damit auf Design. Für beinahe alle Projekte der Stadt sei Design der treibende Motor, sagt Isabel Roig, Leiterin des BCD, von der Stadtgestaltung bis zu den Start-ups. Ob das nun Reise-Apps für Stadtbesucher sind, virtuelle Rundgänge, digitale Kommunikation an Metrostationen: “Das geht nur mit Designern, die uns die Technologie übersetzen”, sagt Roig.

Vielleicht liegt die Zukunft ja gleich neben der Plaça Glòries, im Poble Nou. Der alte Industriestandort hat scheinbar alles, Charakter und Hightech. Die Gegend wird Distrit 22@ genannt. Fernsehsender, Designbüros, Unis und Softwarefirmen bieten mehr als 50 000 Arbeitsplätze. Ein paar Straßenzüge weiter erkennt man das einstige Arbeiterviertel noch. Kaum ein Tourist ist zu sehen. Auch das Poble Nou hat eine Rambla, eine Flaniermeile. Hier gehört sie noch den Bewohnern. Alte Leute sitzen in Hausschuhen auf Bänken, Kinder spielen Ball. Fast dörflich wirkt das.

Hier lebt und arbeitet die Städteplanerin Teresa Batlle. Sie ist Vizepräsidentin des spanischen Vereins für Nachhaltigkeit und Architektur. Den Technologie-Hype beobachtet sie mit Skepsis. “Wenn es smart ist, Barcelonas Luftwerte zu verbessern, damit wir wieder die Fenster öffnen können, dann bin ich dafür”, sagt die 54-Jährige. Sie begrüßt, dass sich nun etwas tut in ihrer Stadt. “Barcelona ist endlich aus dem Olympia-Rausch erwacht.” Endlich gehe es auch um Energie und Umwelt . “Ich glaube, allmählich wird den Leuten klar, dass die Stadt eine Strategie braucht, nicht nur eine Form.”

http://www.sueddeutsche.de/reise/spanien-raum-der-zukunft-1.2622037

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