Francos umstrittenes Grabmal – Das Valle de los Caídos wird 75

Deutschlandfunk 23.6.2015 · Bis heute lastet auf der Kirche in Spanien eine schwere Hypothek. Warum? In der Zeit der Diktatur machte sie mit Franco gemeinsame Sache. Der Diktator stattete die katholische Kirch mit viel Macht aus. Im Gegenzug dazu ließ er ich von ihr zum Beispiel als Herrscher von Gottes Gnaden anerkennen. Eine unheilige Allianz. Zehntausende wurden unter Franco verschleppt und ermordet. Doch die katholische Kirche in Spanien leistet Franco auch nach seinem Tod noch treue Dienste. Sie verwaltet sein imposantes Grabmal in der Nähe von Madrid und liest dort jeden Tag eine Messe. Vor genau 75 Jahren wurde die Gedenkstätte erbaut. Sie ist bis heute sehr umstritten.

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Eine Cruzada, ein Kreuzzug, war für den spanischen Diktator Francisco Franco der Bürgerkrieg in den Jahren 1936 bis 1939. Den im Kampf Gefallenen widmete er eine Gedenkstätte in den Bergen von Madrid, und ließ sich nach seinem Tod 1975 selbst dort begraben, im Valle de los Caídos. 1940, vor 75 Jahren, ordnete Franco den Bau an.

Der Bürgerkrieg war gerade mit dem Sieg der Faschisten zu Ende gegangen. 20.000 politische Häftlinge und Zwangsarbeiter sprengten auf dem 23.000 Quadratmeter großen Gelände eine 260 Meter lange Basilika in den Fels, errichteten ein 150 Meter auf dem Bergkamm darüber hohes Kreuz, legten eine riesige Esplanade an, mit überlebensgroßen Heiligenfiguren in einem Säulengang. Viele Zwangsarbeiter verloren beim Bau ihr Leben. Im Inneren der Kirche wurden mehr als 30.000 Grabnischen eingerichtet, zunächst nur für die Opfer unter Francos Kämpfern. Das Ehrenmal sollte offiziell …

„… dem Gedenken an unseren glorreichen Kreuzzug dienen. (…) Die heldenhaften Opfer, die der Sieg mit sich bringt, die Bedeutung dieses Epos’ für die Zukunft Spaniens, all das kann nicht mit einer jener gewöhnlichen Gedenkstätte verewigt werden, wie sie in Städten und Gemeinden an die herausragende Ereignisse unsere Geschichte und die ruhmreichenTaten unserer Söhne erinnern.“

Eine halbe Stunde dauert die Fahrt von Madrid dorthin. Hat man die Stadt in Richtung Berge verlassen, taucht am Horizont bald das Kreuz auf, klein, schnell wird es größer. Es steht in 1.400 Metern Höhe in der Guadarrama Kette (sprich: Guadarráma), in einer dramatischen Landschaft. Schwarzkiefern, Lärchen, Fichten bilden dichte, dunkle Nadelwälder. Im Herbst und Winter verfangen sich Nebelschwaden in den grauen Felsen. 400.000 Touristen besuchen den Ort jährlich, weil sie Franco-Anhänger sind oder weil sie an Spaniens Geschichte interessiert sind. Und in der Nacht vor Francos Todestag pilgern Francotreue von Madrid aus dorthin. Bis heute ist die faschistische Gedenkstätte ein Symbol für Spaniens nicht aufgearbeitete Vergangenheit.

Über das staatliche Denkmal wacht die Kirche. Auf dem Gelände steht auch ein Benediktinerkloster. Die 25 Mönche verwalten auf Francos Wunsch die Anlage, betreiben dort ein Internat und eine Herberge. In der Basilika lesen sie tägliche Messe und laden zum Nachmittagsgebet.

In der Kirche liegen nicht nur Soldaten der Falange sondern auch republikanische Milizionäre, im Kampf gegen Franco gefallen oder aus politischen Gründen erschossen. Die meisten ruhen in anonymen Schreinen in einem Seitenschiff, hinter zwei verschlossenen Türen. Franco dagegen, und der Begründer Falangebewegung, José Antonio Primo de Rivera, ruhen in der Mitte des Hauptschiffes unter einer reich verzierten, rund 50 Meter hohen Kuppel Hochaltar, nur wenige Meter von denen jener Spanier, deren Tod Franco zu verantworten hatte. Ein unverständlicher und schmerzhafter Zustand für die Betroffenen. Für sie ist das Tal der Gefallenen nicht die Gedenkstätte eines glorreichen Kreuzzuges, für sie ist es ein Ort des Schreckens.

Ein riesiger Eingang, absolut beklemmend, mit faschistischen Symbolen, noch immer, obwohl das Gesetz des historischen Andenkens seit 2007 vorschreibt, dass solche Wahrzeichen verschwinden müssen. Die alten Leute wollen da nicht hin, sie schaffen das nicht. Man hat uns freien Eintritt angeboten, jeder Zeit, immer. Aber wir wollen ja gar nicht rein. Die Familien wollen nicht, dass ihre ermordeten Angehörigen dort liegen, wie kann man uns da freien Eintritt anbieten? Das ist absurd, ich will dort nicht beten! Ich will doch Onkel Pepe da rausholen!

Das sagt Silvia Navarro, 44-jährige Pilotin aus Madrid. Die Knochen ihres Großonkels Pepe, José Antonio Marco Viedma, liegen in der Krypta. Wenige Wochen nach Ausbruch des Bürgerkriegs wurde er 1936 in der nordspanischen Kleinstadt Calatayud von der Polizei aus seiner Wohnung geholt und an der Friedhofsmauer erschossen. Seine Leiche und die von 15 anderen Männern und Frauen verscharrte man in einem Massengrab. Pepe war 33 Jahre alt. Seine Vergehen: Er war Pazifist, Mitglied einer Freimaurerloge und er stand den Republikanern nahe.

Silvia Navarro (re) mit ihrer Mutter und dem Foto des Großonkels Pepe.

19 Jahre später, kurz bevor das Tals der Gefallenen fertig war, wurden die Reste aus dem Massengrab von Calatayud wieder ausgegraben und ohne Wissen oder Einwilligung der Familien in eine Grabnische im Tal der Gefallenen umgebettet. Sieben Säcke Knochen brachten die Falangisten nach Madrid. Das Monument war so groß angelegt, dass Knochen fehlten, um die Nischen zu füllen. Bis in die 80er Jahre wurden Knochen gebracht. Erst 2008 erfuhren die Angehörigen davon. In diesem Jahr veröffentlichte Spaniens sozialistische Vorgängerregierung erstmals Namenslisten. Sie erfüllte damit das Gesetz des historischen Andenkens von 2007. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Vergangenheitsbewältigung. Doch seit dem Regierungswechsel von 2011 ist das Gesetz de facto außer Kraft.

Die Regierung und die Kirche weigern sich, Franco-Opfer zu exhumieren. Wer im Tal der Gefallenen die Namen und Daten der Bestatteten erfahren möchte, muss den Prior der Benediktiner, Santiago Cantera Montenegro, um Erlaubnis bitten. Er spricht nicht mit den Medien, gilt als sehr konservativ und ist als Verteidiger des Franco-Regimes bekannt. Den Angehörigen machen es die Mönche nicht leicht. Silvia Navarro:

Als ich zum ersten Mal dorthin gefahren bin, habe ich nicht die Kirche besucht sondern die Bibliothek der Abtei, Ich wollte die Register sehen, das Bestattungsbuch konsultieren. Man hat mich sehr distanziert behandelt. Beim zweiten Besuch haben sie mir dann drei Personen zur Seite gestellt, die mich die ganze Zeit überbewachten. Nach zwei Stunden haben sie mich dann gefragt, ob ich fertig sei und mich aufgefordert, zu gehen.

Auch andernorts, wo Franco-Opfer gegen den Willen der Angehörigen vergraben wurden, zeigt sich die spanische Kirche unkooperativ. Der Madrider Anwalt Eduardo Ranz vertritt seit drei Jahren landesweit die Interessen von rund 60 Familien. Vier Gerichtsinstanzen haben deren Anträge zur Exhumierung abgelehnt, auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Anwalt Eduardo Ranz:

Die katholische Kirche hat noch immer große Entscheidungskraft, keine zivile Macht kann sie dazu zwingen, Gräber zu heben. Die katholische Kirche war zwar kein offizieller Teil des Staates, aber sie war der intellektuelle Apparat und generelle dafür verantwortlich, was damals passierte. Die Rolle der Kirche war damals wie heute, sagen wir, unzureichend. Früher, weil sie die Ideologie vorgegeben hat, heute wegen des Konkordats und auch weil sie noch immer verhindert, dass in öffentlichen Friedhöfen Gräber von Francoopfern gehoben werden.

Der sozialistische Parlamentsabgeordnete Odón Elorza (sprich Odonn Elorrtha) hat nun den politischen Weg gewählt. Zum 75. Jahrestag forderte er dieses Jahr eine Umdeutung des Monuments. Sein Vorschlag: Aus dem Tal der Gefallenen soll ein Ort der Versöhnung werden. Die Idee war 2011 entstanden, in einer von der Vorgängerregierung einberufenen Expertenkommission. Der 31 Seiten lange Bericht empfahl der Regierung …

mit größtmöglichem politischem und gesellschaftlichem Konsens einen Ort für alle Opfer in gleichen Konditionen zu schaffen; (…) eine umfassende Umdeutung aller Elemente zu erreichen; aus dem Tal der Gefallenen ein Zentrum zur Geschichtsinterpretation und Forschung zu machen, mit einem künstlerisch gestalteten Monument, auf dem allen Namen verewigt und auch die anonymen Opfer gewürdigt werden; den Forderungen der Angehörigen nachzukommen, die ihre Verstorbenen zurückhaben wollen; in Einvernehmen mit der Kirche über die Gräber von José Antonio Primo de Rivera und General Francisco Franco zu bestimmen, wenngleich die Kommission empfiehlt, aus rein moralischen Gründen, ohne politische oder ideologische Motive, die Reste von Franco in ein Familiengrab zu überführen und die von Primo de Rivera in gleicher Weise wie die der restlichen Opfer zu bestatten …

Damals wie heute geschah nichts. Die Abgeordneten der konservativen Partei PP lehnten die Empfehlungen der Experten und Elorzas Vorschlag ab.

Die Aussichten waren schlecht, aber ich war so naiv zu glauben, die PP könnten die Anfrage doch annehmen. Ich habe sie besonders zurückhaltend formuliert. Aber die Rechte in Spanien boykottiert das Thema. Ich glaube, einige von ihnen haben Franco-Gene in sich. Sie verurteilen einfach die Ereignisse der Diktatur nicht. Viele Kinder und Enkel von Entscheidungsträgern unter Franco, die eine direkte Beziehung zum Regime hatten, sind heute auf wichtigen Posten in Spanien.

Eine Regierungswechsel im Herbst könnte etwas ändern. Vielleicht würde das neue Kabinett auch die Empfehlungen der UNO annehmen. Premier Mariano Rajoy hat darauf nicht reagiert. 2014 war der Sonderbeauftragte für Menschenrechte, Pablo De Greiff, in Spanien auf Mission. In seinem Bericht zu Aufarbeitung, Rechtsprechung, Wiedergutmachung und Garantie der Nicht-Wiederholung von Verbrechen während des Bürgerkriegs und der fast 40-jährigen Diktatur kritisiert er unter anderem das institutionelle Vakuum. Spanien tue nichts oder fast nichts, um die schweren Menschenrechtsverletzungen aufzuarbeiten, schreibt De Greiff.

Zum Valle de los Caídos schreibt der UNO-Beauftragte:

Der Ort ist an sich eine Lobpreisung des Franquismus (sprich Frankismus). Solange im Zentrum des Monuments das blumengeschmückte Grab des Diktators steht, kann man es sich nur schwer als Ort des Friedens und der Versöhnung vorstellen.”

http://srv.deutschlandradio.de/themes/dradio/script/aod/index.html?audioMode=2&audioID=4&state[launchMode]=4&state[launchModeState][suche][searchTerm]=Brigitte+Kramer

 

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