Fehlende Zähne

Miguel de Cervantes

Nach dem Fund der Dichterknochen hofft Madrid auf den Cervantes-Effekt

NZZ, 28.3.2015 · Noch dauert es bis zu den Feierlichkeiten, mit denen im April 2016 der 400. Todestag des Miguel de Cervantes voraussichtlich begangen wird. Doch wenn jetzt ein Team von 36 Forschern in Madrid seine sterblichen Überreste gefunden haben will, ist das fürs Marketing ein Coup. Dass der Autor des «Don Quijote» in einem Kloster im Zentrum der Stadt begraben wurde, weiss man seit dem Jahr 1870. Nachforschungen in Archiven hatten damals ergaben, dass die Leiche trotz späteren Umbauten und Umbettungen immer in der Klosterkirche geblieben ist. In Cervantes’ Todesurkunde steht vermerkt, er «soll bei den Trinitarierinnen begraben werden». Das Kloster war 1616 gerade erst errichtet worden, Cervantes wohnte in der Nähe, und seine Tochter war dort Ordensfrau.

Die gefundenen Knochen sind bisher nur aufgrund von historischen Beschreibungen identifiziert. So weiss man, dass Cervantes eine auffallend grosse Nase und am Lebensende nur noch sechs Zähne hatte. Belegt ist auch, dass der Schriftsteller bei der Schlacht von Lepanto 1571 von den Bleikugeln einer Arkebuse in der Brust, am linken Arm und an der linken Hand verletzt worden war. Ausschlaggebend für die Zuordnung waren nun vor allem der Fund eines stark verrotteten Sarges mit den metallenen Lettern MC sowie des Teils eines Kieferknochens, in dem mehrere Zähne fehlten. Das Team halte es «einstimmig» für möglich, «dass wir es mit den Resten von Cervantes zu tun haben», sagte der Leiter der Forschergruppe, der Forensiker Francisco Etxeberria. Sicherheit kann nur ein Abgleich des Erbguts mit den sterblichen Überresten einer Schwester oder der Grossmutter des Schriftstellers bringen, die in zwei Kleinstädten nahe Madrid begraben wurden. Dieses zeit- und kostenaufwendige Vorhaben soll nun «aus rein wissenschaftlichem Interesse» anlaufen, so Etxeberria, auch wenn er und seine Mitarbeiter kaum weitere Beweise brauchten.

Vor rund einem Jahr machten sich Archäologen, Forensiker und Historiker unter internationalem Aufsehen daran, die genaue Stelle des Grabes zu suchen. Zum Einsatz kamen unter anderem ein Georadargerät und eine Endoskopie-Kamera. Auftraggeber und Träger des rund 115 000 Euro teuren Projektes war die Stadt Madrid, die zuvor lange mit dem Orden und dem Erzbistum verhandelt hatte. Die Nonnen fürchteten, sie würden in ihrem Klausurleben gestört und müssten die Knochen gegen ihren Willen freigeben. Mit Recht, befanden Kommentatoren. Sie nannten die Suche den «Cervantes-Zirkus» oder forderten dazu auf, anstatt der Schlagzeilen das Werk des Universalautors zu lesen. Die Stadt habe nur die Absicht, das Grab des Dichters kommerziell zu nutzen und als neue touristische Attraktion zu vermarkten.

Ginge es nach der Stadtverwaltung, stünde am 23. April 2016 tatsächlich alles bereit für den erhofften weltweiten Andrang der Cervantes-Fans. Doch die Krypta mit der Grabnische ist Eigentum des Trinitarierinnen-Ordens. Nun laufen erneut Verhandlungen über die künftige Präsentation des Grabes, einen öffentlichen Zugang und die Verteilung der Einnahmen. Das Viertel, in dem das Kloster steht, ist als «Literaturviertel» bekannt. Während des Siglo de Oro, des spanischen Barockzeitalters, und danach lebten dort ausser Cervantes so wichtige Autoren wie Quevedo, Góngora, Calderón de la Barca oder Lope de Vega. Spaniens Kulturminister José Ignacio Wert träumt bereits von Zuständen wie in Stratford-upon-Avon: «Das wird unsere Stadt beleben wie Shakespeares Grab, das zur kulturellen Pilgerstätte Englands geworden ist.» – Cervantes, seinerzeit in Armut gestorben, war ohne grosse Feierlichkeiten bestattet worden.

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