Staatsverbrechen

Klarheit über den Mord an Federico García Lorca

NZZ, 11.5.2015 · Im Jahr 1965 stellte die französische Autorin Marcelle Auclair eine Anfrage an die spanische Botschaft in Paris. Sie wollte Genaueres über die letzten Tage und die Todesumstände des spanischen Dichters und Dramatikers Federico García Lorca (1898–1936) erfahren. Die Anfrage wurde nach Madrid weitergeleitet, von drei Ministern begutachtet und zur Bearbeitung an die Polizei nach Granada geschickt. Dort ist García Lorca wenige Wochen nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs erschossen worden. Der Bericht wurde im selben Jahr verfasst, doch eine Antwort erhielt Auclair nie.

Vor kurzem ist nun das dreiseitige, maschinengeschriebene Dokument aufgetaucht. Unbekannte haben es dem spanischen Rundfunksender Cadena Ser zukommen lassen. Es wurde 29 Jahre nach García Lorcas gewaltsamem Tod geschrieben und schildert die grossangelegte Verhaftung Lorcas im Haus von Freunden, wohin er aus Angst geflohen war. Während eines späteren Verhörs in der Polizeiwache soll er dann «gestanden» haben. Der Inhalt des Geständnisses wird aber nicht geklärt. Danach wurde García Lorca in ein provisorisches Gefängnis nahe Granada gefahren, wo er seine letzte Nacht verbrachte. Am 18. August wurde er dort, an einer Landstrasse, um 4 Uhr 45 morgens erschossen und «in direkter Nähe, in einer schwer zu findenden Schlucht» vergraben.

In dem Bericht wird der Verfasser von «Bluthochzeit», «Yerma» oder «Bernarda Albas Haus» als Sozialist, Freund wichtiger Intellektueller, Freimaurer und Homosexueller bezeichnet, «eine allseits bekannte Abnormalität, auch wenn es keinen konkreten Vorfall gibt». Das Dokument bestätigt, was alle wussten und das Franco-Regime jahrzehntelang geleugnet hatte: Federico García Lorca wurde von den Faschisten erschossen. Für den Lorca-Spezialisten Ian Gibson ist der Bericht der Beweis dafür, dass der Tod des Dichters politisch motiviert war. Es sei nun offensichtlich: «Lorcas Ermordung war ein Staatsverbrechen.»

Zu den Todesumständen zirkulierten jahrzehntelang Gerüchte, der Autor sei von Verwandten aus Neid ermordet oder von intriganten Homosexuellen umgebracht worden. Im – von Angehörigen betriebenen – Dichterhaus Huerta de San Vicente in Granada sorgt der Bericht für Genugtuung. «Endlich ist dem Rufmord ein Ende gesetzt», sagt eine Sprecherin. Das Kulturministerium bezweifelte indirekt die Echtheit des Dokuments, von dessen Existenz im Ministerium niemand gewusst habe. Und die Gewerkschaften kritisierten, dass der Bericht exklusiv einem Privatsender zugespielt wurde. Ein Sprecher forderte, endlich die Archive der Diktatur allen zugänglich zu machen.

 

http://www.nzz.ch/feuilleton/staatsverbrechen-1.18540407

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