Spanien will nach Greenwich

Immer mehr Spanier fordern die Rückkehr in die Zeitzone von Greenwich. Der Beginn der Sommerzeit heute Sonntag wäre eine Chance für den überfälligen Wechsel.

NZZ am Sonntag, 29.3.2015 · Ginge es nach José Luis Casero, wäre Spanien zum letzten Mal dabei, wenn Europa heute Sonntag die Uhren auf Sommerzeit umstellt. «Wir wollen endlich in Harmonie mit der Sonnenzeit leben», sagt er und fordert die Rückkehr zur Greenwich-Zeit. Der Vorsitzende der «Kommission für die Rationalisierung spanischer Zeitplanung» (Arhoe) hat darum für heute in Madrid eine Demonstration organisiert, für ein «glücklicheres, gesünderes, produktiveres und wettbewerbsfähigeres Land». 70 Prozent aller Spanier unterstützen laut einer Arhoe-Umfrage das Anliegen.

Spanien gehört seit 75 Jahren zur Mitteleuropäischen Zeitzone. Doch das Land liegt abgesehen von einem schmalen Streifen an der Ostküste geografisch in der Greenwich-Zeitzone, wie sein Nachbar Portugal, die Kanarischen Inseln oder Grossbritannien. Würde Spanien die Umstellung im März überspringen und dann im Oktober auf Greenwich-Winterzeit umstellen, wäre das Land wieder in der Greenwich-Zeitzone angekommen.

An diesem Ziel arbeitet Arhoe seit 12 Jahren. Es gibt Kongresse, Audienzen beim König, Preise, Jahrbücher. Eine Kommission im spanischen Kongress arbeitet seit 2013 an einer Studie zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen eines Wechsels der Zeitzone. Doch bis jetzt war keine Regierung zu einem Wechsel zu bewegen. Denn mit dem Umstellen des Zeigers ist es nicht getan. Die Spanier gehen generell nicht besonders sorgsam mit ihrer Zeit um. Bei ihnen passiert alles später als im Rest Europas.

Das Übel begann am 16. März 1940. Damals liess der Diktator Francisco Franco Spaniens Uhren auf Berliner Zeit umstellen, wo sein Bündnispartner Adolf Hitler regierte. Spanien tickte fortan im Gleichtakt mit Deutschland – und geriet aus dem Takt. Wenn die Sonne am höchsten steht und es also 12 Uhr mittags sein sollte, zeigen die Uhren in Madrid bereits 13 Uhr 30 an. Später erfand Francos Tourismusminister den Slogan «Spain is different». Ein diffuses Selbstverständnis, irgendwie anders zu sein, hat sich festgesetzt. Und das Image des entspannten, mediterranen Fiesta-Landes wird auch von Reiseveranstaltern gefördert.

Irgendwann haben es die Spanier selbst geglaubt, dass man um zehn zu Nacht isst, nicht vor Mitternacht zu Bett geht, morgens einen starken Kaffee braucht, zwischen zwei und vier Mittagspause macht, danach bis nach acht im Büro sitzt, dass kaum Zeit fürs Familienleben bleibt und man es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt.

«Hier wird weder die eigene Zeit noch die der anderen respektiert», sagt Casero. Das ist für ihn das Grundproblem. Bei der Lösung müssten vor allem die Arbeitgeber mithelfen. «Viele verstehen nicht, dass lange Arbeitszeiten nicht unbedingt bessere Resultate bringen.»

Die Realität ist also alles andere als entspannt. Salopp gesagt, schaffen die Spanier wenig, weil sie im permanenten Jetlag leben und mit allem zu spät dran sind. Nur die Hälfte hat bis um 20 Uhr Feierabend – der Rest noch später. Auch hupende Autofahrer oder laut gestikulierende Kneipenbesucher sind laut Casero nicht unbedingt Zeichen südlichen Temperaments. Sie hätten auch mit Dauerstress und chronischer Übermüdung zu tun.

Für Casero ist die Zeitverschwendung so gut wie an allem schuld, was in Spanien schief läuft: viele Scheidungen, viele Schulversager, geringe Wirtschaftskraft, wenig Geburten, benachteiligte Frauen. Auch Spaniens rekordhohen Kokainkonsum führt Casero auf das Leben in der falschen Zeitzone zurück.

Ein Zeichen hat nun das öffentlichrechtliche Fernsehen gesendet. Seit März beginnt die Hauptsendezeit dort eine knappe halbe Stunde früher als bisher, um 22 Uhr 15. Denn die Sendungen sollten möglichst vor Mitternacht enden. Auslöser waren auch Proteste von Zuschauern, deren Kinder Fans einer Kochshow sind. Die Sendung begann bis jetzt dienstags um 22 Uhr 30 und endete um halb ein Uhr nachts.

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