Das Leben ist kein Hundert-Meter-Sprint

David Truebas Roman zu Spaniens Krise gewinnt den Kritikerpreis

NZZ, 6.5.2009 · Die Weltwirtschaftskrise hat Spanien in besonderer Art erwischt: Jüngere Leute kannten bisher nur den stetigen Boom. David Truebas neues Buch hilft ihnen nun, auch das Verlieren zu lernen.

Spanien steckt in der Krise. Dabei ist das Land nicht allein. Doch in Spanien ist die Krise nicht nur wirtschaftlich (knapp 18 Prozent Arbeitslose, mehr als vier Millionen Menschen, Ende April), sie ist auch psychologisch. Das Selbstbewusstsein sinkt parallel zu den Statistiken. Jüngeren Spaniern – den ab 1975 geborenen, dem Jahr, in dem Francos Diktatur endete – muss man erst erklären, dass alles, was sie bisher gelernt haben, keine Gültigkeit mehr hat. Dass das Geld nicht einfach so aus dem Automaten kommt; dass man sich ohne Eigenkapital kein Haus leisten und den gesamten Haushalt nicht auf Raten kaufen sollte. Die Ära des grenzenlosen Konsums ist zu Ende.

Neuorientierung des Wertekanons

Im EU-Beitritts-Jahr 1986 lag Spaniens Pro-Kopf-Einkommen bei 70 Prozent des EU-Durchschnitts. Im Jahr vor Beginn der Krise, 2007, lag es bei 95 Prozent, das Wirtschaftswachstum bei 3,8 Prozent. Für das laufende Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds eine Rezession von 3,5 Prozent in Spanien. Nach 20 Jahren der Selbstzufriedenheit und Sorglosigkeit kommt nun die Zeit der Reflexion und Reifung. Erste Aufforderungen zu Fleiss und Ausdauer werden laut, nichtmaterielle Werte werden beworben, individuelle Wünsche und Ziele öffentlich neu definiert.

Bei dieser kollektiven Neuorientierung ist nun ein inspirierter Therapeut aufgetaucht: David Trueba, Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller, geboren 1969 und damit etwas älter als die Angehörigen der Konsumgeneration. Der Madrilene hat für seinen Roman «Saber perder» (er erscheint unter dem Titel «Schöner scheitern» im Februar 2010 bei Kiepenheuer und Witsch) gerade den Preis der spanischen Literaturkritik erhalten: 22 Feuilletonisten des Landes wählten sein Buch zur besten Neuerscheinung 2008.

Trueba stammt aus einer Familie, wie sie früher typisch war in Spanien: Vater Vertreter, Mutter Hausfrau, sieben Geschwister. Seine Herkunft, seine Gesinnung und seine Sensibilität machen den 39-Jährigen zum idealen Begleiter auf der Suche nach einem neuen Wertekanon. Truebas Philosophie: «Das Leben ist voll von kleinen Niederlagen, die man lernen muss zu meistern. Leben, das heisst für mich verlieren können.»

Die vier Hauptfiguren seines dritten Romans durchleben in Madrid persönliche Krisen, vier Jahre vor dem grossen Crash, den weder der Autor noch seine Geschöpfe erahnen: Truebas Roman ist im Februar 2008 erschienen. Dennoch taugt das Buch als Anleitung zum Überleben in der neuen Ära.

In vier Kapiteln, die unter den Zeichen von Verlangen, Liebe, Ich und Ende stehen, kratzt Trueba an der Glanzschicht zeitgenössischer Vorbilder und setzt ihnen Helden entgegen, deren Stärke darin besteht, Misserfolge zu meistern, Stereotype zu brechen und bis zum Ende widersprüchlich zu bleiben. Sie verkeilen sich in den inneren Spannungen des Systems und werden gebeutelt von individuellen Schicksalsschlägen, die die Handlung vorantreiben: Leandro, pensionierter Klavierlehrer, trauert um die verhinderte Karriere als Konzertpianist und steuert auf den finanziellen Ruin zu. Sein Sohn Lorenzo, frisch geschieden, wurde von seinem Geschäftspartner betrogen und begeht ein Verbrechen. Ariel, Fussballer aus Buenos Aires, wurde von einem spanischen Verein eingekauft und kann die Erwartungen der Fans nicht erfüllen. Sylvia, Enkelin von Leandro und Tochter von Lorenzo, an deren 16. Geburtstag der Roman beginnt, erleidet einen Autounfall. Sie wird dadurch in einen Reifeprozess katapultiert und entwickelt sich zur Hauptfigur des Romans.

Die Figuren sind auch Opfer des spätkapitalistischen Systems a la española, in dem transatlantische Fussballertransfers grossangelegten Drogengeschäften ähneln, in dem Dahergelaufene Firmen und Scheinfirmen gründen und wieder schliessen, in dem Eltern und Kinder nebeneinanderher leben und in dem Kokain, Prostitution, Korruption und systematischer Betrug Teil des Alltags aller Generationen sind. «Wir verwechseln das Leben mit einem 100-Meter-Sprint», sagt Trueba, «der Leistungssport hat uns seine Werte aufgedrückt: Schnelligkeit, frühe Leistungsspitzen, vorgezogener Rückzug.»

Scheiternde Karrieren

Was passiert mit Menschen, die den Anforderungen nicht genügen? Trueba hat auf 520 Seiten versucht, diese Frage zu beantworten, und dabei die vier Handlungsstränge durch immer schnellere Schwenks ineinander verflochten. So baut der erfahrene Drehbuchautor Spannung auf. Durch gut recherchierte Milieuschilderungen und präzise Psychogramme führt er den Leser zudem nah an seine Helden heran. Ihnen verzeiht man bald alles – einen Mord, Trunkenheit am Steuer, Ehebruch, faustdicke Lügen, Gewalt. In dieser gewachsenen Vertraulichkeit liegt der starke therapeutische Effekt des Buches.

Ein Roman mit dem Titel «Saber perder» kann kein gutes Ende haben. Dennoch ist das Buch nicht die bittere Abrechnung eines Pessimisten. Die Helden lösen sich aus ihrer Melancholie, nachdem sie Ungerechtigkeiten, Gewalt und Grausamkeit überlebt haben. Sie gewinnen an Weisheit und Würde und erkennen, dass am Lebensende nicht die Goldmedaille wartet. «Mehr als der Erfolg interessiert mich das Überleben», sagt Trueba. Bei vielen scheint diese Einsicht gefruchtet zu haben. Der Roman stand monatelang auf der spanischen Bestsellerliste, und wie es heisst, hat auch der Trainer des FC Barcelona, Pep Guardiola, seinem argentinischen Starspieler Messi ein Exemplar geschenkt.

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