Spätfolgen königlicher Seitensprünge

Spaniens Justiz lässt erstmals eine Vaterschaftsklage gegen Altkönig Juan Carlos zu

Zwei angebliche uneheliche Kinder des einstigen Königs und Schwerenöters Juan Carlos könnten Spaniens Monarchie aus den Fugen geraten lassen. 

NZZ am Sonntag, 18.1.2015 · Spaniens bedrängte Monarchie ist mit neuen Skandalen konfrontiert. Es geht um die früheren Seitensprünge von Altkönig Juan Carlos und deren juristische Aufarbeitung. Der Oberste Gerichtshof hat diese Woche eine Vaterschaftsklage gegen den letzten Sommer zurückgetretenen Regenten zugelassen. Der 77-Jährige hat nun 20 Tage Zeit, um darauf einzugehen. Bestreitet er den Vorwurf, muss er sich voraussichtlich einem DNA-Test unterziehen. Die Klägerin, die 48-jährige Belgierin Ingrid Sartiau, behauptet, 1965 von Juan Carlos gezeugt worden zu sein – in einem Hotel an der Costa del Sol.

91-Prozent-Geschwister

Eine weitere, womöglich noch explosivere Klage des Spaniers Albert Solá wurde indes aus Mangel an Beweisen abgelehnt. Der 58-Jährige will ebenfalls ein uneheliches Kind des pensionierten Königs sein. Doch Solá konnte nicht belegen, dass Juan Carlos 1956 mit seiner Mutter ein Verhältnis hatte. Dabei gibt es starke Indizien. Die potenziellen Halbgeschwister Solá und Sartiau liessen 2012 ihr genetisches Erbe vergleichen: Mit 91 Prozent Wahrscheinlichkeit haben sie einen gemeinsamen Elternteil. Die Vermutung: Dieser ist Juan Carlos.

Spanien fragt sich nun, ob bei den mutmasslichen Königskindern zweierlei Mass angelegt wurde. Sartiau hatte erklärt, auf Thronansprüche zu verzichten. Sie fordert nur eine offizielle Anerkennung der Vaterschaft. Solá hingegen bezeichnet sich selbst als «Staatsproblem». Würde er mehr Beweise nachreichen und vor Gericht einen Sieg erzielen, könnte er die spanische Thronfolge durcheinanderbringen. Denn Solá ist zwölf Jahre älter als König Felipe, der älteste eheliche Sohn, welcher letztes Jahr die Nachfolge antrat.

Spaniens Verfassung schliesst uneheliche Kinder nicht explizit von der Thronfolge aus, im Gegenteil. Antonio Torres del Moral, Professor für Verfassungsrecht, betont: «Es wird nicht zwischen ehelich und ausserehelich unterschieden. Alle Nachkommen sind gleichberechtigt.»

Auch Sartiau, deren Klage nun zugelassen wurde, ist älter als König Felipe. Doch stünde sie als Frau nicht vor diesem. Denn in Spanien werden männliche Nachkommen bevorzugt.

Dass es Juan Carlos mit der ehelichen Treue nicht genau nimmt, darüber wurde in Spanien schon immer gemunkelt. An seinem Ferienort Mallorca kennt man beispielsweise Marta Gayá, die in den neunziger Jahren seine Geliebte gewesen sein soll. Mit ihr hat der Bourbone offenbar viele Privatreisen auch in die Schweiz unternommen. Gayá will sich zu dem Thema nicht äussern.

Jahrzehntelang galt der König als unantastbar, die Medien berichteten nur positiv. Schliesslich rettete Juan Carlos im Jahr 1981 die damals junge Demokratie Spaniens. Die Negativschlagzeilen begannen 2012, als der Monarch bei der Elefantenjagd in Botswana erwischt wurde, gemeinsam mit der deutschen Adligen Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Der exotische Ausflug inmitten Spaniens grösster Wirtschaftskrise beschleunigte letztlich Juan Carlos’ Abdankung. Seither geniesst der Monarch keine umfassende Immunität mehr, hat aber weiterhin einen juristischen Sonderstatus. Klagen gegen ihn können nur am Obersten Gerichtshof eingereicht werden. Dieser nimmt nur Fälle mit umfassender Beweislast an.

Thronfolge aus den Fugen

Trotz all diesen rechtlichen Hürden sorgt man sich unter den Juristen Spaniens offenbar darum, dass weitere Vaterschaftsklagen die Thronfolge ganz aus den Fugen geraten lassen. Verfassungsrechtler Torres del Moral weist für diesen Fall bereits eine juristische Hintertür: «Man könnte die Verfassung auch so interpretieren, dass nur die Nachkommen gelten, die nach deren Inkrafttreten im Jahr 1978 gezeugt wurden. Das wäre denkbar, denn wir wissen ja nicht, wie viele Anwärter noch auftauchen.»

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